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Tino Hanekamp // Story

Tino Hanekamp
Foto: York Christoph Riccius

Subversiver Lulli

Eine Egonabelschau braucht die Welt nun wirklich nicht mehr, findet Tino Hanekamp. Einzige Ausnahme: sein Romandebüt.

Interview: Carsten Schrader

Gefunden in

uMag: Tino, als Betreiber des Hamburger Clubs Uebel & Gefährlich schreibst du wöchentlich einen Newsletter, den vermutlich auch Leute in München oder Berlin abonniert haben, weil er an Wortakrobatik, Witz und Haltungsstärke kaum zu überbieten ist. Jetzt erwarten die Leute natürlich, dass du in deinem Romandebüt "So was von da" genau so aufdrehst.
Tino Hanekamp: Da werden sie aber enttäuscht sein. Am Anfang habe ich gedacht, ich könne den Newsletterstil in ein Buch überführen. Aber das hat nicht funktioniert.

uMag: Statt einen Roman mit einem Clubbetreiber als Hauptfigur hättest du doch auch eine Glossensammlung veröffentlichen können, in denen du die Anekdoten aus dem Alltag deines Ladens verarbeitest.
Hanekamp: Das hat mich aber nicht interessiert. Es gibt Leute, die können das wahnsinnig gut, das beste Beispiel ist Rainald Goetz. Typen wie er metern solche Sachen raus, da kannst du als Leser nur mit den Ohren schlackern. Bei jeder Zeile platzen ein paar Synapsen. Aber ich wollte eine Geschichte schreiben. Mit 16 habe ich "Betty Blue" von Philippe Djian gelesen. Sowas in der Art sollte es werden.

uMag: Du warst Musikjournalist und hast zwei Clubs aufgebaut. Wenn man sich deine Biografie anschaut, dann hast du einfach immer gemacht, was du wolltest - und es hat geklappt. Aber beim Romanschreiben hattest du jetzt plötzlich Schwellenängste und Selbstzweifel?
Hanekamp: Von dem, was ich gemacht habe, konnte ich nie irgendwas. Das ist alles professioneller Dilettantismus. Man denkt sich dann so: Da habe ich jetzt Bock drauf, das fühlt sich gut an, also versuche ich es. Aber dieser beschissene Roman war das härteste, was ich in meinem bisherigen Leben versucht habe. Ständig wird man im luftleeren Raum mit der eigenen Unfähigkeit konfrontiert.

uMag: Waren die vielen Schnittstellen zu deiner Biografie ein Problem?
Hanekamp: Tatsächlich war das die größte Schwierigkeit. Die Welt braucht nicht wirklich noch eine Egonabelschau von einem mittzwanzigjährigen Großstadtbewohner, der irgendwie versucht, sein Lullileben auf die Reihe zu kriegen.

uMag: Wie hast du dich selbst denn davon überzeugt, dass du keine Lulligeschichte geschrieben hast?
Hanekamp: Keine Ahnung, vielleicht ist es ja eine. Natürlich habe ich versucht, dagegen anzuschreiben. Es geht ja nicht um Pulloverlabels oder darum, welche Band man warum geil findet, sondern um existenzielle Fragen, die sich jeder in diesem Alter stellt. Die ersten drei Monate nach Beendigung des Romans hatte ich Kindbettdepressionen, aber inzwischen habe ich genug Distanz, um behaupten zu können, dass es um mehr geht als Popkultur und meine kleinen Befindlichkeiten.

uMag: Mit der Liebesgeschichte und einigen Schicksalsschlägen wagst du dich sogar ziemlich nahe an Kitsch ran.
Hanekamp: Ich stehe auch auf Kitsch und Pathos! Letztlich sind das große Gefühle, nach denen jeder sucht. Und große Gefühle sind nun mal peinlich. Auf etwas wahnsinnig emotional zu reagieren: peinlich. Sich zu verlieben: immer peinlich. Aber lieber mache ich mich zum Horst und habe dafür ein intensives Leben und intensive Gefühle als die ganze Zeit nur cool in der Ecke zu stehen und nichts zu empfinden oder mir zumindest nichts anmerken zu lassen.

uMag: Spannend, denn mit dieser Haltung könntest du in der meistens doch sehr zugeknöpften Literaturszene schön anecken ...
Hanekamp: Das ist tatsächlich absurd. So wie ich das bis jetzt mitgekriegt habe, ist der Literaturbetrieb schon eine unglaublich langweilige und piefige Mischpoke. Auch die Idee einer Lesereise erschließt sich mir nicht. Wenn ich das Buch schon gelesen habe, warum muss ich es mir nochmal vorlesen lassen? Höchstens, um den Autor mal zu erleben. Natürlich bin ich auch zu einer Philippe-Djian-Lesung gegangen, aber nur um Philippe Djian mal zu sehen. Was mich an Lesungen stört, ist diese Prätentiösität, die da immer mitschwingt. Der Autor liest, als wäre das jetzt irgendwie wahnsinnig wichtig, und alle lauschen andächtig. Irgendwie muss ich das aufbrechen. Dass das möglich ist, sieht man ja an Leuten wie Rocko Schamoni, die dann irgendwie Stand-up-Comedy und Gagshow machen. Da geht es eigentlich gar nicht mehr um den Text.

uMag: Die Namen Strunk und Schamoni werden bei deinem Text eh immer als Referenzgrößen fallen ...
Hanekamp: Na klar, wir sind komische Szenevögel aus Hamburg, die Romane schreiben. Ich habe keine Ahnung, ob der Vergleich gerechtfertigt ist, aber es ist nicht die schlechteste Gesellschaft, in der man sich befinden kann.

uMag: Euch eint, dass man zwischen den Zeilen auf subversive Botschaften stößt.
Hanekamp: Im besten Fall soll mein Buch zum Ungehorsam und zum Quatschmachen anstiften. Dazu braucht man Mut und eine Energie, die nach vorne drängt, und ich hoffe, dass beides irgendwie da drin ist.

uMag: Warum sind es immer noch vor allem die Alten wie Strunk und Schamoni, die für Freiräume sorgen und Mut dazu machen, eine Band zu gründen oder ein Buch zu schreiben, statt sich aus einem Sicherheitsdenken heraus in Ausbildung oder Studium zu stürzen?
Hanekamp: Weil unsere Generation von Angst zerfressen ist. Schorsch Kamerun und diese geilen Larrys, die immer noch was abliefern, sind noch mit mit der Gewissheit aufgewachsen, dass eine Ausbildung pro Biografie reicht und dich zur Not auch der Staat durchfüttert. Aber die jüngeren Generationen wissen, dass man auch mit 40 noch voll auf die Fresse fallen kann, und danach kommt nichts mehr. Deswegen lassen sie sich drei Jahre lang als Prakti knechten, um dann irgendwann mal in einer Konzertagentur für 1200 Euro im Monat 70 Stunden pro Woche zu arbeiten. Das ist dann die Erfüllung, geiler geht es nicht. Die Jüngeren glauben, sie hätten so unglaublich viel zu verlieren. Aber was bitteschön soll das sein? Diese Angst und die daraus resultierende Lähmung und Ideenlosigkeit finde ich wahnsinnig deprimierend.

uMag: Und dann schreibst du trotzdem noch ein Buch, das aufrütteln will?
Hanekamp: Der Leidensdruck muss größer werden, dann ändert sich auch was. Es muss eben erst so richtig scheiße sein. Leidensdruck kann ja auch durch radikale innere Ödnis und Langeweile entstehen. Die Generation, die jetzt schon mit sechs bei Facebook ist, die wird wahrscheinlich mit 18 auf den Monitor starren und komplett leer sein. Aber die wird dann auch neue Wege auftun, um da wieder rauszukommen. Also, Daumen hoch, junge Generation, das wird schon. Vermutlich packt es die nächste, ne?

24.03.2011


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