Bonobo: Migration

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Bonobo: Migration

Als Produzent und Musiker ist er weltweit etabliert. Doch für sein Meisterwerk musste Simon Green alias Bonobo komplett in der Luft hängen.

Simon, wenn du in einer Alltagssituation gefragt wirst, wo dein Zuhause ist, was antwortest du dann?

Simon Green: Ich würde sagen, dass ich seit zwei Jahren in Los Angeles lebe und mich dort sehr wohl fühle.

Wie wichtig ist dir dabei ein Zugehörigkeitsgefühl, das häufig mit dem nicht unproblematischen Begriff „Heimat“ beschrieben wird?

Green: Ich bin in einer ländlichen Gegend in England aufgewachsen, mit der ich mich nicht sonderlich identifiziere, trotzdem hat sich dieser Ort in mir eingeschrieben. Aber das haben all die anderen Orte auch, an denen ich bisher gelebt habe. Entscheidend ist, ob ich mich wohlfühle. Während ich mit der letzten Platte auf Tour war, ist meine Beziehung in die Brüche gegangen. Plötzlich habe ich keinen Grund mehr gesehen, noch Miete zu zahlen, wenn ich doch eh die ganze Zeit unterwegs bin. Mir war klar, dass es für mich keinen Grund mehr gibt, nach New York zurückzukehren, und so war ich etliche Monate ohne festen Wohnsitz.

War das schwer auszuhalten?

Green: Anfangs war es sehr befreiend, aber dann ist es ins Gegenteil umgeschlagen, und es hat mich zermürbt, nicht zu wissen, wo der Ort ist, an dem ich mich zurückziehen kann. Befeuert wurde das von der Tatsache, dass ich schon auf Tour sehr intensiv an den neuen Stücken gearbeitet habe. Es ist inspirierend, wenn du jeden Tag an einem anderen Ort bist und ständig neue Leute triffst. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem ich die Eindrücke sortieren und reflektieren muss.

Der Ausgangspunkt für „Migration“ war ja zunächst ein sehr persönlicher.

Green: Da sind mehrere Dinge zusammen gelaufen. In meinem engsten Umfeld gab es einen Trauerfall, und da meine Familie sich in alle Ecken der Welt zerstreut hat, kam die Frage auf, wo denn die Beerdigung stattfinden solle. Das hat mich auf Fragen gebracht, die du mit dem Zugehörigkeitsgefühl bereits angesprochen hast: Gehöre ich zu dem Ort, aus dem ich stamme oder zu dem, an dem ich mich befinde?

Was unfassbar viele Querverbindungen zur gegenwärtigen politischen Situation bietet.

Green: Natürlich, wobei man sich als Künstler momentan eigentlich gar nicht äußern kann und vielleicht auch darf, ohne diese Dinge mitzuverhandeln. Viele der melancholischen und düsteren Momente sind dem ganz sicher geschuldet. Wobei ich die Intention dieser Platte aber auf keinen Fall als explizites politisches Statement verstanden wissen möchte. Mein Ausgangspunkt waren vor allem kulturelle Aspekte, wie Personen bestimmte Einflüsse an einen Ort tragen und sie dort verwurzeln.

Dafür spricht, dass auf der neuen Platte auch Tracks zu hören sind, mit denen du tanzbarer als je zuvor klingst.

Green: Ich wollte auch die euphorischen Momente abbilden, und diese dramaturgische Spannbreite war die neue, große Herausforderung. Da kommt übrigens wieder New York ins Spiel, wo ich eine einjährige DJ-Residency hatte, bei der ich sehr viele Tracks testen und modifizieren konnte.

Was hat denn Los Angeles, was dir New York nicht bieten konnte?

Green: Ruhe. Als es darum ging, wo ich mich niederlasse, sollte es vor allem eine Stadt sein, die nicht so laut und nicht so hektisch ist. Und ich habe das gefunden, was ich in New York meist vergeblich gesucht habe: Austausch. In Los Angeles kannst du es dir noch leisten, Fehler zu machen und zu experimentieren, deswegen ziehen zur Zeit so viele kreative Leute dort hin. Fast alle Gastsänger habe ich durch meine L.A.-Kontakte gefunden.

Michael Milosh von Rhye, Nick Murphy, Nicole Miglis von Hundred Waters und Innov Gnawa: Alle eint, dass sie eine Migrationsgeschichte mitbringen.

Green: (lacht) Das hat sich sicher ausgewirkt, aber es war kein Einstellungskriterium. Auch hier verbinde ich die Arbeit oft nicht mit einen konkreten Ort, sondern mit Flüchtigkeit und Übergangssituationen. Michael Milosh hat seinen Gesang etwa in einem Hotelzimmer in Berlin eingesungen, während ich den Track im Flugzeug strukturiert habe. Veränderung und der stetige Lernprozess sind wichtiger als ein Zugehörigkeitsgefühl.

Interview: Carsten Schrader

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