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Ingo Niermann // Story

Ingo Niermann
Foto: Kay Itting

Sexsoldat

Afghanistankrieg und Analsex: Indem Ingo Niermann mit „Deutscher Sohn“ gleich mehrere Tabus bricht, gelingt ihm einer der intelligentesten Romane der Saison.

Interview: Carsten Schrader

Gefunden in

uMag: Ingo, rund um den Roman, den du zusammen mit Alexander Wallasch geschrieben hast, poppen viele Fragezeichen auf. Man könnte ihn zum Beispiel als erste literarische Aufarbeitung des Afghanistankriegs verstehen.
Ingo Niermann: Zwar kehrt ein Soldat aus Afghanistan zurück, aber es ging uns stärker um das Fremdwerden der Heimat und den daraus resultierenden, verschärften Blick. Das Buch ist vor allem Heimatroman.

uMag: Trotzdem ist es aber auch eine Aussage zu dem Krieg, wenn ein verwundeter Afghanistanheimkehrer zum sexbesessenen Internetjunkie mutiert ...
Niermann: Unser Held ist 28, und er ist quasi an seinen Stuhl gefesselt - natürlich denkt er die ganze Zeit an Sex. Uns hat ein Gästebucheintrag inspiriert, den wir auf einer Internetseite für Gangbang gefunden haben: Ich bin Soldat, wurde verwundet im Afghanistankrieg und mir fehlt ein Bein. Darf ich trotzdem bei euch mitmachen? Über seine Suche nach Sex vergewissert sich dieser Soldat, ob er nun Held oder Stigmatisierter ist. Das bringt die ganze deutsche Afghanistandebatte auf den Punkt.

uMag: Mit den sehr expliziten Sexszenen sind wir auch schon beim nächsten Fragezeichen, denn als Partnerin taucht plötzlich die Hauptfigur aus Charlotte Roches Skandalroman "Feuchtgebiete" auf.
Niermann: Wir finden ihr Buch einfach beide toll, das ja wirklich spaltet. Es ist ziemlich unberechenbar, wer es gut findet und wer nicht. Wir wollten es fortspinnen und aus einer anderen Perspektive erzählen. Bei Charlotte Roche ist es ja eher ein Theatersetting, es hat keinen richtigen Ort, und alles bleibt ganz abstrakt. Wir haben aus ihrer Figur Helen eine Ostdeutsche gemacht, die auf unseren Afghanistanheimkehrer trifft. Das geht natürlich eigentlich gar nicht: Die Heldin eines Buches, das Millionen gelesen und zu dem noch mehr eine Meinung haben, in einen anderen Zusammenhang zu überführen. Sowas einfach trotzdem zu tun, genau das interessiert mich an Literatur.

14.02.2011


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