Bücher // Review

Roman
Erscheintermin 07/2012
Verlag Klett-Cotta
Medium Paperback
Seitenzahl 890 S.
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libri.de EUR 4.50
Als der alte Mann hinter dem Vorhang ihres Schlafzimmerfensters steht und sie stumm anstarrt, ahnt Ariane noch nicht, dass sie in nur wenigen Monaten eine leidenschaftliche Affäre mit dem jüdischen Diplomaten Solal beginnen und ihren Mann verlassen wird, obwohl der Greis es ihr vorhersagt. Noch spielt die Calvinistin aus der Genfer Oberschicht der 1930er-Jahre die Ehefrau eines einfältigen Karrieristen beim Völkerbund, mit allem, was dazu gehört: mit Launen, Migränen, Prüderien. Wie Ariane aus dieser Ehe ausbricht, wie Solal sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Tricks überhaupt zu diesem Entschluss bringt, wie beide ihre Leidenschaft so schier unendlich ausleben, all das schildert Albert Cohen in seinem 1969 geschriebenen Roman mal einfühlsam, mal ironisch distanziert, in ganz wichtigen Momenten in der Form innerer Monologe, immer aber mit einer sprachlichen Wucht, dass einem der Atem stockt. Und manchmal ganz wegbleibt, wenn die Leidenschaft im Laufe des bis zum Schluss fesselnden 900-Seiters regelrecht implodiert. Ariane reagiert verzweifelt, und Solal, der alles vorhersah, wird in der Folge zynisch, ohne die Liebe wirklich zu verraten. Was "Die Schöne des Herrn" aber zum absoluten Meisterwerk macht: Albert Cohen bürstet die Liebesgeschichte gegen den Strich, indem er sie in einen gesellschaftskritischen Kontext stellt. Wie hier zwei Menschen auf verdammt hohem Niveau ihre Leidenschaft niederbrennen, wird immer wieder im ironischen Ton kommentiert. Wie Solal als Jude mit französischem Pass Mitte der 30er immer höher pokert und schließlich als Staatenloser um seine Existenz kämpfen muss, läuft angesichts der Liebesgeschichte zwar fast lapidar nebenher, katapultiert "Die Schöne des Herrn" aber dennoch auf das Niveau eines politischen Romans. (jw)






