Die Erfindung der Wahrheit

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Die Erfindung der Wahrheit

Diese Frau ist eine Bitch! Nein, sie ist einfach die Beste auf ihrem Gebiet. Quatsch, sie ist doch nur eine über Leichen gehende Karrieristin! Oder ist sie eine Moralistin? Wenn sie nur nicht so kalt und erfolgsgeil wäre … Jessica Chastain hat als Jurymitglied der Filmfestspiele von Cannes gerade erst die Darstellung von Frauen im Film als verstörend gebrandmarkt – um nun als schillernde Washingtoner Lobbyistin Elizabeth Sloane zu zeigen, was sie sich unter einer angemessenen Frauenrolle vorstellt! Ihr Vollprofi ohne Privatleben tänzelt auf Pfenningabsätzen schlagfertig und trickreich durch Konferenzräume, Galadinners und Gerichtssäle und lässt die Männer, Verbündete wie Feinde, sprachlos zurück. Chastain arbeitet dabei auf mitreißende Weise die Sexyness von Superkompetenz heraus: So eiskalt und dennoch sinnlich hat man die Erotik von weiblicher Macht noch nicht gesehen.

Was Abgebrühtheit und Gewieftheit angeht, kann Sloane es sogar mit einem anderen Charakterkopf des fiktiven Washingtoner Politikbetriebs aufnehmen: Frank Underwood, intriganter US-Präsident aus der erfolgreichen TV-Serie „ House of Cards“. Doch wo der ein lupenreiner Schurke ist, steht Sloane zumindest auf der richtigen Seite – wenn sie sich auch ähnlicher Mittel bedient wie Underwood. Als die National Rifle Association (NRA) Sloane engagieren will, um ein neues Waffengesetz zu verhindern, lacht diese erstmal laut auf ob der Obszönität der Idee – und nimmt dann das Jobangebot der unterfinanzierten Gegenkampagne an. Doch wer glaubt, sie tue das aus reiner Überzeugung, der irrt. Sloane geht es um die ultimative Herausforderung, um den Sieg von David gegen Goliath, eine der mächtigsten Interessengruppen der USA. Politiker illegal abhören lassen, die von der Gegenseite unter Druck gesetzt wurden? Klar! Die eigene Mitarbeiterin als emotionales Aushängeschild an die Öffentlichkeit verfüttern, weil sie einst Opfer von Waffengewalt war? Sicher doch, wenn’s dem Sieg hilft. Die Absurdität der liberalen US-Waffengesetze bringt Sloane pointiert auf den Punkt, als sich ihr Chef beschwert, dass Dildos in Texas verboten seien, sich jeder Hans und Franz aber in einem Sportgeschäft eine Flinte kaufen könne. „Das erklärt auch die wenigen Morde, die in Texas mit Dildos begangen werden“, entgegnet Sloane mokant, bevor sie sich zwecks Erfüllung körperlicher Bedürfnisse einen Callboy aufs Hotelzimmer bestellt.

Das ist vor allem eine Freude, weil mal eine Frau ein Arsch sein kann in einem klassischen Männerfilm. Den Bechdel-Test, der die Stereotypisierung von Frauen im Spielfilm mit drei Fragen untersucht, besteht „Die Erfindung der Wahrheit“ daher spielend: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Ja, sogar drei. Sprechen sie miteinander? Und ob! Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Die ganze Zeit. Chastain, die in Kathryn Bigelows Osama-Bin-Laden-Geheimdienstthriller „Zero Dark Thirty“ schon einmal eine Frau spielte, die mit ihrem Job verschmilzt, ist auch hier eine Offenbarung: ihre blutrot geschminkten Lippen, die roten Harre, die porzellanweiße Haut, die langen Beine, der unnahbare Sexappeal. Das alles ist nicht nur Körper, Inszenierung, Äußerliches, etwas, das – ein beliebtes Hollywoodklischee – die Frau einsetzt, um gegenüber Männern ihr Ziel zu erreichen. Es ist Ausrufezeichen, Uniform, gestreckter Mittelfinger, Rüstung für die Schlacht. Sloane ist eine Mischung aus Athene und Medusa, halb kampfgeübte Strategin, halb Monster, bei dessen Anblick die Männer zu Stein erstarren.

Am Schluss zeigt die unbesiegbare Sloane Schwächen, wird von den wütenden Männern besiegt und ins Gefängnis gesperrt. Oder hat sie alles von vornherein so geplant, Trick- und Puppenspielerin, die sie ist? … Frank Underwood würde Elizabeth Sloane jedenfalls lieben – und Schiss vor ihr haben. vs

Die Spielzeiten von „Die Erfindung der Wahrheit“ in Ihrer Stadt gibt es hier.

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