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Alexander und Thomas Huber // Story

Alexander und Thomas Huber

Die Grenzhänger

Die Huber-Brüder jagen wie besessen die steilsten Berge hoch, vom Absturz immer nur einen Steinschlag entfernt. Denn eins fürchten die Extremkletterer mehr als den Tod: irgendwann keine Angst mehr zu haben. Text: Katharina Behrendsen

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Wer etwas über Angst wissen will, muss in die Berge fahren. Weil man die Angst spürt, wenn man sich ganz dicht an den Abgrund wagt. Und weil Thomas und Alexander dort wohnen. Wer könnte sich besser mit Angst auskennen als zwei der besten Kletterer der Welt?

Gerade haben die bayerischen Brüder versucht, in einer Rekordzeit von zweieinhalb Stunden die 1 000 Meter hohe Felsnadel El Capitan im amerikanischen Yosemite Park hochzuklettern, bei deren Anblick nicht nur Sportmuffel und Höhenphobiker den Sicherungsgurt sofort wieder ausziehen würden. Dokumentarfilmer Pepe Danquart hat die beiden begleitet. Auf der Jagd zum Gipfel ließen sie die Grenze zwischen Leben und Tod oblatendünn werden, entgingen dem Unglück zweimal nur knapp � und trotzdem würden sie es immer wieder tun.

Wer der Angst so ungerührt ins Auge schaut wie Otto Normalbürger beim Zähneputzen in den Spiegel, muss doch etwas sagen können zu diesem fiesen Gefühl, das ein Vakuum in Lunge und Kopf sein kann, ein alles verschlingender Sog, ein Magenkrampf, ein halber Herzkasper � und das sich für die meisten Menschen nur dann gut anfühlt, wenn es wieder vorbei ist.

�Angst ist ein Teil unserer Leidenschaft�, gähnt Thomas. Es hört sich gar nicht leidenschaftlich an. Vermutlich hat er es schon tausendmal erzählt. Alexander springt ihm bei: �Angst ist ein ganz wichtiger Bestandteil beim Bergsteigen und überhaupt immer, wenn man Dinge tut, die mit einem gewissen Risiko behaftet sind. Das fängt doch schon beim Autofahren an. Die Angst ist das regulierende Element, dass man mit einer gewissen Vorsicht an die Sachen herangeht.�

Klingt plausibel � aber auch furchtbar routiniert. Klar, die Brüder sind kein unbeschriebenes Blatt, wenn es darum geht, ihr Kletterempfinden in Worte zu fassen. Sie leben schließlich nicht vom Sport selbst, sondern von den Vorträgen, die sie darüber halten. �Letztendlich erleben wir stellvertretend die Träume anderer�, erzählt Alexander. Thomas findet sogar, dass die Vorträge dem Klettern erst einen Sinn geben. �Die Leute gehen raus und sind motiviert, ihre Krisen auch als etwas Positives zu nehmen, nach oben zu streben und den eigenen Weg zu gehen.� Trotzdem: Das Loblied auf die Kalkulierbarkeit des Risikos, das die Hubers im Chor anstimmen, kann doch nicht ihr Ernst sein. Natürlich sehen extreme Sportarten wie Klettern oder Fallschirmspringen für Laien waghalsiger aus, als sie wirklich sind. Aber ungefährlich sind sie deshalb noch lange nicht.

Was ist mit den Risiken, die man nicht ausschließen kann? Mag sein, dass ich keine Angst davor habe, mich ins Auto zu setzen und richtig Gas zu geben � aber was ist, wenn mir bei 200 Stundenkilometern plötzlich die Bremsen versagen? Ihren ersten Rekordversuch im Speedklettern mussten die �Huberbuam� aufgrund eines Unfalls abbrechen. Plötzlich brach ein Stück Fels aus der Wand, und Alexander stürzte in die Tiefe. Wie weit eigentlich? �17 Meter. Ohne jede Form der Sicherung.� Mir wird ganz anders. Das ist ja hoch wie ein Haus. �Schon klar, da hätte ich jederzeit auch sterben können�, sagt Alexander. Zum Glück brach er sich nur die Füße.

Im Film kommen Thomas angesichts dieses Unfalls die Tränen. Dem gleichen Mann, der hier mit so unbewegter Miene herunterrattert, wie notwendig es im Leben ist, Risiken einzugehen. Er war richtig aufgelöst vor Sorge um den Bruder. Hat man vielleicht mehr Angst, wenn es nicht um einen selbst geht? Anscheinend wird es leichter, über seine Angst zu sprechen, wenn man nicht der Verursacher ist. �Wenn wir zusammen im Team unterwegs sind, haben wir keine Angst um den anderen�, beginnt Thomas. �Wir wissen genau: Was er macht, kann auch ich machen und umgekehrt. Wenn Alexander jetzt dagegen etwas für sich macht, er war jetzt in Patagonien �� �Oder bei dir beim Fallschirmspringen!�, fällt der Bruder ein. �Da geht dem Alexander voll die Düse�, beendet Thomas den Satz des Jüngeren. �Da mag er nicht mal zuschauen. Bei mir ist es genau dasselbe, am liebsten mag ich gar nichts davon wissen, denn da habe ich schon Angst um ihn. Das ist dann nicht Lebensangst, sondern die Angst, jemanden zu verlieren.�
Aha, man misst die Angst also mit zweierlei Maß. Aber ist es nicht furchtbar unfair und egoistisch, weniger Angst um sich selbst zu haben als andere? Schließlich ist Thomas wenige Tage vor dem Interview zum dritten Mal Vater geworden, hat eine Familie. �Die haben mich so kennen gelernt�, raunzt er. Dann wird er etwas sanfter: �Sie haben Angst, die Angst ist begründet, und ich muss mir die Kritik gefallen lassen. Ich muss mir auch gefallen lassen, dass jemand sagt, das sei egoistisch, Dinge zu tun, die vielleicht nicht kalkulierbar sind. Aber das ist mein Weg � der Weg, den ich schon immer gehen wollte. Es ist die Suche nach dem elementaren Gefühl, nach der Angst, der Versuch, das Leben richtig zu spüren.� Mehr als die Furcht vor den vielleicht eines Tages tödlichen Folgen seines Wagemuts quält Thomas der Gedanke an ein Leben ohne Angst und Nervenkitzel. Alexander sagt: �Einen gewissen Egoismus braucht jeder Mensch. Und wenn du Leistungssportler bist, musst du Egoist sein. Dann musst du deinen Sport leben.�

Thomas ergänzt ihn. Teamwork, genau wie am Berg. Außerdem ist der Ältere derjenige, der schon mal gern das Wort Philosophie in den Mund nimmt, wenn es um die Erkenntnisse geht, die die Hubers destilliert haben aus 20 Jahren Kampf mit der Natur, den eigenen Kräften und der Angst. �Es gibt immer die positive Angst und die negative Angst, den positiven Egoismus und den negativen Egoismus. Ein negativer Egoist ist einer, der sagt, nach mir die Sintflut, leckt mich alle am Arsch. Ich fahre meinen Porsche, ich besteig meine Berge, ich lass meinen Müll hinter mir liegen, Hauptsache, ich komme zu dem, was ich mir holen will. Und es gibt den positiven Egoismus, dass ich versuche, meinen Traum zu leben und gut mit meiner Umwelt zu leben.�

Doch selbst bei dem Versuch, möglichst gut mit seiner Umwelt klarzukommen, geht Thomas Huber gern mal an die Grenzen. Was ihn total annervt, platzt er heraus, sind zum Beispiel Interviews. Die halten ihn nur vom Klettern ab. Und auch dem Filmprojekt steht er angesichts seines eigenen Sturzes, der den zweiten Rekordversuch zunichte machte, im Nachhinein zwiespältig gegenüber. �Ich bin über meine Grenzen hinausgegangen und musste dafür zahlen. Bei diesem Film habe ich gelernt: Das darfst du nicht machen � egal, wie viel Geld dir jemand bietet. Hör auf dein Gefühl, dann wirst du auch überleben.�

Die Message ist angekommen. Zumindest bei Alexander, der seinen Bruder verschwörerisch angrinst. In Gedanken sind die beiden ganz woanders. Wahrscheinlich im Yosemite Park und hasten den El Capitan hoch. Denn sie werden wieder versuchen, den Weltrekord zu brechen. Ohne Kameras. Nur Thomas und Alexander � und ihre Angst.

21.05.2007


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