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Mote Scherr // Story

Mote Scherr
Illustrationen: Mote Scherr

Nichts als Kritzikratzi

Mote Scherrs Bilder sollen nichts bedeuten, sie hasst den Kunstbetrieb und sogar das Zeichnen selbst. Von Daniel Richter bekam sie trotzdem eine Eins – nur aus den falschen Gründen. Von Kathrin Kaufmann

Gefunden in

"Ich zeichne nicht besonders gut." Mote Scherr lümmelt auf der Bank eines Wiener Kaffeehaus und meint, was sie sagt. Dabei hat die 20-Jährige stilistisch äußerst reife Bilder vorzuweisen. Die latent düstere Darstellung von Alltagsobjekten, Tieren oder Menschen, gepaart mit typographischen Elementen, lässt einen instinktiv innehalten, betrachten und nachdenken. Eine Waschmaschine, die ein Buchstabenmeer ausspuckt, Ziegenböcke, Bären oder Füchse vor geschichtetem, irgendwie verstörendem Hintergrund - es ist der Kontrast des Bekannten mit der feindseligen Umgebung und den Buchstaben, der fasziniert. "Ich bin mir schon darüber bewusst, dass ich Sachen mache, die in unserem Zeitgeist funktionieren", lenkt die gebürtige Steirerin ein, "aber das habe ich gelernt, und es hat überhaupt nichts mit Talent zu tun."

Entdeckt hat sie das Zeichnen für sich an der Grazer Ortweinschule für Graphik- und Kommunikationsdesign, wo sie mit 14 aufgenommen wurde. Eigentlich wollte sie nur an diese Schule, um aus ihrem Dorf rauszukommen. Aber irgendwann kam der Moment, an dem sie verstand, was zeichnerisch für sie funktioniert - und gleich darauf der, an dem sie begann, die Mechanismen der Kunstwelt abzulehnen. "Ich bin draufgekommen, dass nichts hinter dem ganzen Blabla von Konzeptkunst steht außer elitärer Anmaßung", schimpft sie los, ohne Unterlass, gestikulierend und voll in ihrem Element, aber nicht wirklich grantig, sondern als wäre es das Normalste der Welt, einfach mal zu motzen. Diplomatische Zurückhaltung, das ist für Mote Scherr ein Fremdwort. Sie ist geraderaus, ein bisschen bockig, aber dabei sehr sympathisch.

"Mich nervt das irrsinnig, wenn jemand glaubt, sich zu seinem gemalten Strich dazustellen zu müssen und zu behaupten, der wäre jetzt sonderlich politisch und gesellschaftskritisch."

Für die Klasse von Malerstar Daniel Richter an der Wiener Akademie der bildenden Künste hat sie sich nach dem Grazer Abschluss trotzdem beworben. "Mit dramatisch politisierendem Blabla in Form einer Kritzikratzizeichnung, zur Bestätigung der Frage, ob man tatsächlich nur mit der richtigen Präsentation, Rhetorik, Frisur und Gestik aufgenommen wird", ätzt sie. Sie schaffte es, blieb aber nicht lange. "Ich hab’ mir das angeschaut, aber es nicht ausgehalten. Wenn ich da um 10 Uhr in der Früh’ reingekommen bin, sind alle irgendwie herumgehangen, haben Rotwein getrunken und gemeint, sie müssten Französisch reden, obwohl alle aus Österreich waren." Tatsächlich stellt man sich das burschikose Mädchen mit dem zweckmäßigen Kurzhaarschnitt und dem unprätentiösen Auftreten in einem avantgardistischen Umfeld eher fehl am Platz vor. Als Marion hätte sie vielleicht reingepasst. Aber sie hat sich irgendwann dafür entschieden, Mote zu sein. Und die trinkt lieber Bier, trägt 0815-Klamotten und blickt durch eine Brille, die wirklich nerdig ist und es nicht nur sein will. Wenn sie zeichnet, dann für konkrete Anwendungen, meist im musikalischen Bereich: Illustrationen für den Rolling Stone, Albencover, Flyer für monatliche Clubreihen.


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Mit Kunst, die mehr sein will als das, bedeutungsschwanger oder provokant, oder bei der gar der Künstler im Vordergrund steht, kann sie absolut nichts anfangen. Ihre eigenen Bilder bezeichnet sie als Dekorationskunst - gerade deshalb, weil andere Künstler dieses Label als Beleidigung auffassen würden. "Mich nervt das irrsinnig, wenn jemand glaubt, sich zu seinem gemalten Strich dazustellen zu müssen und zu behaupten, der wäre jetzt sonderlich politisch und gesellschaftskritisch. Ich mache meine Sachen, weil sie dekorativ und ästhetisch sind und würde niemals behaupten, sie hätten eine tiefere Bedeutung." An der Akademie wäre es nur darum gegangen, wie man sich bestmöglich vermarktet, und weniger darum, wie man qualitativ hochwertige Werke schaffe. Dass es ganz ohne diese Mechanismen aber auch nicht geht, wenn man Erfolg haben will als Künstlerin, dessen ist sich Mote bewusst. Und darum ist die Künstlerinnenlaufbahn für sie auch gestorben. Endgültig bestätigt wurde sie in ihrer Entscheidung, als sie nach der Exmatrikulation ein Zeugnis zugeschickt bekam: Daniel Richter gab ihr eine Eins - und das, obwohl sie keiner seiner Klassen jemals anwesend war. Aus den Künstlerkreisen flüchtete sie sich in die muffigen Hallen der Wiener Uni, wo sie seit 2008 Kultur- und Sozialanthropologie studiert und gerne eine Feldforschung in Pakistan finanziert bekommen würde. Ihre beruflichen Ambitionen liegen jetzt in diesem Bereich, das Zeichnen passiert nebenbei. "Aber ein Hobby ist es auf keinen Fall, denn ein Hobby sollte, glaub’ ich, Spaß machen", spöttelt sie dazu. "Ich zeichne gar nicht gerne, sondern habe einfach diese Liste in meinem Kopf mit Sachen, die ich probieren will. Und die will ich abarbeiten. Zum Beispiel habe ich irgendwann angefangen, eine Serie von 3001 Köpfen zu zeichnen."


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Die Köpfe sind ein seltsames Projekt: nur alte Männer, fast schon Karikaturen, eine fast wie die andere und nur in ihrer schieren Masse als Kunstwerk zu begreifen. Da muss doch nun wirklich irgendetwas dahinterstecken, wieso sonst zeichnet man 3001mal dasselbe Bild? Mote lacht zufrieden: "Es war anfangs eine grafische Übung für mich. Ich hab ein Buch meines Vaters aus den 70ern gefunden, das die berühmtesten 3000 Köpfe porträtiert, und habe versucht, die Menschen realistisch abzuzeichnen. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Aber ich fand das Ergebnis witzig, und nachdem ich so ein serieller Mensch bin, hab ich gedacht: wunderbar! Und jetzt sagt mein neurotisches Vogerl mir, dass ich das noch fertig machen muss, bevor ich endgültig aufhöre."

Warum jemand, der so schöne Sachen machen kann, es tatsächlich bleiben lassen will, ist kaum zu verstehen - elitäre Kunstwelt hin oder her. Aber zuzutrauen ist es Mote Scherr in ihrer Eigenart durchaus, dass Kopf 3001 das letzte ist, was sie in für lange Zeit zeichnet.



Check-Brief

NAME Mote Scherr
AUFGEWACHSEN IN einem Dorf in der Steiermark
LEBT IN Wien
STUDIUM Malerei im erweiterten Raum an der Akademie der bildenden Künste (2007-2010), Kultur- und Sozialanthropologie (seit 2008)
KURIOSUM Zeichnen macht ihr keinen Spaß
FAIBLE Buchstaben aller Art und Tiere, weil die sich so gut abzeichnen lassen
BISHER CD-Artwork für Hidden By The Grapes und Der Nino aus Wien, Illustrationen für den Rolling Stone, Flyer für Wiener Clubs
AKTUELL Projekt "Kopf 3001"

02.08.2010


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