Grizzly Bear: Painted Ruins

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Grizzly Bear: Painted Ruins

Für Chris Taylor schließt sich beim Berliner Interviewtag ein Kreis. Ein Jahr lang hat der Bassist und Produzent hier gelebt, und weil seine Frau damals im Michelberger Hotel gearbeitet hat, saß er eines Tages in der Lobby, um Motivationsmails an die restlichen Bandmitglieder zu schreiben. „Ich hatte große Angst, dass wir dieses Mal die Kurve nicht mehr bekommen, aber gegenüber den anderen musste ich cool und unverbindlich tun, um den Druck nicht noch zu erhöhen“, erinnert er sich. Blickt man in diesem Moment in das grinsende Gesicht von Gitarrist und Co-Sänger Daniel Rossen neben ihm, so kann man darin zwei Dinge ablesen: Der Aufnahmeprozess beim Vorgänger „Shields“ muss in der Tat extrem auslaugend gewesen sein, und die vorgetäuschte Coolness ist Taylor nicht besonders überzeugend gelungen. „Auch die anschließende Tour war sehr lang und kräftezehrend, und als das alles endlich vorbei war, hatte jeder von uns erstmal damit zu tun, sich als Mittdreißiger wieder ins Leben einzugliedern“, rechtfertigt Rossen die zunächst geringe Begeisterung, gleich wieder zur Tat zu schreiten und an einem fünften Album zu werkeln.

Tatsächlich hat sich in den fünf Jahren seit „Shields“ einiges getan: Alle vier Bären haben geheiratet, und auch wenn Grizzly Bear immer als der Prototyp einer New Yorker Artfolk-Band galten, wollte keiner von ihnen der Stadt treu bleiben. Doch auch die Tatsache, dass sie zunächst über die ganze Welt verstreut waren, konnte Taylor nicht erschüttern: Er richtete eine Dropbox ein, in die jeder von ihnen erste Songideen werfen sollte. Und als auch hier die Beteiligung nicht besonders rege war, ging er sogar noch einen Schritt weiter: „Ich habe angefangen, Gitarre zu lernen, um auch selbst den Songwritingprozess ankurbeln zu können“, sagt er und zuckt die Schultern. „Ab diesem Zeitpunkt wussten wir, dass es wirklich ernst ist“, kommentiert Rossen und verdreht scherzhaft die Augen, denn vom Ergebnis ist er, wie alle anderen auch, schwer angetan: Mit „Systole“ hört man auf „Painted Ruins“ erstmals einen von Taylor geschriebenen und auch selbst gesungenen Grizzly-Bear-Song.

Am Ende hat Taylor sich durchsetzen können, weil alle gemerkt haben, dass man auch ganz entspannt und mit Spaß an der Freude zu einem neuen Album kommen kann; und auch die Tatsache, dass bis auf Rossen inzwischen alle Mitglieder in L.A. leben, hat „Painted Ruins“ zugearbeitet. Ohne großangelegtes Albumkonzept veredeln sie ihren komplett eigenen Sound in ganz unterschiedliche Richtungen und wagen sich mit der Single „Mourning Sound“ sogar an eine nie zuvor dagewesene Eingängigkeit. Lediglich nachträgliche Interpretationen können Rossen die Freude ein bisschen vermiesen: Welche Textzeilen sind denn nun genau die erwartbaren Klagen über die politische Situation in den USA? Und verarbeitet Sänger Ed Droste in seinen Songs die Trennung von seinem Lebenspartner? „All das spielt natürlich mit rein, weil wir vier uns unsere verquasten Selbstreflexionen zugestanden haben, aber wir machen nun mal Musik, bei der die Texte eher wie ein weiteres Instrument eingesetzt sind, und so lassen sich die einzelnen Songs auch nicht konkreten Themen zuordnen.“ Selbst untereinander sind längst nicht alle Bezüge geklärt: Während „Four Cypresses“ tatsächlich auf einer konkreten Beobachtung Rossens fußt und als politisches Statement gedacht war, dachte Taylor lange Zeit, der Song wäre über Rossens Mutter, die mit Obdachlosen arbeitet. Und die prominente Erwähnung einer Honda TRX 250 im Eröffnungsstück „Wasted Acres“? Natürlich weiß Taylor, dass Rossen daheim in Upstate New York das vierrädrige Motorrad verwendet, um Feuerholz zu sammeln. „Du hast es erwähnt, um das Wildnis-Szenario mit einer romantisierten Verbindung von Mensch und Technik zu kontrastieren, oder?“, wagt er sich an eine Ausdeutung. „Quatsch, das war nur ein Witz, und ich wollte es von Anfang an ersetzen, nur habe ich dann einfach nichts gefunden, was klanglich gepasst hätte“, antwortet Rossen und schüttelt sich vor Lachen. „Genau deswegen fragt man besser nicht nach einzelnen Textzeilen. Mit wäre es auch lieber, ich hätte ,Four Cypresses’ für meine Mutter geschrieben.“

Carsten Schrader

 

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12. 10. Berlin

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