George Watsky: Wie man es vermasselt

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George Watsky: Wie man es vermasselt

George, du bist ein erfolgreicher HipHop-Musiker und konntest als Poetry-Slammer schon viele Preise einsacken. Wie kommt es, dass du plötzlich ein Buch mit sehr persönlichen Essays veröffentlichst?

George Watsky: Ich habe schon längere Zeit mit dem Gedanken gespielt, ein Prosabuch zu veröffentlichen, nur wusste ich nicht genau, ob ich einen fiktionalen Text schreiben oder aus der Ich-Perspektive arbeiten wollte. Und dann gab es ein Ereignis, wegen dessen ich für längere Zeit nicht mit der Musik weitermachen wollte: Bei einem Konzert in London bin ich auf den Lichtturm geklettert, um von dort ins Publikum zu springen. Dabei habe ich zwei Fans verletzt, ein Mädchen hat sich den Arm gebrochen. Somit war die Zeit da, um an den Buch zu arbeiten, und ich hatte ein Projekt, bei dem ich mich mit den fragwürdigen Entscheidungen in meinem Leben auseinandersetzen konnte. Mit der Musik war in den Jahren zuvor alles so schnell gegangen, es ging nur noch um den nächsten Kick, und ich hatte nie Gelegenheit, all das kritisch zu hinterfragen.

Du bist eine Rampensau und kannst ohne die Bühne nicht leben, oder?

Watsky: Als Jugendlicher war ich noch sehr viel lauter. Egal, wo ich war, überall musste ich im Mittelpunkt stehen. Erst als ich angefangen habe, mit meinen Performances Geld zu verdienen und regelmäßig Shows gegeben habe, wurde ich privat nachdenklicher und lustigerweise auch schüchterner. Ich hatte ja jetzt ein Ventil und konnte die nötige Aufmerksamkeit jederzeit abrufen.

Trotz des ernsten Auslösers steckt in deinen Texten aber sehr viel Humor.

Watsky: Mir ging es auch extrem gut, als ich das Buch geschrieben habe. Der Unfall war zwar für die Entscheidung verantwortlich, mich in sehr persönlichen Essays mit mir selbst auseinander zu setzen, aber wirklich geschrieben habe ich erst anderthalb Jahre später, als ich den Vorfall weggesteckt hatte. Während der Arbeit an dem Buch habe ich in London gelebt und war unsterblich in eine Frau verliebt. Als wir dann gemeinsam nach New York gezogen sind, kam es sehr schnell zur Trennung – aber da waren nur noch kleine Überarbeitungen zu erledigen, dem Humor konnte das nichts mehr anhaben. Den radikalen Frust hat dann mein letztes Album „X Infinity“ abbekommen.

Hast du die Arbeit an „Wie man es vermasselt“ unterschätzt? Anders als in den Texten deiner Performances konntest du dich nicht hinter Pointen verstecken und offenbarst eine viel größere Verletzlichkeit.

Watsky: Auch Doppeldeutigkeiten kann man nicht stehenlassen, man muss sie irgendwann auflösen. Ich wusste schon, dass es hart wird, und trotzdem habe ich es unterschätzt. Nachdem ich einen ersten Entwurf geschrieben hatte, hat mir meine amerikanische Lektorin mit sehr freundlichen Worten zu verstehen gegeben, dass ich besser noch mal von vorne anfange. Ich habe lediglich die funktionierenden Passagen übernommen und ein komplett neues Word-Dokument begonnen – was im Nachhinein auch wirklich gut war.

Haben dich die persönlichen Enthüllungen Überwindung gekostet?

Watsky: Das bin ich von den Slams gewohnt. Man soll das Buch ja auch nicht als Autobiografie eines wichtigen Menschen lesen, sondern es sind persönliche Betrachtungen zu bestimmten Themen. Ich habe nichts spektakulärer dargestellt als es in Wirklichkeit gewesen ist, aber jeder, der in dem Buch vorkommt, hat vorab die entsprechenden Passagen zur Autorisierung bekommen. Meine persönlichen Beziehungen sind mir schon wichtiger als mein Buch, und mein Zwillingsbruder kommt etwa in den Texten nicht vor, weil er nicht wollte, dass ich über ihn schreibe.

Hast du jetzt Blut geleckt und planst, deine Laufbahn als Schriftsteller fortzusetzen?

Watsky: Als meine letzte Platte erschienen ist, bin ich 30 geworden, und da hatte ich eine kleine Lebenskrise, weil ich die Vorstellung erschreckend fand, irgendwann ein alter Rapper zu werden, der mit seinen schmerzenden Gelenken kämpft. Inzwischen hat sich das aber wieder relativiert, und ich weiß, dass ich ohne die Musik nicht kann. Trotzdem sind Tourneen unglaublich anstrengend: Jedes Konzert fühlt sich für mich so an, als würde ich eine Party in meinem Haus schmeißen, zu der 2000 Leute kommen. Nach einer Tour genieße ich es, mehrere Monate lang mit einer Kaffeetasse in der Hand auf einen Computerbildschirm zu starren. Ein fiktionaler Text wird mein nächster großer Schritt, und in einer Welt der totalen Multi-Media-Abhängigkeit betrachte ich es auch als eine durchaus ehrenwerte Aufgabe, für den Erhalt des geschriebenen Wortes zu kämpfen.

Interview: Carsten Schrader

George Watsky, geboren 1986 in San Francisco, ist HipHop-Musiker, Schauspieler, Drehbuchautor und preisgekrönter Poetry Slammer. Mit seinem Prosadebüt „Wie man es vermasselt“ (Diogenes, 22 Euro) verhandelt er in sehr persönlichen Essays das eigene Scheitern. Watsky berichtet von seinem Faible für ältere Frauen, er weitet die Erinnerung an seinen ersten Battle-Rap zu einer umfassenden Bilanz seines bisherigen Lebens aus, und er erzählt, wie er einen Narwal-Stoßzahn aus Kanada in die USA schmuggelt, um der hundertjährigen Tante seines Kumpels einen Lebenstraum zu erfüllen.

George Watsky: Wie man es vermasselt