// Künstlerportal: Sarah Kuttner

Sarah Kuttner // Story

Sarah Kuttner
Foto: Marcus Höhn

Lieber beschränkt

Zu viele Chancen im Job und in der Liebe machen krank, behauptet Sarah Kuttner mit ihrem zweiten Roman. Warum wird jetzt ausgerechnet die Crossoverfrau konservativ?

Interview: Carsten Schrader

Gefunden in

Vor zweieinhalb Jahren legte Sarah Kuttner mit "Mängelexemplar" einen Bestseller vor, in dem sie die Therapieversuche einer depressiven Heldin schildert. Jetzt macht sie sich mit dem zweiten Roman an die Ursachenforschung und verhandelt in "Wachstumsschmerz", wie Entscheidungsschwierigkeiten den Depressionsboom unter den Thirtysomethings befeuern. Da sind Luise und Flo, die schon seit langem ein Paar sind, für den Schritt zur ersten gemeinsamen Wohhnung aber einen unglaublich langen Anlauf benötigen. Und nebenbei schlägt sich Luise auch noch mit der leidigen Jobfrage rum: Zwar ist sie als Herrenschneiderin ziemlich glücklich, doch hat sie das Gefühl, wenn sie schon diesen vermeintlich unspektakulären Job macht, wird von ihr zumindest eine eigene Kollektion erwartet. Oder soll sie doch noch mal über eine Schauspielkarriere nachdenken, auch wenn sie sich nirgends unwohler fühlt als bei den Castings, zu denen sie von ihrer Agentur ständig geschickt wird?

uMag: Sarah, in deinem neuen Roman hantierst mit Begriffen für frühe Lebenskrisen. Quarterlifecrisis wurde ja schon mächtig überstrapaziert, aber von Thirdlifecrisis habe ich bis jetzt noch nicht gehört.
Sarah Kuttner: Genau, den Begriff habe ich auch erfunden. Mein erster Gedanke war Quarterlifecrisis, aber das beschreibt ja Leute um die 20, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben und sich für einen Lebensweg entscheiden müssen. Meine Figuren sind schon Anfang 30. Sie haben alle Möglichkeiten der Welt, mit denen sie bereits seit zehn Jahren ein bisschen rumspielen und das Erwachsensein üben. Plötzlich stellen sie aber fest, dass sie noch ganz viele Jahre leben müssen und kommen ins Überlegen: Wie soll denn jetzt der Rest meines Lebens aussehen? Es ist die Zeit, in der wichtige Weichen gestellt werden müssen. Natürlich könnte man theoretisch auch noch mit 40 studieren, aber das wäre dann wirklich armselig.

uMag: Du lässt deine Protagonistin an den vielen Möglichkeiten verzweifeln. Willst du ernsthaft behaupten, es wäre besser, wenn wir bei der Jobwahl weniger Optionen hätten?
Kuttner: Mit Anfang 20 haben die Möglichkeiten noch geglitzert, aber jetzt bauen sie sich mit verschränkten Armen vor dir auf, und jede einzelne sagt: Du bist faul und feige, wenn du mich nicht versuchst. Es ist so schwer, sich davon nicht verunsichern zu lassen. Wenn das eigene Leben nicht fetzt, dann sollte man natürlich so schnell wie möglich da raus, um neue Dinge zu versuchen. Aber es ist auch echt okay, einfach mit einer vermeintlich unspektakulären Sache zu leben, die einem wirklich Spaß macht. Man muss nicht immer größer, schneller, weiter.

uMag: Dafür kann man sich ja entscheiden, aber deshalb muss man sich nicht nach den Zuständen von 1955 zurück sehnen.
Kuttner: Früher hattest du kaum Möglichkeiten, aber eine enorme Sicherheit. Mit einer Ausbildung war die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, ein Leben lang nicht arbeitslos zu werden. Du hattest ein gesetteltes Leben, keine Existenzängste - aber auch weniger Qualität. Heute kannst du alles werden, hast aber keinerlei Sicherheit, und das ist auch das, was den momentanen Depressionstrend befeuert. Es gibt diese Momente, in denen man überfordert ist, und da wünscht man sich nichts mehr als ein Nest oder ein Korsett oder eine Umarmung oder keine Möglichkeiten. Lieber einfach Sparkassenbeamtin sein und sich nicht entscheiden müssen. Natürlich würde das einen auch sehr schnell auf den Sack gehen, und dann ist man auch wieder unglücklich, nur anders. Ich sehe da auch keinen Ausweg, nur ist es meiner Meinung nach ein großer Irrtum, dass das Zufriedenheitslevel heute größer wäre als etwa 1955.

uMag: Der Roman legt auch nah, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unseren Entscheidungsschwierigkeiten beim Job und der Tatsache, dass wir uns in Beziehungen nicht festlegen wollen.
Kuttner: Meine Eltern haben sich kennengelernt, und ein Jahr später bin ich gekommen. Ich bin jetzt 32, ein Alter, in dem meine Mutter bereits ein 13-jähriges Kind hatte. Jetzt haben wir die Freiheit, uns zu entscheiden, wann immer wir wollen, und deswegen machen wir es erst mal einfach nicht. So wird man entscheidungsunfähig.

uMag: Ich hoffe mal nicht, dass du jetzt auch noch für die Vernunftehe plädierst. Aber wie können wir dann unser Beziehungsleben in den Griff bekommen?
Kuttner: Ich wohne mit jemandem zusammen und wir haben einfach kein großes Ding draus gemacht. Wie beim Job muss man auch bei diesen Dingen den Druck nehmen. Wenn es nicht funktioniert, zieht man eben wieder auseinander. Man darf diesen Entscheidungen nicht zu viel Wichtigkeit schenken, selbst beim Kinderkriegen nicht. Da hört man immer: Das ist ein Mensch, für 18 Jahre wird dein Leben komplett anders, du hast Verantwortung. Aber man kann sich auch mit Kind trennen, und bestenfalls sieht das Kind dann regelmäßig beide Elternteile. Ich bin auch als Kind einer alleinerziehenden Mutter groß geworden. Da wachsen keine verrückten, kranken Menschen heran.

uMag: Aber Entscheidungswut schafft trotzdem nicht automatisch eine größere Zufriedenheit ...
Kuttner: Es gibt eine Sache, die Paare ganz dringend lernen müssen: Wir können nicht alles haben. Das ist schwer zu begreifen, und ich finde es auch hochgradig frustrierend. Natürlich will man für immer den besten Sex der Welt mit ein und derselben Person haben, die einen bedingungslos liebt. Zusätzlich möchte man den Nervenkitzel des Neuen und aber auch Sicherheit. Aber das funktioniert eben nicht, und es ist immer ein Abwägen, ob man sich im Leben gerade nach der Vertrautheit einer langen Beziehung oder nach dem Kribbeln, Kitzeln und Aufgeregtsein von ersten Begegnungen sehnt.

24.11.2011


Zugabe

Werde Roadie beim Hurricane Festival!

style+

Der neue Style-Guide als PDF zum Durchblättern

kulturnews

Das Magazin als PDF zum Durchblättern

kulturnews // präsentiert



Toto

Zugabe

Tickets für Joe Cockers Konzert in Mönchengladbach zu gewinnen!