Michael Fassbender // Story
Der Unerkannte
Von Volker Sievert
Schon mal was von Michael Fassbender gehört? Nein? Hat 2007 in "Angel" von François Ozon mitgespielt. Nein? Aber doch sicher "Inglourious Basterds"? "Fish Tank"? "X-Men: Erste Entscheidung"? Auch nicht? Wie wäre es mit "Jane Eyre" oder "Eine dunkle Begierde"? Immer noch nichts? Dann hat es Michael Fassbender geschafft: mit seinen Rollen verschmelzen, sich in den Dienst des Filmes, seiner Arbeit, des Teams stellen, nicht auffallen. Das ist es, was der Deutsch-Ire will. Wenn ihn dann kaum einer kennt - selbst Schuld.
"Shame", Schande. So heißt nicht nur der aktuelle Film des in Heidelberg geborenen und in Irland aufgewachsenen Sohn eines Chefkochs. Es ist auch das passende Wort dafür, dass Michael Fassbender, der Abtaucher, der Wegducker, der Unsichtbare, dieses Jahr keinen Oscar gewonnen hat, ja nicht einmal nominiert war für seine ergreifende Darstellung des sexsüchtigen Großstadt-Loners Brandon. Doch man muss Fassbenders Kollegen in der Academy of Motion Picture Arts and Science, die die Nominierungen festlegen, in Schutz nehmen. Denn wie Fassbender in "Shame" splitternackt und mit baumelndem Fleischpenis durch eine sexualisierte Welt voller gebrochener, herzwunder Menschen läuft und um des Fickens Willen fickt, Barbekanntschaften, Kolleginnen, Prostituierte im Doppelpack, weil er Nähe und Schwäche nicht erträgt - das schockiert, das rüttelt durch, das muss man erstmal aushalten in seiner schmerzhaften Schönheit.
Und für einen eher konservativen Wettbewerb, der gerne Schauspieler auszeichnet, die geistig oder körperlich gehandicapte, fettleibige oder kranke Figuren spielen, sind allzu realistische Qualen und full frontal nudity ein klares Tabu. Anders gesagt: Der schonungslose Selbstentblößer Michael Fassbender verprellt die Branche, weil er sich von keiner Herausforderung verprellen lässt. Wenn er dann einem Posterboy wie George Clooney bei den Oscars den Vortritt lassen muss? Selbst Schuld.
Dabei muss sich der 35-Jährige weder vor den Stars noch vor den bekannteren Leinwandmalochern wie Christian Bale verstecken. Er sieht gut aus, sehr gut: klassisches Hollywoodprofil, 1,83 Meter, hohe Stirn, prägnante Nase, bestechend grüne Augen. Und wenn die Rolle es verlangt, nimmt Fassbender auch 20 Kilo während der Dreharbeiten ab, um einen hungerstreikenden Häftling darzustellen ("Hunger", 2008). Doch was nützen ein gutes Gesicht, eine Unmenge Talent und bedingungslose Hingabe zum Job, wenn jeder Film ein anderes Genre, jede Rolle komplett anders als die vorige, jedes Projekt ein Gegenentwurf zum Vorgänger ist? Seit Tarantinos Kriegsgroteske "Inglourious Basterds" spielte Fassbender nacheinander in einem Indiedrama, einer Römerschlachtplatte, einer Comicwesternverfilmung, einem Kostümfilm, einem SciFi-Abenteuer, einer Dreiecksgeschichte, einem Sexdrama und einem Actionthriller. So kann man sich einen Schauspieler natürlich nie und nimmer merken; dazu braucht es Wiedererkennungsmerkmale, Ähnlichkeiten zwischen einer Rolle und ihm selbst und ein, zwei Filme in Folge, die im Hier und Jetzt handeln, von Dingen, die wir kennen, von Gefühlen, die wir teilen.
Natürlich ist Michael Fassbender, dem hochbegabten Kinohandwerker, dem Allesgeber, dem Ruhmentflieher, das alles absolut recht so. Und garantiert nutzt er das anstehende Drama mit Brad Pitt auch nicht, um allen zu zeigen, dass reines Image gegen echte Schauspielkunst nicht anstinken kann. Er wird sich voll reinhängen, im Hintergrund glänzen und einen renommierten Preis bei einem kleinen Festival bekommen. Das Gute ist: Wir wissen nun, dass wir auf Michael Fassbender achten müssen. Wenn wir ihn jetzt noch aus den Augen verlieren? Selbst Schuld.
23.02.2012







