Elle

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Wenn es um Vergewaltigung geht, hört der Spaß auf. Nicht so bei Paul Verhoeven, der in „Elle“ gewalttätigen Sex, lieblosen Sex und Gefälligkeitssex nebeneinanderstellt und daraus einen spannenden Thriller baut. Zusammengehalten wird das Ganze von Isabelle Huppert, die noch nie so undurchschaubar war wie hier.

Katzen gelten gemeinhin als kluge Haustiere, ihre Besitzer schätzen an ihnen die Unabhängigkeit und ihre Reserviertheit. Hier erfüllt die Katze gleich zu Beginn dieses Klischee: Gleichgültig liegt sie da, während die Kamera über sie hinwegstreift und aus dem Hintergrund lautes und heftiges Stöhnen zu hören ist. Wir meinen zu wissen: Gleich kommt der Orgasmus. Als die Kamera endlich dort ankommt, wo die Action passiert, liegt ein heilloses Durcheinander von Tischutensilien auf dem Boden und mittendrin Michèle (Huppert), auf ihr ein ganz in Schwarz gekleideter und mit Skimaske vermummter Mann.

Man kann zwar auch einvernehmlichen Sex beim Rollenspiel vermuten. Es handelt sich aber um eine brutale Vergewaltigung, und sie wird nicht die letzte sein, die man in diesem Film sieht. Irritierend ist die Neutralität, mit der Verhoeven sie zeigt, was neben der detailversessenen Kamera an den handelnden Personen und an Michèle liegt. In aller Ruhe räumt sie nach dem Missbrauch das Zimmer auf, und als ihr Sohn zum Essen kommt, erklärt sie die Verletzungen im Gesicht mit einem Sturz vom Rad. Später besorgt sie sich Reizgas und einen Hammer, den sie beim Einschlafen in der Hand hält.

Als Zuschauer wird man ständig aufgefordert, übers Unerhörte hinwegzusehen, weil noch viel mehr Unerhörtes geschieht: Michèle überwacht die Mitarbeiter ihrer Videospielfirma. Sie hat einen Ex-Mann, dem sie gerne mal beim Einparken den Wagen demoliert, und ihr Geliebter (als solcher ekelhaft gut: Christian Berkel) ist der Mann ihrer besten Freundin. Kurz: Michèle ist so abgebrüht wie unbeliebt. Als sie völlig überraschend im Freundeskreis von der Vergewaltigung erzählt, durchbricht sie das konsternierte Schweigen mit einem resoluten „Können wir jetzt bestellen?“ und wimmelt alle besorgten Fragen ab.

Verhoeven konstruiert im Laufe des Films absichtlich Situationen, die es einem schwer machen, eindeutig zu reagieren. Nicht genug, dass er die brutalen, schnell geschnittenen Szenen des Films immer wieder mit absurd-komischen Momenten im Stile des französischen Quasselkinos konterkariert: Es ist vor allem das Verhalten Michèles, das man nie ganz einschätzen kann. Erst will sie wissen, wer der Täter ist, dann will sie Sex mit ihm. Als sie per Textnachricht von ihm die Einschätzung erhält: „Für dein Alter bist du extrem eng“, fragt sie ihren Ex, ob das denn stimme.

Verhoeven inszeniert seine Hauptfigur nicht als Opfer. Da die Männer um sie herum wahlweise jung und blöd, trottelig, sexuell besitzergreifend oder gewalttätig sind, muss sie noch nicht mal eine sympathische Heldin sein. „Die wirkliche Gefahr“, sagt ihr Ex, „bist du.“

Jürgen Wittner

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