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Annie Lennox // Story

Annie Lennox
Foto: Mike Owen

Der Antistar von Bethlehem

Es gibt nicht viele gute Gründe, ein Weihnachtsalbum einzusingen. Doch Annie Lennox hat welche – und sie liegen weit in der Vergangenheit. Interview: Dagmar Leischow

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kulturnews: Annie, was um Himmels Willen ist ein "Christmas Cornucopia" ...?
Annie Lennox: Ein Weihnachtsfüllhorn. Kennt ihr Deutschen das gar nicht? Bei uns in Großbritannien sieht es meist aus wie eine große Muschel und ist mit bunten Früchten gefüllt. Ich fand dieses Bild einfach passend für meine CD. Die Songs sind sozusagen die süßen Leckereien.

kulturnews: Wie schwer fällt es dir, auch mal nein zu sagen?
Lennox: Ich gebe zu: Das kostet mich Überwindung. Trotzdem habe ich gelernt, Prioritäten zu setzen. Was mein Engagement angeht, da konzentriere ich mich ganz konsequent auf meine Schwerpunkte: Frauen, Kinder und Aids.

kulturnews: Bist du eigentlich jemals für deinen unermüdlichen Einsatz kritisiert worden?
Lennox: Nicht für meine Benefizprojekte. Aber als ich an einer Demonstration gegen Israels Bombardement des Gaza-Streifens teilnahm, da war die Hölle los. Es hieß tatsächlich, ich sei antisemitisch. Wie absurd! Schließlich sind meine beiden Töchter Halbisraelis.

kulturnews: Musst du für Lola und Tali heute noch auf vieles verzichten?
Lennox: Nein. Sie leben längst ihr eigenes Leben. Insofern brauche ich nicht mehr so extrem zwischen Kindern und Karriere zu jonglieren.

kulturnews: Konzentrierst du dich jetzt mehr auf dich?
Lennox: Ich bin gar nicht der Typ, der ständig um sich kreist. Zum Beispiel habe ich mich nie zu sehr auf mein Äußeres fixiert. Ehrlich gesagt fand ich mich nicht übermäßig hübsch. Darum gehe ich wohl ein wenig entspannter mit dem Älterwerden um als diese Frauen, die sich nur über ihre Schönheit definieren.

kulturnews: Trotzdem haben gerade in den 80ern viele deinen androgynen Look bewundert.
Lennox: Weil ich Herrenanzüge trug, meinst du? Ich wollte eben keine dieser konventionellen Sängerinnen sein, die nur ein bisschen singen durften. Dave und ich waren bei den Eurythmics ebenbürtige Partner, das sollte meine Kleidung ausdrücken.

kulturnews: Warum singst du auf dem neuen Album eigentlich fast nur traditionelle Weihnachtslieder?
Lennox: Ganz simpel: Ich habe die Stücke ausgesucht, mit denen ich groß geworden bin. Sie haben mich durchs Leben begleitet, wie gute Freunde. Vor allem bei "In the bleak Midwinter" denke ich: Hey, jetzt bin ich plötzlich wieder in meiner Vergangenheit.

kulturnews: Wieso das denn?
Lennox: Irgendwie erinnert mich dieser Titel an meine Kindheit in Schottland. Ich wuchs ja in Aberdeen auf, dort war alles sehr grau: die Gebäude, der Himmel, sogar das Wasser. Einzig in der Weihnachtszeit veränderte sich diese Stadt mit einem Schlag. Dank der Lichter in den Christbäumen wirkte sie geradezu magisch. Das war ein kleines Wunder für mich.

kulturnews: Inzwischen dürfte sich dein Verhältnis zu Weihnachten relativiert haben, oder?
Lennox: Ich habe auch heute noch eine recht traditionelle Vorstellung von diesem Fest. Es markiert für mich das Ende des Jahres. Da ist es an der Zeit, mal darüber nachzudenken, was in den letzten Monaten los war.

kulturnews: Klingt sehr verkopft. Wo bleiben die Gefühle?
Lennox: Ich gehöre nicht zu den Weihnachtsmelancholikern. Aber an Neujahr packt mich schon manchmal so eine Traurigkeit.

kulturnews: Helfen gute Vorsätze nicht gegen dieses Stimmungstief? Du könntest zum Beispiel die Eurythmics reaktivieren ...
Lennox: Dieses Kapitel ist wohl für immer abgeschlossen.

kulturnews: Warum? Weil du nicht wieder voll im Rampenlicht stehen willst?
Lennox: Ich war eh nie eine Celebrity. Als Dave und ich unsere großen Hits hatten, da gab es dieses Wort nicht mal. Ich galt als Sängerin - Punkt. Bis heute ist es für mich schwierig, mich als Star zu definieren. Von einer Party zur nächsten zu ziehen, das liegt mir nicht. Ich ziehe ein gutes Buch vor.

A Christmas Cornucopia ist Mitte November erschienen.

25.11.2010

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