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Erwin Wagenhofer // Story

Erwin Wagenhofer

Der Aufklärer

Erwin Wagenhofer macht Filme gegen die Missstände in der Welt. Diesmal knöpft er sich das weltweite Finanzsystem vor – und erklärt, was tote Ampeln mit der Bankenkrise zu tun haben.

Interview: Volker Sievert
Foto: Delphi Filmverleih

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U_mag: Herr Wagenhofer, wenn man "Let’s make Money" gesehen hat, weiß man mehr über den ungerechten und perversen globalen Geldkreislauf. Man ist wütend und verzweifelt. Und nun?
Erwin Wagenhofer: Nun müssen Sie nachdenken. Das ist der Sinn von gutem, kritischem Kino. Nehmen Sie mal an, Sie sitzen in "Der große Diktator" von Charlie Chaplin. Sie schlagen sich vor Lachen auf die Schenkel. Dann gehen Sie raus und sagen sich: Was jetzt? Wenn der Film gut gemacht war, bleibt Ihnen das Lachen im Halse stecken. Auch bei "We feed the World" habe ich gedacht: Wenn ich am Schluss noch zehn Minuten Lösungen anbiete, einen Ratgeber - dann ist der Film kaputt. Dann denken die Zuschauer nämlich: Super, es gibt doch Leute, die sich kümmern, ich kann beruhigt rausgehen und muss nichts tun.

U_mag: Verschiedene Leute versuchen auf verschiedene Arten, die Welt zu verändern: Bono trifft Staatschefs, Clooney fliegt nach Darfur, mein Kumpel gründet ein Webforum für nachhaltigen Lifestyle, Sie drehen Filme - aber was können wir tatsächlich ändern?
Wagenhofer: Jede Veränderung geschieht entweder durch eine Katastrophe oder kommt von der so genannten Zivilbevölkerung. Und nur die normalen Bürger können auch etwas ändern - die Politik hat ihre Visionen komplett aufgegeben und hinkt hinterher. Erst, wenn die Politik sieht: Ui, da ist ja ein großes Wählerpotenzial, gibt es eine Bewegung. Greenpeace und Amnesty International wurden von Privatpersonen gegründet, die gesagt haben: Das und das wollen wir nicht mehr, und sie sind sofort weltweit auf ein enormes Echo gestoßen. Offensichtlich braucht es solche Leute. Ich könnte mein Geld woanders auch leichter verdienen.

U_mag: Apropos Geld: Wenn ich bei einer Bank ein Konto eröffne, wie nehme ich dann Einfluss auf die Lebensverhältnisse eines Bauern in Südostasien?
Wagenhofer: Die Kontoeröffnung selbst hat keine Folgen. Nur kann die Bank mit dem Geld, das auf diesem Konto landet, nun agieren. Man darf zwar nicht alle Banken über einen Kamm scheren, aber es könnte sein, dass das Geld in einem Dritte-Welt-Land investiert wird und dort zur Ausbeutung beisteuert oder die Umwelt zerstört. Das kennt man alles. Aber vor allem stellt das Geld - und das kennt man weniger - Produkte her, Jeans zum Beispiel. Die verlassen mit einem Produktionspreis von drei Dollar China, kosten bei uns in den Läden aber 100 Dollar. Eine irrsinnige Geldvermehrung hat stattgefunden. Von der nur wir, die Erste Welt, profitieren.

U_mag: Und was soll ich dagegen machen? Ich brauche doch ein Konto, ohne Konto kriege ich keinen Lohn. Aus diesem Zusammenhang komme ich nicht raus.
Wagenhofer: Doch, indem man wieder Regeln für die Banken einführt. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929/1930 gab es ganz strenge Regeln, die später unter dem Deckmantel der Freiheit und des Liberalismus aufgeweicht wurden. Und nun ist es im Finanzwesen zu diesem Zusammenbruch gekommen, denn ohne Regeln entsteht immer Chaos im menschlichen Zusammenleben. Alle, die Regeln abgeschafft haben, ob das freie Liebe war oder etwas anderes, sind gescheitert, weil man eben Regeln braucht. Wir sind noch nicht so weit, dass wir ohne das leben können. Vielleicht in tausend Jahren. Stellen Sie sich vor, man würde da draußen (zeigt auf die Straße) alle Ampeln ausschalten, und es gäbe kein rechts vor links und keine sonstigen Verkehrsregeln - es herrschte ein unvorstellbares Chaos, in dem sich der Brutalste durchsetzen und alle anderen niederfahren würde. Genau das ist unlängst in der Finanzwelt passiert.

U_mag: An den spanischen Küsten stehen ungefähr drei Millionen Wohnungen leer, deren Abschreibung der Steuerzahler zahlt. Dazu gibt es ca. 800 ungenutzte Golfplätze, deren Bewässerung so viel Wasser verbraucht wie 16 Millionen Menschen. Wieso unterstütze ich diesen Irrsinn mit dem Abschluss einer Versicherung?
Wagenhofer: Sie machen das ja nicht wissentlich. Das Problem bei uns ist jedoch, dass wir nicht zu wenig Geld haben, sondern zu viel, und dass dieses Geld nicht richtig verteilt wird. In Deutschland und Österreich, in zwei der reichsten Länder der Welt, gibt es working poor, arbeitende Arme - Menschen, die einen Job haben, aber dennoch unter der Armutsgrenze leben. Allein erziehende Frauen arbeiten 40 Stunden an der Supermarktkasse, aber verdienen nicht genug, um mit den Kindern durchzukommen. Denen gibt man das Geld aber nicht, sondern man gibt es lieber über einen Pensions- oder Immobilienfonds nach Spanien, damit dort diese Bauruinen entstehen, die keiner braucht. Das bringt mehr Rendite. Was soll denn das für einen Sinn haben? Können Sie mir das erklären?

U_mag: Nein. Amerika subventioniert seine Baumwollindustrie mit drei Milliarden Dollar jährlich und sorgt so dafür, dass Konkurrenten wie Burkina Faso bettelarm bleiben. Das regt mich so auf, dass ich ab sofort keine Baumwollhemden mehr bei großen Textileinzelhandelsunternehmen kaufe. Hilft das?
Wagenhofer: Durch die reine Kaufentscheidung können Sie nichts erreichen. Es bedarf engagierter Aktivisten, Buchautoren oder Filmemacher, die aufklären. Und es bedarf, wieder einmal, Regeln. Aber wenn man ständig die Möglichkeit hat, Steuerparadiese zu nutzen, ist selbst das ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das Verrückte am Fall USA-Burkina Faso ist, dass die Amerikaner immer den freien Markt propagieren und fordern, ihn aber nicht ernst nehmen. Er ist nur frei, solange er ihrer Freiheit dient. Er ist aber de facto nicht mehr frei, wenn er die Freiheit anderer - armer afrikanischer Staaten zum Beispiel - einschränkt.

U_mag: Das heißt doch wieder, dass ich als Konsument überhaupt keine Möglichkeit habe, etwas zu beeinflussen. Dann ist es doch völlig egal, wo ich kaufe, ob bei Ausbeutern oder nicht.
Wagenhofer: Schauen Sie, warum gibt es Billigketten? Weil es viele Menschen gibt, die nur ein sehr begrenztes Haushaltsbudget haben: arbeitende Arme, Studenten, Jugendliche. Die müssen dahin, die sind froh, dass es das gibt, auch, wenn man da nur Wegwerfware kaufen kann. Es ist wieder das Problem der Verteilung: zu viel Geld, das nicht an die Bedürftigen gegeben wird, damit die sich etwas Ordentliches zum Anziehen kaufen können. Die Schuhe, die ich trage, haben 400 Euro gekostet. Manche halten mich deswegen für einen Idioten oder Snob - aber dafür trage ich diese Schuhe seit 15 Jahren, und wenn damit was ist, gebe ich sie zum Schuster. Die sind immer noch so gut, die kann noch ein anderer tragen, wenn ich abtrete! Das hat man bei allen Produkten aufgegeben, diese Qualität, und das muss man in den Griff kriegen.

U_mag: Vielleicht wollen die Leute ja gar keine Schuhe, die 15 Jahre halten, denn der nächste Trend könnte sie absolut untragbar machen. Hat die Trendhörigkeit die mindere Qualität ausgelöst oder umgekehrt?
Wagenhofer: Das Henne-Ei-Problem ... Ich weiß es nicht. Tatsache ist jedoch, dass es offenbar wenig mündige Bürger gibt, die sagen: Ich trage den Schuh, der mir gefällt, und ob der in ist, ist mir egal. Wenn ich mich morgens in der Früh anziehe, will ich mich wohl fühlen. Manchmal fühlt man sich in einem blauen Pullover wohl, manchmal in einem roten, der eine trägt sein ganzes Leben Schwarz, der andere will immer bunt sein. Das ist die Vielfalt, die wir ständig wollen - aber gerade bei der Mode wollen wir ständig Trends. Unser Problem ist, dass wir verkommen sind. Wir wollen ununterbrochen verbrauchen. Das muss aufhören. Ich will nicht verbrauchen. Ich will auch nichts konsumieren. Ich will nutzen.

U_mag: Gebraucher sein.
Wagenhofer: Ganz genau. Ich will Gebraucher sein.

U_mag: Der Ölpreis ist untrennbar an den Dollar gebunden. Sie behaupten im Film, dass die USA den zweiten Irakkrieg nur angefangen haben, weil Saddam Hussein vorher angedroht hatte, Öl in einer anderen Währung als dem Dollar zu zahlen. Mache ich die Welt friedlicher oder mich lächerlich, wenn ich nun mein Auto verkaufe und nur noch Fahrrad fahre?
Wagenhofer: Das Auto ist keine schlechte Erfindung, man muss es nicht verteufeln. Die Frage ist eher: Wann setze ich es wozu ein? Für mich ist das Auto kein Prestigeobjekt, manchmal weiß ich gar nicht, wo ich es geparkt habe. Ich benutze es, wenn ich es brauche, mache mal einen Ausflug, das ist schön, darüber freue ich mich. Aber ich fahre nicht sinnlos herum - das hält mein Nervenkostüm gar nicht aus. Sie brauchen Ihr Auto nicht zu verkaufen. Es ist kompletter Blödsinn, den Leuten den Genuss auszureden, sie sollen ihr Auto genießen und ihr gutes Essen. Sie sollen nur nachdenken, bevor sie es tun.

U_mag: Privatisieren bedeutet dem Wortstamm nach "berauben, entziehen". Wie halte ich nun die Bundesregierung davon ab, mir als einem von 80 Millionen Eigentümern die Deutsche Bahn zu rauben?
Wagenhofer: Das ist ein enormes Problem, weil es staatliche Interessen gibt, die das forcieren, da sie aus der Privatisierung Profit schlagen. Obwohl es gerade bei der Bahn genug warnende Beispiel gibt. Die British Railways zum Beispiel wurde auf diese Art kaputt gemacht. Da wird die Privatisierung nun wieder rückgängig gemacht, nachdem es Tote gegeben hat, weil die Instandhaltung der Anlagen aus Kostengründen vernachlässigt wurde. Warum sollte man etwas, das alle in einem Land bezahlt haben, an einen Privaten verschenken, damit der davon profitiert? Erklären Sie mir das!

U_mag: Kann ich nicht. Aber was soll ich dagegen tun? Das ist doch die Frage.
Wagenhofer: Gehen Sie einfach in den Bundestag und vertreiben Sie Ihre Politiker. Das sind doch Ihre Angestellten. Sie bezahlen die ja schließlich.

Check-Brief

Name Erwin Wagenhofer
Geboren 29. Mai 1961 in Amstetten, Österreich
Berufe Filmemacher, Autor
Ist Lehrbeauftragter an der Universität für angewandte Kunst in Wien
Bekannt durch "We feed the World - Essen gobal"
Neuer Film "Let’s make Money", eine kritische Dokumentation über die weltweiten Finanzsysteme. Im Kino seit 30. Oktober

03.11.2008


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