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Jamaica // Story

Jamaica

Ganz neue Saiten

Wer bei Gitarrensoli nur an verschwitzte alte Männer mit Bierbauch denkt, hat einfach noch nichts von Jamaica gehört. Das muss sich dringend ändern. Von Kathrin Kaufmann

Gefunden in

Breitbeinig, die Haare ins Gesicht geworfen, nach vorne gebeugt über die Gitarre, die beackert wird: Antoine Hilaire steht auf der Bühne und vergisst sich in einem Gitarrensolo, wie man es im Indiepop seit Jahren nicht gehört hat. Und er ist auch der erste Mann seit Jahren, bei dem ich das nicht peinlich finde. Im Gegenteil: Jamaica sind eine Band zum Verlieben.

Nicht etwa, weil Antoine und sein Kumpel Florent Lyonnet so blendend aussehen würden: ein strähniger Hungerhaken neben einem leicht pummeligen Lockenteddy, fies gesagt. Auch nicht unbedingt, weil sie Franzosen sind und diesen unglaublich anziehenden Akzent haben. Nein. Die beiden muss man lieben, weil sie sich den wunderbar beschwingten Pop von Phoenix abgeguckt haben. Und weil sie den Mut hatten, den konsensfähigen Elektro ihrer Vorgängerband Poney Poney hinter sich zu lassen, obwohl Xavier de Rosnay von Justice ihr Produzent war. Jamaica haben sich lieber daran gemacht, engstirnigen Menschen wie mir das Gitarrensolo ans Herz zu legen. Danke für die Chuzpe, Jungs! Aber eigentlich gehen Gitarrensoli nicht, oder?

"Das ist Geschmackssache", sagt Antoine, "aber wir finden Gitarrensoli großartig - vor allem, wenn man sie mit erfahrenen Elektromusikern wie Justice umsetzt. Außerdem bin ich verdammt stolz, wenn ich sie auf der Bühne spiele. Mein musikalisches Können herzeigen zu können, macht mich wirklich glücklich", sagt er lachend und fügt hinzu: "Jeder mag sie, und wer das Gegenteil behauptet, lügt. Es sind einfach Riffs. Joy Division zum Beispiel sind eine Band, die nur aus Gitarrensoli besteht, wenn du es so sehen willst." Ich will es gerne so sehen - aber kaum ein Indiejünger wird sich als glühender Verehrer testosterongeladener Gitarrenposen outen. Florent hat seine eigene Erklärung dafür: "In der Rockmusik, die in den letzten Jahren in den Clubs angekommen ist, gab es das einfach nicht. Und dann haben in den Achtzigern einige Bands die Solos mit kitschigen Songs in Verruf gebracht. Wenn wir daran denken, haben wir Bands wie Bon Jovi vor Augen, und deshalb hat jeder ein Problem damit." Was wiederum Kollege Antoine zum Kopfschütteln bringt, und er wirft ein: "Und was ist mit den White Stripes? Die waren doch hip - und Jack White ist der großspurigste Gitarrist aller Zeiten. Wie Jimmy Page! Und da hat sich niemand über die Gitarrensoli beschwert. Ich sehe das so: Solange der Song gut ist, verträgt er auch ein Gitarrensolo."

Und gut sind die Songs auf ihrem Debüt "No Probem". Egal wie viele Gitarren sie auspacken - die Wohlfühlmelodien ihrer Songs lässt sie stets Pop in Reinform bleiben. Vor allem, weil sie auch die Rockposen mit einer Leichtigkeit auf die Bühne bringen, die über jeden Machoverdacht erhaben ist. Ganz egal, ob mit Augenzwinkern wie in "I think I like U 2", leicht melancholisch in "Jericho" oder wie in "Short and Entertainment" mit Zynismus: "Tell me more about yourself, please make it short and entertaining." Es ist eine weitere Eigenschaft, die ich an dieser Band so liebenswert finde: Kleine Blödeleien und große Bekenntnisse liegen nicht nur in ihren Lyrics nah beisammen. Sie nehmen sich selbst nicht zu ernst - aber das, was sie tun, sehr. "Wir machen einfach die Musik, die wir lieben", sagt Florent und zuckt mit den Achseln. Im Falle von Jamaica ist das nun mal sauber gespielter, luftiger Pop à la Phoenix. Eine Band, mit der die beiden Freunde sich ganz gerne vergleichen lassen, auch wenn Namedropping ansonsten so gar nicht ihre Sache ist. Die Tatsache, dass Justice ihr Album produziert haben, halten Antoine und Florent gern bewusst zurück, während andere Bands sich so ein prominentes Sprungbrett fast schon auf die Stirn tätowieren würden. Aber Antoine kannte Gaspard von Justice noch aus Schulzeiten, und die Zusammenarbeit ist für ihn keine große Sache: "Es war einfach Glück, dass wir einen wirklich talentierten Freund hatten, der unser Album aufnehmen wollte. Wir wollen das nicht nutzen. Hoffentlich gibt es Leute, die uns auch so mögen." Er zündet sich noch eine Zigarette an, denkt kurz nach, blickt mir mit seiner gewinnenden Art in die Augen und sagt: "Es ist einfach wichtig, Musik ohne zu viele Hintergedanken zu machen. Nicht immer zu meinen, das könnte kitschig klingen, das könnte so und so klingen. Das engt nur ein." Und weil das Statement so viel zu langweilig wäre, muss er natürlich noch etwas Humorvolles draufsetzen: "Ich liebe zwar Pavement. Aber die werden an einem bestimmten Punkt in ihren Songs immer sagen: Shit, das ist die richtige Note, das klingt gut, das müssen wir anders spielen."

Check-Brief

NAME Jamaica
MACHEN aber keinen Reggae, sondern Gitarrenpop
MITGLIEDER Antoine Hilaire, Florent Lyonnet
WOHNORT Paris
FRÜHER waren sie zu dritt, machten Elektro und hießen Poney Poney
AKTUELL Ihr Debüt "No Problem" ist am 20. 8. erschienen
TOUR 4. 10. Hamburg, 5. 10. Berlin, 6. 10. Köln, 7. 10. Saarbrücken, 8. 10. München


Jamaica haben eine Tasche von Boys Boys Boys für uns gestaltet - genauso wie die Blood Red Shoes, Friendly Fires, Bonaparte, Two Door Cinema Club und Miike Snow. Einfach bis Ende September "Gefällt mir" auf der Facebookseite von uMag anklicken - und mit etwas Glück gehört eins der Einzelstücke euch.

13.09.2010


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