Jessica Gall: Picture perfect

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Jessica Gall: Picture perfect

Jessica Galls Jazzpop ist alles andere als sperrig. Auch wenn die Berlinerin auf ihrem neuen Album der Perfektion den Kampf ansagt: Fans mit Putzfimmel kommen voll auf ihre Kosten.

Jessica, du hast dein neues Album „Picture perfect“ genannt, zeigst dich auf dem Cover aber mit stacheligen Disteln.
Jessica Gall: Wir haben lange überlegt, wie wir das Cover gestalten, damit es nicht so glatt rüberkommt und uns deshalb für Disteln statt für Rosen entschieden. Denn darum geht es auch auf der Platte: dass wir ständig versuchen, unser Leben noch perfekter machen zu wollen, statt auch Unvollkommenheiten zuzulassen. Obwohl ich ein sehr dankbarer Mensch bin, muss ich mich da auch manchmal selbst bremsen.

Auf das Recht auf Unvollkommenheit spielt auch dein Song „Real Life Girl“ an, in dem du davon singst, lieber ausgiebig zu schlafen statt Botox zu spritzen und eine echte Frau in einer retuschierten Welt zu sein.
Gall: Ganz genau. Auch wenn ich in meinem Alter längst darüber hinaus bin, habe ich diesen ständigen Schönheitswahn natürlich erlebt. Gerade als Künstlerin: Überlegungen, wie ich aussehe und ob ich nicht eigentlich schlanker sein müsste. Das hab ich alles Gott sei Dank hinter mir gelassen, aber dank meiner pubertierenden Tochter kommt es gerade alles wieder hoch. Die zerbricht sich teilweise stundenlang den Kopf, ob sie auch schön genug ist.

Du singst nicht nur in deinen Texten über Unperfektion, auch musikalisch zeigst du Ecken und Kanten.
Gall: Das ist gar nicht so sehr meine Absicht. Aber ich mag es, wenn man mich darauf anspricht, weil auch oft die Frage gestellt wird, ob ich mich noch als Jazzmusikerin verstehe. Mittlerweile wird mir oft gesagt, es würde poppiger. Aber ich denke schon, dass diese Ecken und Kanten, die du ansprichst, noch ein Überbleibsel des Wunsches sind, handwerklich rüberzukommen und nicht alles mit technischen Mitteln glattzubügeln.

Würdest du dich denn noch als Jazzkünstlerin bezeichnen?
Gall: Auf jeden Fall, wenn sich auch gleichzeitig die Frage stellt, was denn heute noch Jazz ist? Wenn man sich umschaut, gibt es so viele unterschiedliche Musiker, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden. Bisweilen frage ich mich schon, warum zählt das eine jetzt zu Jazz und das andere zu Pop. Schließlich schreibt heute auch keiner mehr wie Ella Fitzgerald. Und waren die Songs damals überhaupt schon Jazz? Es waren halt Songs mit Geschichten und ganz klaren Strukturen, mit Strophen und Refrain. Nur durch die Art und Weise, wie es damals arrangiert wurde, galt es als Jazz. Aber hätte man damals einen E-Bass und Synthesizer genommen, hätte ein Song wie „Autumn Leaves“ ganz anders geklungen.

Im Gegensatz zu dem doch eher ruhigen Vorgängeralbum „Riviera“ bist du auf „Picture perfect“ sehr viel abwechslungsreicher – von Folk über Soul bis Pop.
Gall: Diese Abwechslung ist eigentlich typisch für mich, allerdings hatte ich die Stimmung auf „Riviera“ bewusst melancholisch gehalten. Das war auch meiner damaligen Gefühlslage geschuldet. Für „Picture perfect“ habe ich mich deshalb musikalisch weniger verändert, als vielleicht gesanglich. Da habe ich mich dieses Mal bewusst entschieden, mehr auszuprobieren und mehr zu wagen. Entsprechend klingt ein Song wie „Holding on“ stärker nach Soul und andere sind eher Pop.

Empfindest du die Einschätzung, deine Musik sei so entspannt und chillig als Vorurteil?
Gall: Ich bekomme wirklich oft die Rückmeldung von Fans, meine Musik entspanne sie. Das ist natürlich ein Kompliment. Auch wenn ich mich erinnere, wie meine Tante mal sagte, meine Musik sei so schön, sie höre die immer beim Putzen. Zugegeben hat mich diese Bemerkung damals ziemlich irritiert. Ich habe eine Weile gebraucht, sie positiv zu bewerten. Ähnlich wie wenn Paare nach einem Konzert auf uns zukommen, um uns ihr Kind vorzustellen, das zu unserer Musik gezeugt wurde.

Interview: Verena Reygers

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