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David Mitchell // Story

David Mitchell
Foto: Gary Latham

Digital ist auch nicht besser

Besser als David Mitchell hat niemand vor ihm unsere Identitätssuche zwischen Großstadtblues und virtuellen Welten beschrieben. Dabei spielt sein Roman in Tokio – und ist bereits zehn Jahre alt.

Von Carsten Schrader

Gefunden in

Manchmal hat es eben auch sein Gutes, wenn sich die deutschen Verlage mit dem Übersetzen unverschämt viel Zeit lassen. David Mitchell zählt zwar schon seit "Der Wolkenatlas" zu unseren Lieblingsautoren, trotzdem lag sein zweiter Roman mehr als zehn Jahre in der Schublade und erscheint erst jetzt auf Deutsch. In "Number 9 Dream" erzählt er vom 19-Jährigen Eiji, der von seiner abgelegenen Heimatinsel nach Tokio reist, um seinen Vater zu suchen. Hier bekommt er es nicht nur mit der Yakuza, Cyberpunks und der ersten Liebe zu tun, auch die Vergangenheit holt ihn ein: Eijis alkoholkranke Mutter meldet sich nach mehr als einem Jahrzehnt wieder bei ihm, und immer wieder sind da die Erinnerungen an seine verstorbene Zwillingsschwester Anju.

Wie kein Zweiter beherrscht Mitchell die Verschmelzung ganz unterschiedlicher Erzählebenen: Eben ist "Number 9 Dream" noch eine spannende Mafiapistole, schon verwandelt sich der Wälzer in einen hochsensiblen Coming-of-Age-Roman. Es wimmelt von Zitaten, hintergründigen Bezügen und doppelbödigen Anspielungen, immer wieder wagt Mitchell den Zeitensprung, und man weiß nie so ganz genau, ob sich die abgedrehten Ereignisse nicht vielleicht nur in Eijis Kopf abspielen. Und so profitieren wir sogar ausnahmsweise mal von der verschleppten Übersetzung: Was vor zehn Jahren noch ein ziemlich guter Tokio-Roman mit Science-Fiction-Elementen gewesen wäre, ist jetzt eine verstörende Befindlichkeitsstudie der Generation Internet auf Murakami-Niveau.

In meiner Dinosaurierphase habe ich mal die Theorie gelesen, dass die Dinosaurier deshalb ausgestorben seien, weil sie auf den Bergen ihrer eigenen Scheiße erstickten. Wenn man in Tokio von A nach Z will, erscheint einem diese Theorie gar nicht mehr so absurd. Ich hasse die Werbebanner, die Kapseln, die Tunnel, das Leitungswasser, die U-Boote, die Luft, die Schilder mit KEIN ZUTRITT und NUR FÜR MITGLIEDER an jeder Straßenecke und über jedem Hauseingang. Ehrlich. Ich möchte ein atomarer Sprengkopf sein und diesen Scheißhaufen von einer Stadt in Schutt und Asche legen. *

uMag: David, du hast "Number 9 Dream" vor zehn Jahren geschrieben. Überrascht es dich, dass die meisten der Science-Fiction-Elemente schon heute zu unserem Alltag geworden sind?
David Mitchell: Leider kann ich mich damit nicht zum Nostradamus fürs Jetzt stilisieren. Ich habe den Roman 2000 und 2001 geschrieben, als ich in Japan gelebt habe. Viele der vermeintlichen Sci-Fi-Elemente sind dort bereits damals in die Gesellschaft geschwappt. Insofern dokumentieren die zehn Jahre eher den technologischen Rückstand der westlichen Welt gegenüber Japan.

uMag: Indem du deinen Helden Eiji immer wieder in eine Fantasiewelt abtauchen lässt, die von Videospielen und dem Internet befeuert wird, hast du ein Thema aufgegriffen, das aktueller ist als je zuvor. Haben sich die virtuellen Realitäten mittlerweile zu einer großen Gefahr entwickelt, nachdem am Anfang alle eher die Vorteile gesehen haben?
Mitchell: Schon seit einigen Jahren boomen diese Selbstversuche: ein Monat offline, ein Tag ohne Twitter, ein Konzert ohne Handykamera. Da geht es immer um Verzicht und Selbstgeißelung, was oft zwiespältig ist, weil es schnell zum Selbstzweck wird. Was auch immer Erwachsenwerden meint, das ist digital sicherlich auch nicht besser. Aber ob deswegen die Nachteile überwiegen? Mit Anfang 40 trauere ich natürlich einigen Dingen hinterher: Wir hängen nicht mehr stundenlang in Plattenläden rum, wo wir uns Tipps von irgendwelchen Musikfreaks holen, sondern wir kaufen bei iTunes. Wir treffen uns weniger mit Freunden, und Familien kommen nicht mal mehr vor dem Fernseher zusammen, weil man auf der eigenen Bettkante ein besseres Programm bekommt. Keine Ahnung, wie sich der Mangel an zwischenmenschlichem Kontakt auf lange Sicht auswirkt. Andererseits nehmen wir die vielen Vorteile des Internets gar nicht mehr so richtig wahr, weil sie eben schon zur Alltagsroutine geworden sind.

"Kazuyo." Ich vergewissere mich, dass wir allein sind. "Ran hat mir erzählt, dass Sie, na ja - stimmt das"
"Ob was stimmt?"
"Dass sie elf Zehen haben?"
"Elf was?" Als sie den Blick auf ihre Füße senkt, jage ich ihr so viel Sofortschlaf-Mikroschrot in den Hals, dass man die gesamte chinesische Armee damit ausschalten könnte. Sie fällt auf die Schreibunterlage. Zu meiner eigenen Belustigung mache ich ein geistreiches Wortspiel im Stil von James Bond."
*

uMag: Wenn Eiji tagträumt, wird er zum Helden - und zum Supermacho. Machen virtuelle Welten auch gesellschaftlichen Fortschritt rückgängig und werfen uns auf allzu traditionelle Geschlechtermodelle zurück?
Mitchell: Wer gegenüber technologischem Fortschritt kritisch ist, wird oft pauschal als konservativ bezeichnet. Das spielt natürlich den wahren Konservativen zu, die sich nur auf neue Medien stürzen müssen, um ihre Herkunft und die Absichten zu verschleiern. Man darf nie den Fehler machen, den virtuellen Welten ein Eigenleben zuzusprechen. Hinter fragwürdigen Internetseiten und sexistischen Videospielen stehen immer Menschen, die das konzipiert haben. Das ist der Spiegel der Gesellschaft. So pessimistisch sehe ich das aber gar nicht. Ich bin zwar kein Experte, aber ich habe das Gefühl, in den letzten Jahren sind immer mehr Games auf den Markt gekommen, die unglaublich progressiv und klischeefrei sind. The cake is a lie.

uMag: Für Heranwachsende wie Eiji sind Realitätsfluchten ein wichtiger Schonraum. Aber wird es nicht problematisch, wenn wir auf diesen Fluchten hängen bleiben und sich niemand mehr so richtig um gesellschaftliche Probleme in der realen Welt kümmert?
Mitchell: Das ist ein Teufelskreis, weil uns bei immer mehr Problemen nur noch Realitätsflucht als Menüpunkt angeboten wird. Aber dann muss man eben im nächsten Level nach weiteren Optionen suchen. Du kannst gezwungen sein, einen sinnentleerten Job zu machen, und wenn du dann in einem wahnwitzigen Meeting sitzt, sind Sex- oder Rachefantasien wohl für Menschen jedes Alters überlebenswichtig. Man darf dann nur nicht darauf verfallen, diesen Job als auf ewig gegeben zu betrachten und sollte sich bemühen, prinzipiell an der Jobsituation etwas zu verändern. Und das lässt sich auch auf die ganz großen Ebenen übertragen.

uMag: Im Roman beschreibst du die große Sehnsucht deines Helden nach einem Sinnsystem, und sein großer Reifungsprozess besteht eigentlich darin, die große Ungewissheit auszuhalten.
Mitchell: Das Zweifeln war als Thema des Romans nicht geplant, aber es hat sich wohl eingeschrieben, weil ich als Agnostiker nun einmal ein großer Zweifler bin. In Japan und auch im Westen suchen die meisten nicht mehr in Religion und Politik nach existenziellen Gewissheiten und einem Wertesystem. Wir wursteln uns einfach durch unsere Leben, und möglicherweise suchen wir nirgendwo mehr nach existenziellen Gewissheiten. Das ist eine große Befreiung, birgt aber auch viele Gefahren.

uMag: Zählt zu den Gefahren auch eine zu intensive Beschäftigung mit den eigenen Träumen?
Mitchell: Träume werden dann zur Gefahr, sobald man in ihnen nach einem Sinn sucht. Wenn ich mich zu lange mit meinen Träumen beschäftige, fühle ich mich nicht anders als nach einer Überdosis Realityshows. Als Autor habe ich gelernt, dass Träume sehr anregend sein können - aber nur für kurze Szenen, die bestenfalls einen Anstoß liefern. Wenn du den Weg weitergehst, landest du bestenfalls bei halbokkulten Lebensphilosophien und schlimmstenfalls wirst du Anhänger von Verschwörungstheorien, nach denen sich Alien-Eidechsen in Menschen verwandeln und danach trachten, die Weltherrschaft zu übernehmen.

"#9dream", sage ich. "Man muss es als Meisterwerk bezeichnen." John ist entzückt über meine Antwort. Er macht eine indische Gottheit nach und singt: "Ah, bowakama pousse pousse." Sogar der Plexiglaswal vor dem Wissenschaftsmuseum kichert. Meine Lunge füllt sich mit Lachen, und ich kriege kaum noch Luft. "In Wahrheit", fährt John fort, "ist #9dream mit Norwegian Wood verwandt. Beides sind Geistergeschichten. in Norwegian Wood verdammt dich zur Einsamkeit. Die in #9dream schenken dir Harmonie. Aber die Menschen mögen die Einsamkeit lieber als die Harmonie."
"Was bedeutet der Titel?"
"Der neunte Traum beginnt nach jedem Ende."
*

uMag: Bei Eiji ist es häufig Musik, die ihn aus der Realität reißt, und du hast den Roman ja auch nach einem Song von John Lennon benannt.
Mitchell: Ich liebe diesen Song, und außerdem ist der Titel ein Insiderwitz: Lennons Song "Number 9 Dream" ist ein direkter Abkömmling von seinem Lied "Norwegian Wood", und mein Roman ist ein Nachfahre von Murakamis Roman "Norwegian Wood", der mich damals komplett weggeschossen hat. Zumindest wenn es darum geht, was mit unserem Herzen angestellt wird, würde ich zwischen Literatur und Musik keine Unterschiede machen.

uMag: Aber Musik hat leichteres Spiel, weil sie schneller und direkter wirkt, oder?
Mitchell: Im Namen der Musiker muss ich da Einspruch erheben. Für Schriftsteller gibt es unzählige Untersuchungen und theoretische Abhandlungen, wie man einen Text schreibt, der beim Leser eine emotionale Reaktion auslöst. Und als Insider kann ich dir verraten, dass die Literatur ein erschreckend schmutziges Geschäft ist. Ein ehemaliger Agent von mir hat immer gefordert, jeder Schriftsteller müsse ein Schild um den Hals tragen, auf dem das Wort "schmutzig" steht.  Im Vergleich dazu ist die Musik reiner und unschuldiger. Ich glaube, es war Elvis Costello, der gesagt hat: "Writing about music is like dancing about architecture." Demnach wissen Musiker nicht, warum und wie man ein Herz bricht.

uMag: Dann kann ich einer Band wie The Smiths nicht den Vorwurf machen, sie hätten mein Leben versaut, weil sie mich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt meines Lebens mit Melancholie abgefüllt haben?
Mitchell: Ich bin mir ganz sicher, dass sie dich nicht gesucht haben, sondern umgekehrt. Wo auch immer die Melancholie herkommt, aber The Smiths produzieren sie nicht, sondern sie helfen dir, damit klar zu kommen. Sie sprechen deiner Verdrießlichkeit einen Wert zu, indem sie dir zeigen, dass du damit nicht allein bist. Und gleichzeitig erschweren sie dir damit, selbstmitleidig zu sein. Im Endeffekt gibt es kaum humorvollere Bands als The Smiths. Wenn du wirklich schlechte Laune bekommen willst, musst du dir den Dreck im Radio anhören. Aber genau diese Musik wurde ja eigentlich designt, damit du mit einem Lächeln durch den Tag kommst. Du siehst, in der Musik klappt das mit der Berechnung nicht.

* Zitate aus David Mitchells Roman "Number 9 Dream" (Rowohlt)

30.06.2011


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