Christian Ulmen // Story
Klassenkasper
Interview: Volker Sievert
kulturnews: Christian, ich persönlich würde nur noch einmal zur Schule gehen, um die Typen umzunieten, die mich früher geärgert haben ...
Christian Ulmen: Gewalt ist keine Lösung, mein lieber Freund. Außerdem war es bei mir tatsächlich so, dass ich nur aus dem einzigen Grund gerne zur Schule gegangen bin, dass ich jeden Tag die ganzen Typen aus meiner Klasse sehen konnte. Ich hatte das offenbar seltene Glück einer wahnsinnig beseelten, wirklich freundschaftlichen Klassengemeinschaft. Trotzdem war mein Schulalltag geprägt von Angst. Angst vor dem Auffliegen all der nicht erledigten Hausaufgaben, vor dem Mathelehrer, vor der Sechs, dem Sitzenbleiben oder davor, an der Tafel irgendwas vorrechnen zu müssen. Diese Momente holen mich heute noch in Albträumen ein. Deshalb bin ich für "Jonas" noch mal in die Schule gegangen: Traumatherapie.
kulturnews: Was ist nach noch einmal sechs Wochen Schule dein peinlichster Schulmoment?
Ulmen: Ich kann mich an keinen konkreten Moment erinnern, ich habe mich aber jedes Mal geschämt, wenn ich drangenommen wurde, ohne mich gemeldet zu haben. Die Stille nach der Frage. Die Antwort nicht wissen. Das Gegrillt-werden. Am Schlimmsten: Alle Hände gehen nach oben, nur du hast keinen Schimmer. Ich entwickelte unbändige Wut auf die Lehrerunverschämtheit, mich auch dann aufzufordern, etwas zu sagen, wenn ich mich gar nicht gemeldet hatte. Das war doch der Deal: Wer was weiß, hebt den Arm, wer nicht, der nicht. Dieses Abkommen andauernd zu brechen und den Nichtwisser bloßzustellen, hat mich schwer geärgert. Den pädagogischen Nutzen habe ich bis heute nicht verstanden. Der Introvertierte wird ja nicht plötzlich extrovertiert, indem er dauernd vorgeführt wird.
kulturnews: Und deine tollste Schulerinnerung??
Ulmen: Da gab's einige: Möglichkeiten finden, Regeln zu umgehen. Es schaffen, in der großen Pause in der Klasse zu bleiben, trotz Rausgehpflicht. Sich im Schrank verstecken. Und natürlich: Mit 18 Entschuldigungen selber schreiben.
"Jonas" startet am 5. Januar.
22.12.2011







