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Sacha Sperling // Story

Sacha Sperling
Foto: Patrice Normand / Opale

Speed und Sperma

Ist es wirklich ein Skandal, wenn Sacha Sperling über einen 14-jährigen Helden zwischen Sex und Partyexzessen schreibt? Sicher nicht. Nur macht er das so überzeugend, dass wir beginnen, an der Liebe zu zweifeln.

Von Carsten Schrader

Gefunden in

"Ohne den Stern, der langsam über den Himmel wandert, aus den Augen zu lassen, sage ich: ,Ich liebe dich.’ Schweigen macht sich breit. Er antwortet mir nicht. Ein paar Sekunden später. Der Stern ist nur ein Satellit. Immer noch Schweigen. Ich habe noch nie eine Sternschnuppe gesehen. Er zieht mir das T-Shirt aus. Schiebt meine Hose runter. Ich konzentriere mich auf einen Stern, den strahlendsten. Nichts hat mehr Bedeutung. Er bläst mir einen. Es hat keine Bedeutung. Ich ejakuliere. Er zündet den Joint wieder an." *

Er ist gerade mal 20 geworden und wurde im letzten Jahr häufiger Skandalautor genannt als sein Landsmann Michel Houellebecq. Doch Sacha Sperling findet die Bezeichnung nur so mittel. "Einerseits bin ich ein großer Fan von Autoren wie Irvine Welsh und Bret Easton Ellis, die dieses Label ja bereits seit Jahren mit sich rumtragen, andererseits denkt man bei dem Wort auch immer sofort an oberflächliche Provokation, die den Verkauf ankurbeln soll", wegt er ab.

Schaut man sich nur den Klappentext seines Debüts "Ich dich auch nicht" an, könnte man Sperling durchaus billige Schockeffekte unterstellen. Da ist sein 14-jähriger Held Sacha Winter, der sich in seinen Freund Augustin verliebt. Die beiden haben nicht nur ausgiebig Sex miteinander, parallel legen sie auch noch jede Menge Mädchen flach, die sie anschließend rücksichtslos fallen lassen. Sie saufen, nehmen Drogen, und bald gehen sie nur noch jeden zweiten Tag zur Schule. Doch Sperling war sich der Klischeefalle bewusst. "Natürlich verkommt alles schnell zu peinlicher Poserei, wenn man über Sex, Drogen und Partys schreibt, aber ich hatte eine Geschichte zu erzählen, die hinter dem Speed und dem Sperma liegt." Und wenn sich Sperlings Protagonist bei einer Party über die innere Leere unterhält, dann heißt sein Gesprächspartner bestimmt nicht zufällig Clay, so wie die Hauptfigur in Bret Easton Ellis’ Kultroman "Unter Null". Auch bei dem jungen Franzosen geht es ums Verlorensein in der Welt und das Sperren gegen Erwartungen. Und Sperling haut das Update mit einer poetischen Kraft raus, die gleichzeitig fasziniert und beängstigt.

"Er fahrt fort: ,Ich sag dir was: Du weißt nicht, wo du sein möchtest, weil du so bist wie ich ... wie sie.’ Er zeigt mit dem Finger auf die Leute im Zimmer. ,Weil du keine Sehnsucht hast, die dich an einen anderen Ort versetzen könnte. Kein Ziel. Deine Vergnügungen sind wie Waffenruhen, leicht und schnell zu haben. Du hast alles, und trotzdem stellst du allmählich fest, dass dein Herz leer und dein Kopf voller gewaltsamer Bilder ist, und nur die erinnern dich noch daran, dass du lebendig bist.’" *

Er hat extra eine Passage eingebaut, mit der er sich von der Romanhandlung distanziert, aber natürlich wird Sperling trotzdem immer wieder gefragt, ob der Roman autobiografisch sei. Ist er denn schwul? Und wie exzessiv sind seine eigenen Drogenerfahrungen? Wirklich schlimm findet er diese Verhörsituationen aber gar nicht. "Ein Teil speist sich aus eigener Erfahrung, manches ist von Freunden inspiriert, und anderes ist schlicht ausgedacht", wiegelt er schnell ab, um dann zu weit wichtigeren Themen zu kommen. "Ein bisschen gegen dieses Denken in Kategorien anzuschreiben, war eine wichtige Motivation für das Buch. Es wird immer so getan, als wären wir unglaublich tolerant und mittlerweile gegenüber jedem individuellen Lebensentwurf aufgeschlossen, aber während nach außen hin Queerness vorgetäuscht wird, orientiert sich die Gesellschaft hinter vorgehaltener Hand längst wieder stärker an traditionellen Werten." Da tut es natürlich gut, wenn er zwei 14-jährige Jungs zeichnet, die unbekümmert ihre schwule Beziehung leben.

Doch gibt es eben in dieser Beziehung auch die dunkle Seite der Abhängigkeit, und Sperling reagiert wesentlich empfindlicher, wenn versucht wird, das Buch als eine pathetische Teenagerliebe beiseite zu schieben. "Natürlich erlebt man Gefühle intensiver, und gewisse Fragen stellen sich in jungen Jahren dringlicher", entgegnet er. "Aber mit der einseitigen Perspektive durch den Ich-Erzähler Sacha soll ja ganz bewusst nicht eine klassische Liebesgeschichte erzählt werden, sondern das, was die vielleicht übersteigerte Empfindung über die empfindende Person selbst sagt. Und ich glaube, nicht nur Teenies sind in der Liebe vor allem auf der Suche nach sich selbst."

"Erwachsenwerden heißt einsehen, dass fliehen unmöglich ist, dass die Geschichten kurz und bedeutungslos sind, aber aus Gründen, die wir nicht nachvollziehen können, Spuren hinterlassen. Erwachsenwerden heißt einsehen, dass es kein Anderswo gibt. Erwachsenwerden heißt einsehen, dass man sterben wird, oder nicht?" *

Sacha Sperling genießt es, seine Leser in Unbehagen zu hüllen. "Letztendlich ist dem Roman eingeschrieben, dass glückliche Liebesgeschichten unmöglich sind", setzt er noch einen drauf, in dem Wissen, dass er es sich leisten kann. Denn skandalös ist an seinem Roman vor allem, mit welchem sprachlichen Geschick er uns die Desillusionierung unterjubelt.


* Zitate aus Sacha Sperlings "Ich dich auch nicht"

24.02.2011


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