Die Migrantigen

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Die Migrantigen
Foto: Camino Film

Ein dunkelhaariger Mann mit südländischem Teint als einheimischer Hauptkommissar? Wo kommen wir denn da hin, das geht doch gegen die Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer! Einheimische sind weiß, Ausländer irgendwie farbig, so ist das. Den arabischen Taxifahrer, den darf er spielen, er sieht nun einmal ausländisch aus, basta, fertig aus, muss jetzt extra die Security kommen, oder gehen Sie freiwillig? Benny (Faris Rahoma) ist Schauspieler ohne Engagements, weil er sich weigert, als Österreicher mit Migrationshintergrund immer nur den Ausländer zu spielen. „Ich kenne den Kommissar doch viel mehr als den Taxifahrer“, erklärt er beim Casting mit starkem Wienert Akzent seine Bezugsprobleme zum wandelnden Ethnoklischee. „Man kann’s auch übertreiben mit der Integration“, wienert der Regisseur (Josef Hader in einer Gastrolle) zurück. Benny klagt seinem Kumpel Marko (Alexander Petrovic) sein Leid. Marko ist vegetarischer Hipster, fährt gerade seine Werbeagentur an die Wand, wird Vater und ist Kind jugoslawischer Eltern. Benny und Marko sind so sehr Ausländer wie Arnold Schwarzenegger und Conchita Wurst – doch aufgrund ihrer Job- und Geldprobleme werden sie rascher zu schlecht integrierten, kriminellen Migranten, sogenannten Tschuschs, als die FPÖ eine ausländerfeindliche Kampagne starten kann.

Denn als die TV-Redakteurin Marlene (Doris Schretzmayer) auf der Suche nach einem echten Knüller aus dem echten Leben krimineller Tschuschs durchs Problemviertel tigert, schleppen Benny und Marko gerade das Sofa von Markos Vater rum – und parlieren aus Spaß im migrantischen Klischeesprech. Schon sind sie engagiert für eine Reality Doku und geben sich spontan als Omar und Tito aus. Benny will dadurch als Schauspieler groß rauskommen, Marko braucht die Kohle – und so tauschen sie ihre normale Kleidung gegen den Gettostyle und machen auf drogenvertickende, Schutzgeld erpressende Migranten. Da sie das aber gar nicht können, weil sie ja nun mal im Land geborene, waschechte Österreicher sind, nehmen sie bei einem Typen aus dem Viertel Nachhilfeunterricht im Ausländersein. In der Folge wird ihre Freundin mit hippem Agenturjob für die Kamera zur Prostituierten, die für Tito und Omar anschaffen geht („Ich bin die Nutte und ich fick den ganzen Tag!“), und der Freund zum Drogendealer („Wie, nur weil ich schwarz bin, oder was?“). Die Quoten steigen – die Gefahr aufzufliegen allerdings auch …

Regisseur Arman T. Riahi, geboren im Iran, in Wien aufgewachsen, gibt dem Zuschauer mit seiner satirischen Komödie einige Fragen mit auf den Heimweg vom Kino: Wie entstehen Vorurteile und Vorverurteilungen? Aus der Realität oder aus der medialen Realität, die sich auf verkaufbare Zuspitzungen fokussiert, weil auflagen- und quotentechnisch misslungene Integration besser läuft als gelungene Inklusion? Wie können Integration und Inklusion Zugewanderter und ihrer Kinder gelingen, wenn in unseren Köpfen nicht nur weiterhin latent eine Blut-und-Boden-Denke vorherrscht, sondern diese auch aktiv durch die Unterhaltungskultur in Kino und Fernsehen forciert wird? Wir sehen, so sagt der Film mit einem Augenzwinkern, das, was wir sehen wollen: Zeigt uns einen Orientalen mit Goldkette und Lederjacke, und wir sehen: Macho, Schläger, Geldwäsche. Präsentiert uns einen vom Balkan mit Jogginghose und Hoodie, und es ist klar: Drogen, Vorstrafen, mach nen Bogen drum!

„Die Migrantigen“ zeigt mit Spott und Slapstick, wie Stereotypen funktionieren und wie steuerbar sie sind, in die eine oder andere Richtung. Und da wir alle den Kiez-Deutsch sprechenden Kleingauner, den fiesen Wettmafia-Russen und den radebrechenden Afrikaner als Kioskverkäufer kennen: Wie wäre es zur Abwechslung mal mit dem tunesischstämmigen Staatsanwalt, dem osteuropäischen Frauenheld oder dem taffen Ermittler mit Eltern aus Botswana? Sagt ja keiner, das uns das nicht gefällt – gab es nämlich noch nie zu sehen. vs

Die Spielzeiten von „Die Migrantigen“ gibt es hier.

Die Migrantigen
Foto: Camino Film