Joe Wright // Story
... und Action!
Interview: Katharina Behrendsen
uMag: Joe, du hast gerade bei "Wer ist Hanna?" Regie geführt - weil Hauptdarstellerin Saoirse Ronan dich wollte. Hättest du dich sonst nicht an diese wilde Genremischung getraut?
Joe Wright: Ja und nein. Ich glaube, Saoirse kann wirklich alles, was sie sich in den Kopf setzt. Bei einer anderen Schauspielerin wäre ich sicher skeptischer oder besorgter gewesen. Aber neben der Arbeit mit Saoirse hat mich auch die Figur der Hanna interessiert, die durch die Welt läuft und alles auf eine sehr objektive Weise betrachten kann. Sie ist ganz unvoreingenommen und fände ein Kind, das mit Bauklötzen spielt, genau so schön wie ein Gemälde von Rembrandt.
uMag: War dein Blick auf Berlin, wo viele Filmszenen spielen, auch unvoreingenommen? Vielleicht sogar bewusst? Typische Touristenbilder sucht man im Film jedenfalls vergeblich.
Wright: Mein Blick von außen auf die Stadt war sicher wichtig für diesen Film. Als Fremder sieht man Dinge, die die Bewohner der Stadt als selbstverständlich hinnehmen, und man ist auch nicht auf eine bestimmte Betrachtungsweise geeicht. Ein Beispiel: Der Fotograf Bill Brandt, ein Deutscher, hat für meinen Geschmack die besten Bilder von Großbritannien gemacht. Wir haben den Location Scout gebeten, nicht ins Skript zu gucken und uns dann passende Orte für die Geschichte vorzuschlagen, sondern uns einfach interessante Orte zu zeigen. So kamen wir zum Beispiel in den geschlossenen Vergnügungspark "Spreepark"- und haben das Skript dafür umgearbeitet.
uMag: So wichtig dir die Orte sind, so realitätsfern ist allerdings dein Umgang damit. Zum Beispiel verfährt sich da mal eben jemand nach Hamburg, der eigentlich nach Lille wollte ...
Wright: Und das ist noch einer der kleineren Logikbrüche des Films! Ich wollte, dass der Film eher in einer Art Traum oder einer Realität des Unterbewussten existiert. Örtliche und zeitliche Realitäten sind etwas, womit ich spiele. Für mich ging es zum Beispiel auch nie darum, Berlin als Berlin zu zeigen. Die Stadt im Film ist so sehr ein Porträt Berlins wie jeder Großstadt im 21. Jahrhundert. Die Geschichte Hannas ist auf gewisse Art ja auch eine Bewegung durch die Zivilisation, von der einsamen Wildnis über die Kamelmärkte Marokkos bis zu einer westlichen, modernen Gesellschaft, in der Menschen in ihren Wohnblocks regelrecht aufeinander hocken.
uMag: Logikbrüche und ein Thriller, der dann doch keiner ist: Da reagiert das Publikum nicht unbedingt positiv. Warst du dir der Gefahr bewusst, mit diesem Experiment im großen Stil zu scheitern?
Wright: Klassifizierungen mag ich nicht - die Avantgardefilme der 1920er hingegen schon, wo Ideen regelrecht zertrümmert wurden. Ich finde, Filme heute sind oft zu glatt. Es gibt keinerlei Reibung zwischen den einzelnen Ideen. Mein Publikum soll intellektuell und emotional wach bleiben. Es ist natürlich fatal, beim Publikum Erwartungen zu wecken und dann nichts Entsprechendes zu liefern. Aber das ist eher ein Problem des Marketings als der Filmemacher und der Filme selbst. Aber das Marketing für den Film und der Film werden leider von außen oft als ein- und dasselbe wahrgenommen. Dabei denken Marketingleute und Filmemacher so was von unterschiedlich! Das erste Treffen mit Marketingleuten zu "Stolz und Vorurteil" lief damals etwa so: Marketingtyp eins vergleicht "Stolz und Vorurteil" mit "Vanity Fair". "Vanity Fair" war ein Flop. Marketingtyp zwei fragt, wo der Unterschied liegt. Marketingtyp eins erklärt: "Jane Austen ist ein Franchise - William Makepeace Thackeray ist kein Franchise." That blew my fucking mind! Ich komme nicht mal auf die Idee, so über Kultur nachzudenken.
uMag: Was dich zusammen mit all den Zitaten aus der Filmgeschichte, mit denen Hanna gespickt ist, doch zum perfekten Art-House-Regisseur macht.
Joe Wright: Oh, bitte nicht! Ich glaube zwar nicht, dass man "Hanna" einfach so als Actionfilm bezeichnen kann. Aber ich habe generell ein Problem mit dem Begriff Arthouse. Die Praxis ist doch leider, dass es gute und schlechte Filme gibt, und gute Filme quasi beschuldigt werden, Arthouse zu sein. Das ist eine Gettoisierung - und damit eine echte Schande.
26.05.2011







