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Thomas Melle // Story

Thomas Melle
Foto: Carsten Thielker

Gegen die innere Wand

Wir sind kritisch, reflektiert und intelligent – aber für die Miete verraten wir schon mal unsere Überzeugungen. Mit seinem Debütroman seziert Thomas Melle eine Generation, die der Widerspruch von Angepasstsein und Aufmucken krank macht.

Von Carsten Schrader

Gefunden in

Manchmal braucht man nur drei Figuren, um etwas Großes zu schaffen. Thomas Melle schreibt sich in seinem Debütroman "Sickster" an drei Thirtysomethings ran und zeichnet so nicht nur hochsensible Psychogramme, er legt ein gesellschaftskritisches und hochpolitisches Buch vor, das eine ganze Generation verhandelt. Da ist Magnus Aue, der bis zum Abi in Bonn als Genie gehandelt wurde. Doch dann platzt in Berlin sein Traum vom Dasein als Drehbuchautor, er strandet als Schreiber für das Werbeblatt eines Mineralölkonzerns und flüchtet sich mehr und mehr in die Scheinwelten des Internets. Sein ehemaliger Schulkollege Thorsten hat es bei dem Ölkonzern bis zum Manager gebracht. In seiner Arschlochrolle kann er voll aufgehen, weil er alle Zweifel beiseite schiebt und gnadenlos mit Alkohol zuschüttet. Und schließlich ist da Thorstens Freundin Laura, die ihren Kampf gegen den eigenen Körper richtet. Am Ende treffen sich die drei in der Psychatrie - und zum ersten Mal begehren sie gegen das auf, was sie wirklich kaputt gemacht hat.

Es gibt also immer einen, der loslacht, obwohl es gar keine Pointe gibt. Etwa im Dunkelschwarzen, im Kino: Leute, die vorgeben, alles zu verstehen, und dabei eben nie etwas verstanden haben.*

uMag: Thomas, wenn man mit großen Begriffen hantieren will, könnte man deinen Roman als Porträt einer verlorenen Generation bezeichnen, oder?
Thomas Melle: Von Generationenbüchern zu sprechen ist immer eine schwierige Sache. Mein Ansatz war zumindest nicht, mir diese Generation anzusehen und dann über deren Probleme und deren Erkrankungen zu schreiben. Ich hatte einfach drei Figuren, bei denen ich versucht habe, ihren Lebensweg und ihre Empfindungen genau nachzuzeichnen. Natürlich wird momentan viel über Burn-out als typisches Problem dieser Altersgruppe gesprochen. Ich bin ja auch ein Mitglied dieser Generation, und da passiert das wohl sozusagen von selbst, dass man symptomatische Dinge niederschreibt, die dann auch andere nachempfinden können.
uMag: Man liest schon ganz deutlich heraus, dass Wut und empörte Trauer deine Schreibhaltung geprägt haben.
Melle: Es ist zwar nicht so, dass ich ständig mit Wut und Trauer durch die Gegend laufe, aber als Hintergrundrauschen ist das schon immer bei mir. Ich hatte nicht den Vorsatz, meine Figuren richtig runterzuschreiben, um mal zu zeigen, wie die Abwärtsspirale so funktioniert, aber eine gewisse Wut im Bauch kann ich mir nicht absprechen, die sich dann auf die Charaktere und den gesamten Roman übertragen hat.

"Alkohol ist die Schmiere dieser Gesellschaft", sagte Magnus. "Schau sie dir nur an! Saufen sich zu bis oben hin und verprassen Vaters Kohle, weil es letztendlich so traurig ist, seine Werte nicht verprassen zu können."*

uMag: Jede Generation beansprucht gern für sich, eine besonders bedrohliche und hoffnungslose Situation vorzufinden. Aber die gegenwärtige Situation hat wirklich eine neue Qualität, weil man keine Gegenpositionen mehr formulieren und für Umbrüche kämpfen kann. Die Warenwelt hat den Umbruch vereinnahmt und nimmt damit ihren Kritikern die Freiräume.
Melle: Wenn man von Generation sprechen will, dann ist das die Generation der Alternativlosigkeit. Meine Romanfiguren starten mit Idealismus, aber dann scheitern sie und rennen gegen Wände, zum Teil auch gegen die eigenen, inneren Wände. Leiden und Krankheit werden oft weggeblendet, aber für mich hat es sich so ergeben, dass die Betonung auf den Personen liegt, die verstummt sind und ausgegrenzt werden. Denen wollte ich mit kraftvoller Prosa zum Rederecht verhelfen.
uMag: Das Grundproblem ist, dass es keinen Platz für Ideale gibt?
Melle: Alles wird optimiert, ob man nun beim Studium die Einführung des Bachelor nimmt oder ob man die Praktika betrachtet, in denen sich alle ausbeuten lassen. Das hat natürlich oft auch Folgen für die Psyche, und daraus ergibt sich der Pragmatismus dieser Generation. Die sehen die Alternativen gar nicht mehr, sondern gestalten ihr Leben so, dass sie mit den gegebenen Bedingungen zurecht kommen. Es wird gar nicht mehr versucht, das Leben gemäß dem eigenen Ich oder den eigenen Fähigkeiten auszuprobieren. Von vornherein biedert man sich den Verhältnissen an, oft auch ohne es zu wissen.

Es sei inkonsequent, sich selbst zu schneiden, Selbstverstümmelung sei inkonsequent. Entweder man bringe sich gleich um oder man lasse es. Was das solle. Diese Umwege.*

uMag: Wenn man sich deine drei Hauptcharaktere anschaut, dann kommt Laura noch am glimpflichsten davon, weil sie bereits sehr früh zusammenbricht.
Melle: Bei vielen ist es eine Zwitterpsyche. Sie denken: Eigentlich bin ich links, aber ich arbeite jetzt noch mal für diesen Konzern, weil ich ja schließlich irgendwie meine Miete zahlen muss. Aus diesem Zwang heraus kann man ein paar Jahre ganz gut damit leben, nur ist das eine Schere im Kopf und in der Biografie, die immer mehr auseinander geht. Je länger man mit dieser Schere rumläuft, desto schlimmer wird es, und mit Mitte 30 lässt sich das dann wahrscheinlich gar nicht mehr reparieren. Dann ist man halt gefangen in diesem Zwitterdasein zwischen Angepasstsein und Aufmucken.

"Nein", sagte Magnis, "ich bin nur eine Worthure, die sich verkauft für Geld. In mir und in der Zukunft, da sieht es anders aus. Das wird irgendwann durchbrechen. Dann sieht das alles hier", er nickte in die Tanzgesellschaft, "ganz anders aus."*

uMag: Wird es mit Mitte 30 kritisch, weil es dann auch theoretisch keinen Weg mehr zurück gibt?
Melle: Die Funversion von diesem Problem hat die Neon formuliert: Eigentlich sollten wir erwachsen werden. Ich glaube aber, dass das zum Teil ganz tragische Dimensionen hat. Unsere Generationskollegen schieben den Widerspruch vor sich her und wollen sich nicht so recht entscheiden, was sie mit ihrem Leben genau machen. Sie haben sich in diesem Mischgewerbe eingerichtet - bis es dann irgendwann knallt, weil sie merken, dass das jetzt so festgeschrieben ist. Entweder versucht man dann, irgendwie so weiter zu machen, was schwierig genug ist, oder man wird krank, wie die drei Helden in meinem Roman.

Derweil stand Thorsten immer öfter vor dem Krankenhaus, an die Außenmauer gelehnt. Mit der Ginflasche in der Hand schiss er alle an. Es gäbe da etwas, was ihn mächtig stören würde, nein, das wären ja viele Dinge, aber eine Sache besonders, aber die betreffende Sache, die werde er ihnen jetzt bestimmt nicht sagen, denn sonst würde auch er, der doch völlig gesund sei, in dieser Klinik landen, und das wolle doch keiner, das koste nur GELD. So schrie er die herumstehenden Patienten an, die ihn unverständig und still anblickten.*

uMag: Am schwierigsten war sicherlich die Figur des Thorsten, der ja zunächst einmal alle Managerklischees zu bieten hat. Trotzdem gelingt es dir durch sehr präzise Sprache, diese Figur vom Klischeebild abzulösen und ihr Tiefenschärfe zu geben.
Melle: Wenn ich diese Managerfratzen in Berlin auf der Straße sehe, dann habe ich natürlich ein Klischeebild vor Augen, aber trotzdem sind das ja Menschen mit irgendwelchen Biografien. Thorsten ist ja erst mal so ein Bret-Easton-Ellis-Charakter, und die Herausforderung war, das Klischeebild auf seinen Wahrheitscharakter abzuklopfen, um zu sehen, was für eine fleischliche Figur da rauskommt und welcher Leidensdruck sich hinter ihr verbirgt. Und ich habe durchaus meine Sympathien für ihn und seine durchaus rebellische Art Nein zu sagen. Das ist schon eine ziemlich große Geste, wenn er einfach alles wegwirft, ohne sich selbst so richtig bewusst zu machen, was eigentlich falsch läuft.
uMag: Magnus, Thorsten und Laura eint, dass sie alle bürgerlich geprägt sind. Ob nun im Positiven oder im Negativen, alle drei gleichen ihre Bio zumindest mit dem bürgerlichen Wertesystem ab.
Melle: Sie sind alle davon geprägt, aber in gewisser Weise manifestiert sich in ihnen der Zerfall des Bürgertums. Die Reste wirken in ihnen noch nach, und Bildungsfetzen werden aneinander genäht, aber es ist einfach nicht mehr die Zeit, um dieses Bürgertum wirklich aufrecht zu erhalten. Das bürgerliche Selbstbewusstsein bröckelt seit 1968, und jetzt steht es in diesem Neoliberalismus vor dem endgültigen Zerfall. Meine Helden sind von etwas geprägt, was im Sterben begriffen ist.
uMag: Bei aller Kritik am bürgerlichen Wertesystem - macht es dir Angst, dass da bald eine Generation kommt, die gar keine Spurenelemente mehr in sich trägt?
Melle: Angst habe ich nicht, und ich will auch nicht den Kulturpessimisten raushängen lassen, aber man sieht ja beispielsweise, wie etwa das Fernsehen vor die Hunde geht und keiner das so richtig wahrhaben will. Während der Generation in meinem Roman die Alternativen verloren gehen, haben die Jüngeren gar kein Bewusstsein mehr für die Alternativen. Ich sehe da schon die völlige Angepasstheit. Bei den Jüngeren fallen ja auch genug Leute hinten über und kommen eben nicht zurecht, aber sie haben überhaupt keine Ahnung mehr, woran es vielleicht liegen könnte. Insofern ist "Sickster" vielleicht doch ein Generationsroman. Er beschreibt die Zwischengeneration zwischen dem 68er-Bürgertum, das sich eingerichtet hat, und den neuen, unbewussten Neoliberalisten. Meine Helden sind eingeklemmt zwischen diesen beiden Entwürfen, mit denen sie nicht zurecht kommen.

Vielleicht bin ich nur auf der Suche nach einer Qualität in der Liebe (und also im Leben), die es nicht gibt. Aber wieso gibt es das, diese Leerstellen, in die ich falle? Es musz einmal irre Verheiszungen gegeben haben; und jetzt sind da nur noch leere Formen und dicke Schwielen, da, wo den Menschen einst glühende Versprechen in die jungen Hirne gebrannt wurden.*

* Auszüge aus Thomas Melle: Sickster (Rowohlt Berlin)

27.10.2011


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