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The Kills
Foto: Shawn Blackwill

Viel Rauch um (fast) nichts

Nein, The Kills sind nicht in der Krise. Daran kann auch Kate Moss nichts ändern – glaubt Sängerin Alison Mosshart …

Von Carsten Schrader

Gefunden in

Alison Mosshart hat keinen Bock mehr. Für ganze zwei Tage war der hip angeranzte Club hbc am Alexanderplatz von der Kills-Sängerin und ihrem Partner Jamie Hince gebucht worden, doch schon zu Beginn von Tag zwei schrillen bei den Plattenfirmenmenschen die Alarmsirenen, weil das britisch-amerikanische Duo mit dem Gedanken spielt, den Interviewmarathon vorzeitig abzubrechen. Noch viel spektakulärer ist allerdings der Grund: Niemand will mit ihnen über Musik sprechen.

Gerade war durch die Presse gegangen, dass Hince im Sommer seine Promifreundin Kate Moss heiraten will. Artikel über den vermeintlichen Zickenkrieg zwischen Moss und Mosshart sind in der Yellowpress ja schon seit einiger Zeit schwer angesagt: Das Model klaue der Musikerin den Style, Mosshart bekomme hysterische Anfälle, weil Moss sich in die Musik einmische, blablabla. Doch The Kills sind für ihr viertes Album extra nicht zu einer großen Plattenfirma gewechselt, die das gerade voll durch die Decke gehende Indieduo auch an Gala, Bild und "RTL Explosiv" verkaufen würde. Aber vermutlich sind Musikjournalisten einfach noch größere Spanner. Und feige dazu, denn Hince darf in seinen Gesprächen lässig über Soundfriemeleien plaudern, während Mosshart mit intimen Fragen zum Privatleben ihres musikalischen Partner attackiert wird.

Dabei gäbe es so viel Spannenderes zu bereden: Nach ihrem Überalbum "Midnight Boom" von vor drei Jahren waren nämlich alle überzeugt, mit den Kills könne es nur noch bergab gehen. Die beiden hatten ihre karge Mischung aus Punk, Indie und Soundspielereien immer weiter reduziert und dabei das Maximum an Eingängigkeit rausgeholt. Als sich Mosshart dann in der Bandpause auch noch an Jack White von den White Stripes hängte und mit der Bluesrockband The Dead Weather ein Nebenprojekt aufmachte, schien die Kills-Krise perfekt. Doch jetzt veröffentlichen sie ein Album, das alle Zweifel wegwischt, indem sie sich einfach von ihrem bisher wichtigsten Dogma verabchieden: Weniger ist mehr gilt auf "Blood Pressures" nicht mehr. Natürlich hauen sie auch wieder sexy-schmutzige Hymnen raus, doch mit wesentlich vollerem Sound geben sie sich experimentierfreudiger und wagen mehr Pop.

"Vielleicht ist die Platte ein Wendepunkt", sagt Mosshart, ohne dabei von ihrer Krikelkrakelzeichnung aufzublicken, "aber ich kann neue Songs immer erst einschätzen, wenn ich sie auf der Bühne gesungen habe." Wie geht diese zwischen Misstrauen und Störrigkeit pendelnde Frau nur mit der Kills-Sängerin zusammen, die sich mit unendlichem Selbstvertrauen über jede Bühne wälzt, die stolze Selbstzerstörung personifiziert und der es damit gelingt, jeden Konzertbesucher mit dem Mut in die Nacht zu schicken, der Welt den Mittelfinger zu zeigen? Dann hört das Kratzen des Kugelschreibers auf, und sie denkt lange nach. "Wir wollten diesmal ohne Regeln arbeiten, und plötzlich haben uns die Songs befohlen, was wir zu tun haben", sagt die 32-jährige Sängerin und schaut dabei sogar auf. "Das klingt jetzt beschissen esoterisch, oder?"

Richtig in Fahrt kommt sie, wenn sie von ihrem Partner schwärmt und etwa erzählt, wie Hince dem Song "Heart is a beating Drum" diese merkwürdigen Tischtennissounds untergejubelt hat. "Jamie hat wieder mit einem MPC gearbeitet, mit dieser Samplingmaschine, die sie auch im HipHop ständig benutzen." Sie unterbricht kurz, als würde sie lauschen, ob sie den Erwähnten von dem Hinterzimmer aus hören kann, doch in dem weitläufigen Club kann man nur vermuten, dass er vorne an der Bar gerade über ein ähnliches Thema plaudert. "Er ist eine Spielernatur", sagt sie und legt Bewunderung in ihre Stimme, "für das letzte Album hat er Flipperkugeln gesampelt und jetzt auch noch Tischtennisbälle."

Von Jack White will sie dagegen keine Impulse bekommen haben, die sie für The Kills nutzen konnte. "Nö, denn mit Dead Weather sind wir einfach spontan in den Proberaum gegangen, während wir bei The Kills mit programmiertem Schlagzeug arbeiten." Natürlich habe sie von dem Mastermind der frisch aufgelösten White Stripes viel gelernt, aber eben gerade, weil sie durch ihn eine Arbeitsweise kennen gelernt habe, die zu der eigenen im unvereinbaren Widerspruch stehe. "Mit den Kills versuchen wir, Skulpturen zu erschaffen, während The Dead Weather Schnappschüsse von wunderbaren Augenblicken machen", fasst sie zusammen. Dann hält sie schon wieder inne - um plötzlich laut loszulachen. "Weißt du was, vielleicht hätte ich mir das neue Album noch mal am Stück anhören sollen, das habe ich nämlich noch gar nicht gemacht, seit es fertig ist."

Wovor ja viele Musiker Angst haben. "Quatsch", wiegelt sie jedoch ab und kann sich auch gleich die perfekte Situation ausmalen, in der sie die neue Kills-Platte zum ersten Mal hören möchte: beim Autofahren. "Ich konzentriere mich besser auf eine Sache, wenn ich gleichzeitig eine andere mache. Deswegen male ich ja auch hier rum, während ich mich mit dir unterhalte", stellt sie klar und es klingt fast wie eine Entschuldigung. "Gerade mit Musik ist das doch so: Wir tanzen zu ihr, und wir hören sie, wenn wir uns mit Freunden treffen. Nur Freaks haben ein Zimmer, in dem nichts außer einer Anlage steht. Musik ist dein ständiger Begleiter, und nebenbei kommst du mit dem Leben klar."

Mosshart lässt ihren Satz nachwirken, und wie so oft kommt sie nicht ohne Rückvergewisserung aus. "Ergibt das Sinn, oder ist das jetzt nur der Spleen einer frischen Ex-Raucherin, die bisher in ihrem Leben fast alles gemacht hat, während sie gleichzeitig eine Kippe in der Hand hatte?", will sie wissen, aber plötzlich ist eine Gegenfrage viel dringlicher: Ex-Raucherin? Eine Kills-Show ist unvorstellbar, wenn Mosshart sich nicht eine Zigarette anzündet, während sie über die Bühne fegt und dabei Hince anschmachtet. Doch die Gründe will sie nicht verraten, warum sie jetzt seit gut drei Monaten clean ist. Zu persönlich. Und vermutlich denkt sie dabei an Arschlochjournalisten, die jetzt natürlich schon einen ganz bestimmten Grund in ihren Entschluss reininterpretiert hätten.

Immerhin versucht sie sofort, die schlimmste Befürchtung zu zerstreuen, Nichtrauchen sei ihr erster Schritt zum Angepasstsein: "Ich werde auch als Nichtraucherin eine professionelle Raucherin bleiben." Und endlich fährt die Kills-Sängerin auch den Mittelfinger aus. "Ich finde es ja nicht plötzlich ekelig, und ich gehöre auch nicht zu den Arschlöchern, die auch gleich den Rest der Welt bekehren wollen. Im Gegenteil: Jeder darf zu mir in den Backstageraum oder auf die Bühne kommen, um da zu rauchen. Ich werde weiterhin für persönliche Freiheitsrechte kämpfen, und ich werde jeden anpöbeln, der das Recht zu haben meint, anderen erzählen zu dürfen, was sie verdammt noch mal tun dürfen und was nicht."

Genau diese Antihaltung ist es, die The Kills immer ausgezeichnet hat. Sie haben ihr Ding gemacht und sich von niemandem reinreden lassen. Vielleicht ist es schwieriger durchzuhalten, jetzt, wo sie kurz davor stehen, so viele Alben zu verkaufen wie ein Mainstreamact. "Im Gegenteil, es wird immer leichter", winkt Mosshart lässig ab "Wir haben nie die Kontrolle verloren, weil der Erfolg Schritt für Schritt kam. Ich muss niemanden überzeugen, weil ich zur Not alles selber zahlen kann. Und ich muss heute weniger darum kämpfen, dass man mir zuhört."

Aber warum lässt sie sich dann von Journalisten einschüchtern und schmollt, statt jede blöde Frage mit dem Mittelfinger abzuschmettern? "Das ist die Aufregung nicht wert, und ich kann da nichts gewinnen, weil jede Aussage so gedreht wird, dass sie gegen mich verwendet werden kann", sagt sie und gähnt demonstrativ. "Ich spreche ja mit Modemagazinen über meinen Klamottenstil, weil ich die Hoffnung habe, dass junge Leserinnen vielleicht auf unsere Platte stoßen und motiviert werden, etwas zu verändern. Aber Klatschspaltenspießer werden nie unsere Musik hören, und ich lasse meine Energie nicht von dem abziehen, wegen dem wir angetreten sind." Manchmal ist ein gelangweilter Blick wohl doch effektiver als der Mittelfinger.

24.03.2011


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