Happy End

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Happy End
Foto: X Verleih

Hat Michael Haneke eigentlich schon einmal einen durchschnittlichen Film gedreht? Kann er das überhaupt, der große radikale Provokateur, der mehr grausame, kaum auszuhaltende Filme über unsere Schuld und unsere Sühne gedreht hat als irgendein anderer zeitgenössischer Regisseur? Bei „Happy End“ hat man das Gefühl: Jetzt ist es passiert, jetzt hat Haneke mit 74 sein erstes Alterswerk gedreht, in dem er die Motive seiner früheren Filme einfach in abgemilderter Form in einem Film zusammenführt: die dysfunktionale wohlhabende Familie, verwackelte Heimvideos (hier mit dem Smartphone aufgenommen); herablassende Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund; die Perversionen des Bürgertums; das Alter.

All diese Elemente sind da, das stimmt. Doch Haneke verbindet sie nicht etwa, weil ihm im Alter nichts mehr einfiele. Er verbindet sie, weil ihm im Alter aufgefallen ist, dass man sie auch alle zusammen erzählen kann, wenn man sie nicht alle radikal auswälzt. In dem Sinne ist „Happy End“ Hanekes tatsächlich erstes Alterswerk: Es ist für seine Verhältnisse ein milder Film, wobei ein milder Haneke immer noch gnadenloser und entblößender ist als alles andere, was sonst so gedreht wird. „Happy End“ ist so etwas wie Hanekes erste Komödie, eine fast lustvolle Studie des Niedergangs einer reichen Baunternehmersippe in Calais. Patriarch Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) hat die Führung seiner Firma an Tochter Anne (Isabelle Huppert) abgegeben und ist des Lebens überdrüssig. Grantig sucht er nach einem Weg, sich das Leben zu nehmen, das klappt aber nicht so gut. Anne wiederum entgleitet der missratene Sohne Pierre (Franz Rogowski, „Victoria“), parallel dazu kaschiert sie einen tödlichen Unfall auf einer ihrer Baustellen und ist mit dem Anwalt einer Investorenfirma liert, die die Firma Laurent übernehmen wird. Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassowitz) betrügt derweil seine Frau und versucht mehr schlecht als recht, seine 13-jährige Tochter aus erster Ehe in die Familie zu integrieren – seine Ex hatte sich mit Tabletten das Leben genommen.

Man hätte nie gedacht, dass man dieses Wort mal auf auf einen Haneke-Film anwenden würde – aber der Österreicher hat seinen Spaß daran, dieser depressiven, suizidalen, sexbessenenen und bigotten Rotte dabei zuzusehen, wie sie so lange ohne Schuldempfinden lügt und betrügt und ihre eklige Macht ausübt, bis ihr selbst buchstäblich das Wasser bis zum Halse steht. Wie sich dabei die einzelnen Szenen der Familienmitglieder und die Vielzahl an Motiven und Themen am Ende zu einem Porträt der indiskreten Scham der Bourgeoisie zusammenfügen – das ist einfach meisterhaft; es ist die Magie des Kinos, auf der Ebene des Geschichtenerzählens in effizienten Bildern und textuellen Bruchstücken. Und wenn Haneke seinen Film dann in einen herrlich gemeinen Schluss führt, in dem eine Hochzeit, ein Rollstuhl und das Meer ein Rolle spielen, versteht man: Haneke hat eigentlich keine Lust mehr, Filme zu drehen, aber er kann doch nicht aufhören, das Publikum hält ihn dabei. Das ist eine gute Nachricht.

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