Hugh Laurie // Story
Mal kurz außer House
Interview: Steffen Rüth
kulturnews: Mr. Laurie, Sie sind gestern Abend in einem ehrwürdigen Club im French Quarter von New Orleans aufgetreten, also mitten in der Wiege des Blues. Sie wurden unterstützt von Legenden wie Allen Toussaint, Irma Thomas und Tom Jones. Trotzdem wirkten Sie überhaupt nicht nervös.
Hugh Laurie: Dann habe ich Sie erfolgreich getäuscht, mein Lieber! Ich hatte wahnsinnigen Bammel. Seine Gefühle gut verstecken zu können ist eine Gabe, die man beim Schauspielen lernt.
kulturnews: Sie sind 51 Jahre alt, lieben den Blues aber schon Ihr Leben lang. Braucht man eine gewisse Reife, um diese Musik glaubwürdig interpretieren zu können?
Laurie: Das denke ich nicht. Ich persönlich indes habe lange gewartet. Weil ich immer davon ausging, noch nicht so weit zu sein, nicht gut genug spielen zu können.
kulturnews: In mehreren Folgen von "House" spielen Sie Klavier, manchmal auch Gitarre. War das bereits ein Hinweis auf Ihre zweite Karriere als Musiker?
Laurie: Nein, nein. So weit haben wir seinerzeit nicht gedacht. Die Figur Gregory House basiert auf Sherlock Holmes, und Holmes spielt Violine. Ein Piano kann dazu auch ganz gut ausdrücken, was in seinem Gehirn so vor sich geht. Mathematische, wissenschaftliche Vorgänge spiegelt zum Beispiel die Musik von Bach sehr gut wider, der ja ein sehr logischer, präziser und eleganter Musiker war.
kulturnews: Es fällt auf, dass die Songs auf "Let them talk" nicht allzu bekannt sind. Haben Sie sich bewusst gegen die ganz großen Klassiker des Blues entschieden?
Laurie: Okay, "St. James Infirmary" ist von ungefähr fünf Millionen Menschen aufgenommen worden, aber ich habe auch Lieder ausgewählt, bei denen ich das Gefühl hatte, es wäre ein Verbrechen, wenn die Leute sie nicht endlich kennenlernten.
kulturnews: Wie genau haben Sie als Engländer den Blues eigentlich entdeckt?
Laurie: Durch meinen älteren Bruder. Falls mich meine Erinnerung nicht trügt, handelte es sich bei meinem ersten bewusst wahrgenommen Bluesstück um "Boogie Baby" von Willie Dixon. Das Einzige, das nicht im Nebel liegt, ist meine Reaktion auf diesen Song: Gänsehaut, Rührung, Faszination, Liebe. Und so sind meine Gefühle dem Blues gegenüber bis heute geblieben. Ich reagiere regelrecht körperlich auf diesen Sound.
kulturnews: Vom Alter her hätten Sie eigentlich Punk hören müssen ...
Laurie: Punk hat mich nie in einer vergleichbaren Weise gepackt. Ich stand nicht auf die Musik, die alle meine Schulfreunde hörten, es hat mich einfach nicht richtig erreicht. Mit Ausnahme der Stones. Wobei die Stones ja auch im Blues tätig sind, sie haben sogar mit Leuten wie Muddy Waters gespielt.
kulturnews: Sie sagten mal, Sie fühlen sich wie ein lebenslänglicher Jugendlicher. Ist Ihr Beruf eine Flucht vorm Erwachsensein?
Laurie: Jedenfalls stand für mich nie zur Debatte, bei der Deutschen Bank anzufangen. Und nun schauen Sie sich um: Es gibt keine Sicherheit mehr für Menschen, die bei der Deutschen Bank oder sonstwo arbeiten. Wenn Sie Pech haben, verspekuliert sich ihr Laden, und Sie stehen über Nacht auf der Straße.
kulturnews: Sie sollen 400 000 US-Dollar pro "House"-Episode bekommen. Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet Sie, der nie nach Stabilität suchte, seit vielen Jahren einer der bestbezahlten und beliebtesten Seriendarsteller der Welt sind?
Laurie: Ja, kann man wohl so sagen. Es ist seltsam für mich: Als Schauspieler habe ich es immer geliebt, nach einer gewissen Zeit wieder in eine neue Rolle zu schlüpfen, und jetzt spiele ich seit sieben Jahren ein- und dieselbe Rolle. In der Zeit, in der ich nun vorgebe, ein Arzt zu sein, hätte ich auch ein richtiger Arzt werden können ...
kulturnews: Sind Sie ein sehr disziplinierter Künstler?
Laurie: Nein, absolut nicht. Ich bin faul. Natürlich versuche ich pünktlich zur Arbeit zu erscheinen und meine Arbeit gut zu machen.
kulturnews: Sie wirken wie ein sehr bodenständiger Kerl.
Laurie: Ja, und es tut mir auch sehr Leid, dass ich Ihnen keine Charlie-Sheen-Dramen bieten kann.
Let them talk wird am 17. Mai veröffentlicht.
28.04.2011







