Frederick Lau // Story
Unbedingt für Lau
Von Volker Sievert
Sein Gesicht ist das eines kleinen Jungen und eines 40-jährigen Boxers. Es macht ihn unverwechselbar. Mit den markanten Augenbrauen, den schmalen, tief liegenden Augen und der breiten Nase kann er nahezu alles spielen, weil von allem etwas darin liegt: Krimineller und Kommissar, Pennäler und Psychopath, Kneipier und Clown, Mörder und Mönch. Die kleinste Regung hat maximale Wirkung. Man schaut diesem Gesicht gerne zu, wenn sich erst sorgenvoll die Stirn in Falten legt und einen Sekundenbruchteil später die restlichen Muskeln folgen, um auf eine neue Situation mimisch zu reagieren. Dieses Gesicht fasziniert.
Frederick Lau ist 20, und es gibt sicher Schauspieler, die in dem Alter bessere leading men sind, titelrollenfähiger, coverfähiger, starfähiger. Doch Lau hat ihnen etwas voraus: Die anderen müssen von Film zu Film ihr Aussehen ändern, um glaubhaft in ihre Rollen zu schlüpfen. Sie tragen Perücken oder lassen sich einen Bart stehen, ziehen Kostüme über und nehmen zu oder ab. Frederick Lau hat das nicht nötig, er kann es sich leisten, meist gleich auszusehen. Kurzhaarschnitt, Jeans, Parka oder Jacke, Turnschuhe: So hemdsärmelig sieht man ihn in vielen seiner Filme. Er gehört zu den wenigen Darstellern, die Kraft ihrer Präsenz und ihres Charisma eine Rolle füllen, das macht ihn zeit- und genrelos. Man würde nicht stutzen, wenn er in einem Schimanski-Tatort von 1981 auftauchte. Auch könnte er mit seinem Grinsen in einer modernen Klamotte auftreten; seine herbe Männlichkeit eignet sich gut für die Indie-Geschichte vom schwierigen Twen, das Kindlich-Sanfte taugt für die Lovestory zweier Außenseiter, sogar im 17. Jahrhundert, wie in Julie Delpys "Die Gräfin" fiele er nicht auf. Und das, obwohl er, wo es geht, in seinen Filmen mit Berliner Großstadtschnauze spricht, "Ey, was solln das jetzt?" sagt und mit heiserem Flüstern "Sachma, bist du bescheuert?" Gerade, weil er es nie darauf anlegt, zu überspielen und sein Ego darstellerisch auszuwälzen, nimmt man Lau so vieles ab. Manchmal scheint er einfach vom Lenkrad eines Taxis direkt vor die Kamera gesprungen zu sein und überhaupt nicht richtig zu spielen - die größte Kunst beim Spielen überhaupt.
Die Bandbreite, die er sich dadurch erarbeitet hat, ist enorm: Er war der Schläger Mark in dem heftigen Jugendknastdrama "Picco", glänzte als fanatisierter Problemschüler in "Freischwimmer" und in "Die Welle" (wofür er den Deutschen Filmpreis erhielt), und strolcht als geheimnisvoller Rebell durch "Was du nicht siehst". In leichteren Stoffen ist Lau der bodenständige, etwas naive Kumpel, in dem DDR-Fluchtdrama "Go West" zum Beispiel oder in Christian Ulmens Sitcom "Die Snobs", wo er nicht einen der beiden Snobs spielt, sondern - klar - den wortkargen Wurstverkäufer. Am besten ist Frederick Lau daher auch, wenn er wie in der Sven-Regener-Verfilmung "Neue Vahr Süd" (dafür gab’s im März den Grimme-Preis) wenig sagen muss und einfach nur mit seinem Körper und seinem Hundeblick stoisch im Zentrum hektischer Betriebsamkeit verharrt. Er richtet sich nicht nach dem, was von ihm erwartet wird oder was andere tun oder tun würden. Er wartet ab, guckt ein bisschen dösig aus der Wäsche, zieht die Stirn kraus und macht dann was. Oder eben auch nicht.
Ach ja, und Frederick Lau ist auch ein Könner der lakonischen, pragmatischen Komik. Als er in "Go West" einem Ost-Freund erzählt, dass er drüben in Kassel für eine Immobilienfirma arbeiten möchte, fragt der ihn, was er denn mit Immobilien wolle. Lau, wie aus der Pistole geschossen; "Na, verkaufen!" Lau kann irgendwie alles - beim Fußball nennt man so einen den "kompletten Spieler".
Kicken kann Lau übrigens auch. Unheimlich, irgendwie ...
26.05.2011







