Everybody wants some!!

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Everybody wants some!!

Keine Wolke am Himmel, den ganzen Film über nicht. Jeden Tag strahlender Sonnenschein und blauer Himmel, niemand ist böse oder will etwas Böses, nur friedliche, fesche Menschen, wohin man blickt. Richard Linklater setzt seine in die Patina der mildgespülten Erinnerung getauchte Collegegeschichte „Everybody wants some!!“ im August 1980 an – nur ein paar Jahre, nachdem seine Clique aus „Dazed and confused“ (1993) den letzten Highschool-Tag erlebte, um danach aufs College zu gehen. Der 19-jährige Jake (Blake Jenner) kommt mit seinem Oldsmobile 442 also quasi direkt aus Linklaters erstem Filmerfolg angefahren und nimmt auch den Weg auf, den Mason auf der Fahrt zum College in der letzten Szene von Linklaters letztem Film „Boyhood“ (2013) begann. Jake wird am Southeast State College studieren und im erfolgreichen Baseballteam spielten. Als Freshman muss er sich den Respekt seiner erfahreneren Kommilitonen allerdings erst noch verdienen. Doch der Semesterstart ist noch volle drei Tage hin – genug Zeit also, um zu feiern und sich zu beweisen …

Keiner schaut so genau auf diesen schmalen Zeitstreifen zwischen dem Ende der Jugend und dem Beginn des Erwachsenenlebens wie Richard Linklater. Für ihn liegt dort die beste Zeit des (jungen) Menschen – und es ist seine eigene Zeit: Linklater ist Jahrgang 1960 und hat auch an einer texanischen Universität studiert und Baseball gespielt. Der semiautobiografische Zugang ist nichts Neues, er verleiht Linklaters humanistisch-humorvollen Werken Glaubwürdigkeit. Und diese kleine, aber immens bedeutsame Strecke zwischen Teen und Twen und die Weichenstellungen, die dort vorgenommen werden, bergen für den 55-Jährigen Regisseur ein reiches Potenzial für Geschichten. Wobei Geschichten es eigentlich nicht trifft.

Linklater inszeniert eher Beobachtungen, er filmt (fiktive) Menschen dabei, wie sie sich durch den Tag treiben lassen: aufstehen, abhängen, wohin gehen, wiederkommen, reden, Besuch bekommen, daraufhin woanders hingehen, reden, noch woanders hingehen oder auch nicht, weiter reden. Er zäunt seine Filme und auch diese relaxte Coming-of-Age-Geschichte nicht mit einer stringenten Handlung oder einer Spannungskurve ein. Linklater bebildert meditativ-mäandernd ein Lebensgefühl – und das Leben ist bei ihm frei nach John Lennon, das, was einem passiert, während man dabei ist, keine Pläne zu machen. „Everybody wants some!! fühlt sich daher an wie ein Fetenwochenende beim besten Freund in der fremden Stadt. Und auch, wenn einem das amerikanische Hochschulsystem mit seiner kleinstadtähnlichen Campuswelt und seinen Riten und Traditionen fremd ist: Das großartige Gefühl, jung und frei zu sein, man erkennt es auch wieder, wenn es knappe Sportshorts, schrillbunte Hemden und Muskelshirts trägt und sich durch die Charthits der frühen 80er tanzt und singt.

Frauen sind dabei durch die Augen der Uni-Athleten gescanntes Beutegut, erst am Ende taucht eine auf, die etwas zu sagen hat. Man muss Linklater diesen rein maskulinen Blickwinkel nicht übel nehmen. Er hat einen astreinen Jungsfilm gedreht, eine Art „Sex and the College“, und was haben junge Kerle, die das erste Mal Freiheit abseits des Elternhauses erleben, hauptsächlich im Kopf? Bier, Bräute, Sport, Mucke. Linklater glorifiziert das postpubertäre Poussieren auch nicht, geht aber sehr zärtlich mit seinen Figuren um, die alle doch liebenswerte Zeitgenossen sind. Dabei lässt er ihre Hauptantriebskräfte und die Kerngedanken der US-Collegewelt und der ganzen Gesellschaft nicht außen vor: Konkurrenz und Wettbewerb. Die Universität ist für die meisten amerikanischen Männer die letzte Gelegenheit, noch einmal richtig ihr Leben zu genießen, bevor sie in die Leistungsgesellschaft eingegliedert werden.

„Everbody wants some!!“ ist perfektes Sommerkino, denn er zelebriert die erträgliche Leichtigkeit des Seins. Neben trinken, feiern, kiffen, Frauen angraben, kleinen und großen Wettkämpfen und dem, was man heute chillen nennt, passiert hier gar nichts. Außer, dass übers Trinken, Feiern, Kiffen, Angraben, Wettkämpfen und Chillen philosophiert wird. Nicht mal einen Kater haben die kraftprotzigen Junghengste in Linklaters Zeitreise in s(eine) angenehme Sorgloswelt, egal wie viel Alkohol sie trinken. Gegessen wird hier schon gar nicht! Jake und seine Kumpel slacken und driften von Party zu Party, irgendwann ist das erste Baseballtraining, kurz darauf das erste Date – und pünktlich, als der Englischprofessor in der ersten Vorlesung die ersten Worte an die Tafel schreibt, nickt Jake ein und muss erstmal Schlaf nachholen. Der Ernst des Lebens, er kann warten. Denn was ist er auch gegen einen ewigen, sonnenüberfluteten, immer wolkenlosen Sommer in der Blüte eines jungen Lebens? Eben: nichts. (vs)

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