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Tim Fehlbaum // Story

Tim Fehlbaum
Foto: Paramount Pictures Germany

Manche mögen’s heiß

Regiedebütant Tim Fehlbaum zeigt mit einem packenden Endzeitthriller, was dem deutschen Kino noch gefehlt hat: die Lust an der Angst. Er hat sie eh schon.

Interview: Volker Sievert

Gefunden in

uMag: Tim, dein Debütfilm, in dem die Sonnenstrahlung die Erde röstet, lief auf dem Filmfestival von Locarno in einer großen Open-Air-Vorführung. Angst gehabt?
Tim Fehlbaum: Das war schon extrem. Ich musste hinter der riesigen Leinwand warten, um von dort auf die Bühne zu gehen - und als ich dann sah, wie viele Leute da wirklich saßen, bin ich schon sehr nervös geworden.
uMag: Apropos viele Zuschauer: Warum gehen wir immer noch so gerne ins Kino, wo man sich heutzutage mit 3D-Fernsehern und Internet doch prima Zuhause vergnügen kann?
Fehlbaum: Weil das ein ganz anderes Gefühl ist: Man geht extra in einen abgeschlossenen Ort, zusammen mit ganz vielen anderen fremden Menschen, meist geht man auch nicht alleine, so dass man hinterher auch über das Gesehene redet. Mir persönlich ist übrigens der Ton dabei ganz wichtig.
uMag: Den kann man sich Zuhause mit einem Dolby-Surround-System aufpimpen.
Fehlbaum: Aber das ist nicht dasselbe, wie im Dunkeln zu sitzen und nur die Leinwand vor sich zu haben!
uMag: Was hat deine Begeisterung für den Film ausgelöst? Spielberg? Kubrick?
Fehlbaum: Da du Spielberg erwähnst: Nachdem ich das erste Mal "Der weiße Hai" gesehen hatte, traute ich mich nicht mehr schwimmen zu gehen. Noch nicht mal in einem Swimmingpool! Für mich ist das ein toller Beweis dafür, was Kino beim Zuschauer auslösen kann. Einige Jahre später habe ich dann "Der Soldat James Ryan" geguckt. Ich erinnere mich, das meine Erwartung war: âOkay, ein weiterer Kriegsfilm.’ Aber dann kam die Eröffnungssequenz, die Landung der Alliierten in der Normandie. Das war völlig neu, denn durch die quasidokumentarische Machart war man als Zuschauer praktisch in der Schlacht dabei. Ich saß eine halbe Stunde lang mit offenem Mund da. Ein Kinomoment, den ich nie vergessen werde.
uMag: Du arbeitest auch mit Handkamera im dokumentarischen Stil, bist eher auf Spannung als auf Schockszenen aus ...
Fehlbaum: Ich mag es selber, mich im Kino zu erschrecken und zu gruseln, deswegen war Spannung mein Ziel. Ob es dann auch funktioniert, müssen wir sehen. Ich fühle mich am wohlsten dabei, Filme auf diesem Gebiet zu drehen.
uMag: Endzeit und Apokalypse gehören nicht unbedingt zu den am häufigsten verfilmten Stoffen im deutschen Film. Wozu hast du dich in diese Nische begeben?
Fehlbaum: Ich mochte die Herausforderung, das apokalyptische Thema mit verhältnismäßig geringen Mitteln ästhetisch umzusetzen. Mir ging es mir dabei nicht um die Frage ,Was ist passiert?’, sondern darum, wie die, die überleben, mit der Situation umgehen. Wie schnell wird der beste Freund zum Feind?
uMag: Dabei sind deutsche Genrefilme abgesehen von wenigen Ausnahmen wie "Anatomie" nur selten ein Erfolg. Hast du nicht Angst, dass dein erster Spielfilm auch dein letzter sein könnte?
Fehlbaum: Diese Angst besteht durchaus. Ich bin nicht so ein optimistischer Typ. (lacht)
uMag: Ich gebe dir mal vier hypothetische Antworten auf die Frage, warum Genrekino Made in Germany nicht gut läuft. Du kommentierst deren Wahrheitsgehalt. Hypothese eins: Die Filmhochschulen bilden zu einseitig aus. Thriller, Science Fiction und Horror betrachtet man als künstlerisch minderwertig.
Fehlbaum: Das kann ich anhand meiner eigenen Ausbildung nicht bestätigen. Ich war erstaunt, wie offen die Leute an der Filmhochschule in München waren. Zu Beginn war es eher streng, dann aber konnte man relativ frei machen. Da wurde mir nichts verboten.
uMag: Hypothese zwei: Es fehlen die Talente für Genrefilme.
Fehlbaum: Das glaube ich garantiert nicht. Da gibt es genügend Gegenbeispiele, wie letztes Jahr "Die kommenden Tage", "Wir sind die Nacht" oder der Zombiefilm "Rammbock". "Der Räuber" war auch ein Beispiel für eine gelungene Mischung aus Genrefilm und Drama.
uMag: Produzenten und Filmförderung scheuen das Risiko, Geld zu verlieren und investieren lieber in Komödien oder Familienfilme.
Fehlbaum: Das kann ich von meinen Erfahrungen her auch nicht bestätigen. (lacht) Das ist auch schwierig zu beantworten. Da bin ich nicht qualifiziert genug, weil ich noch nicht lange in der Filmlandschaft unterwegs bin. Die Produzenten, mit denen ich für .Hell’ gearbeitet habe, waren jedenfalls sehr offen dafür, wie man sieht.
uMag: Das Publikum will nur amerikanische Genrefilme sehen.
Fehlbaum: Im Internet kann man in vielen Foren ziemlich schnell Reaktionen auf einen angelaufenen Film oder auf die Ankündigung eines Films finden. Und zu ,Hell’ habe ich in der Tat Dinge gelesen, die diese Hypothese bestätigen. Viele Leute haben geschrieben, dass sie solche Filme aus Deutschland gar nicht wollen. Zitat: ,Die können das ja sowieso nicht!’ Andere hielten dagegen: ,Ist doch interessant, mal so was aus Deutschland zu sehen.’ Ich hoffe, dass möglichst viele Leute ins Kino gehen, um sich selbst ein Bild zu machen.
uMag: Wenn morgen für unbestimmte Zeit der Strom ausfällt - was wird passieren?
Fehlbaum: Da muss man nur mal überlegen, in wie vielen Situationen man tagtäglich auf Strom angewiesen ist, und was es bedeuten würde, wenn die Kühlung von Lebensmitteln nicht mehr funktioniert. Bei der Recherche für ,Hell’ habe ich viel zum Thema Zusammenbruch der Zivilisation gelesen. Ein Beispiel ist die Überschwemmung von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina vor sechs Jahren: Innerhalb von wenigen Stunden herrschte dort pure Anarchie.
uMag: Hast du persönlich Angst vor der Zukunft?
Fehlbaum: Ich bin noch nie mit einem wirklich existentiellen Problem wie einer Hungersnot oder so konfrontiert worden. Von daher kann ich ehrlich nicht sagen, was es bedeutet, wirklich Angst vor der Zukunft zu haben.

25.08.2011


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