Die Orestie: Thalia Theater, Hamburg

Ganz vorne dran ist das Hamburger Thalia hier nicht: Ersan Mondtag inszeniert an den bedeutendsten Bühnen des Landes, zweimal wurde der erst 30-Jährige schon zum Berliner Theatertreffen eingeladen, aber in Hamburg durfte er bislang nur in der kleinen Gaußstraße inszenieren.

Die bisherigen Arbeiten des Wunderkindes aber, Orhan Pamuks „Schnee“ und Jacob Decars „Schere Faust Papier“, schienen Intendant Joachim Lux aber überzeugt zu haben, Mondtag endlich die große Bühne anzuvertrauen. Und dann gleich mit einem ganz großen Stoff: Aischylos’ „Die Orestie“, die erste Tragödientrilogie der Theatergeschichte, die die gesellschaftlichen Verwerfungen nach dem Ende des Trojanischen Krieges in den Blick nimmt, ein Stoff, den auch Karin Beier für ihren Intendanzstart am benachbarten Schauspielhaus in „Die Rasenden“ bearbeitete.

Mord, Sex, Leidenschaft – das sind Themen, die dieser Regisseur mit Freude surreal überhöht. Womöglich liegen diese Bezüge sogar allzu nahe? Die besten Inszenierungen Mondtags nämlich, „Das Erbe“ an den Münchner Kammerspielen und „Die Vernichtung“ in Bern, gewannen ihre Schärfe durch das Konzept, die alptraumhafte Bilderfreude der Regie auf Stoffe treffen zu lassen, deren politischer Gehalt ganz und gar nicht verkünstelt sondern durchaus unverstellt daherkam.