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Buchtipp


Iris Hanika
Das Eigentliche

"So war die Dunkelheit, aus der dieser Staat vor langer Zeit hervorgekrochen war, in das hellste Licht gestellt und zu seinem eigentlichen erklärt worden, was nur logisch war, schließlich war es der Grund seiner Gründung." Iris Hanika hat einen Roman über die Professionalisierung des Gedenkens an die Verbrechen der Nazizeit geschrieben. In "Das Eigentliche" erzählt sie von dem 1962 geborenen Hans Frambach, der als Archivar am Berliner Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung arbeitet. Das Leiden an der Vergangenheit definiert für ihn das Unglück, unter dem er seine gesamte Existenz zusammenfasst. Seine Besessenheit gipfelt in einer Schlüsselszene des Romans, in der Frambach die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht. Er verspürt er den Zwang, den Weg der Häftlinge in die Gaskammern nachzugehen. Doch kurz vor dem Ziel widersetzen sich die Beine seinem Willen, statt links abzubiegen geht er nach rechts in Richtung Ausgang. In dem Buch folgen auf diese Szene drei unbedruckte Seiten. Kurz darauf folgen noch einmal drei leere Seiten, die dieses Mal jedoch mit "Raum für Notizen" überschrieben sind. Voraus geht eine Szene, in der Frambach ein zweites mal flieht, diesmal von seiner Arbeitsstelle, dem Institut, das einmal einen Kollegen von ihm entlassen hat, weil er das Raucher-Treppenhaus als Gaskammer bezeichnet hatte. Mit typografischen Feinsinn, mit vielen Zitaten und einem tiefenscharfen Psychogramm fügt Iris Hanika einen wichtigen Roman den vielen Büchern hinzu, die sich vor "Das Eigentliche" damit auseinandergesetzt haben, dass man den Schrecken der Geschichte zwar greifbar, aber nicht begreiflich machen kann. Hanika kontrastiert dieses Problem mit der Lebenssinnsuche von Mittvierzigern im Spannungsfeld zwischen Beziehungen, Freundschaft und Einsamkeit: Sie stellt Frambach eine platonische Freundin an die Seite, für die das Entsetzen über die Geschichte in den Hintergrund rückt, nachdem sie ein sexuelles Verhältnis mit einem verheirateten Mann beginnt. Natürlich ist diese Gegenüberstellung anmaßend, vermessen, frivol. - Aber genau das reflektiert Hanika in ihrem Roman. (cs)






Droschl 2010

Roman



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09.03.2010