Rufus Wainwright // Story
Was ein Mann tun muss
Interview: Carsten Schrader
kulturnews: Rufus, welche Platte von Mark Ronson hat dich denn so beeindruckt, dass du auf die Idee gekommen bist, dein neues Album mit ihm einzuspielen?
Rufus Wainwright: Ich kenne vor allem seine Amy-Winehouse-Sachen, natürlich liebe ich "Back to Black", aber auch seine letzte eigene Platte hat mir ziemlich gut gefallen. Unsere Zusammenarbeit kam zustande, weil wir viele gemeinsame Freunde haben, allen voran Sean Lennon. Lange Zeit war Mark für mich der Fremde, dem ich nie begegnet bin, der aber trotzdem ständig anwesend war. Und als wir uns dann endlich trafen, hat es sich angefühlt, als wären wir bereits seit langer Zeit die besten Freunde.
kulturnews: Du hast mal gesagt, durch die Arbeit mit ihm hättest du dich 20 Jahre jünger gefühlt ...
Wainwright: Ich kann nicht abstreiten, dass die letzten zwei Jahre einerseits zu den glücklichsten, andererseits aber auch zu den härtesten Jahren meines Lebens zählen. Ich durfte die Geburt meiner Tochter erleben, aber ich habe auch meine Mutter verloren. In ruhigen Momenten gingen mir ständig die ganz großen Fragen durch den Kopf. Aber dann war ich mit Mark im Studio, und plötzlich drehte sich alles nur noch um Musik. Wir hatten Spaß mit den Jungs, und wir haben uns darüber unterhalten, was für schöne Schuhe Mark wieder trägt oder in welches sagenumwobene Restaurant wir als nächstes gehen. Alles war leicht und entspannt, und das war genau das, was ich brauchte, um ans Ende meiner Leidensphase vorzudringen und den Tod meiner Mutter zu überwinden. Am letzten Arbeitstag habe ich Mark angesehen und bin in Tränen ausgebrochen, weil dieser wunderschöne Urlaub von der Schwere des Lebens ein Ende haben sollte.
kulturnews: Warum bezeichnest du "Out of the Game" als deine "männliche Platte"?
Wainwright: Während der Aufnahmen war ich ständig von heterosexuellen Männern umgeben. Wir hingen in einem dreckigen und stinkenden Studio in Brooklyn ab, haben unglaublich viele Kippen geraucht, und es war ein bisschen so, als würde ich ein zweites Mal meine Highschoolzeit durchleben. Nur dass ich mich dieses Mal so sexy gefühlt habe, als wäre ich auch Mitglied des Footballteams ... Das wäre die nicht ganz ernstgemeinte Antwort auf diese Frage, aber es gibt auch eine schmerzhafte Variante. Man sagt ja, eine Mutter bringt ihr Kind zweimal zur Welt: erst mit der Geburt und ein zweites Mal, wenn die Mutter stirbt. Nachdem mich meine Mutter verlassen hat, fühlt es sich wirklich so an. Jetzt bin ich kein Junge mehr, ich bin zum Mann geworden. Für mich gilt jetzt nur noch eine Regel, und das ist wie ein zweites Comingout: Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.
kulturnews: Nervt es da nicht, dass alle mit dir immer über schwule Themen reden wollen?
Wainwright: Es wäre vermessen zu behaupten, ich wäre sie müde, schließlich habe ich selbst immer alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Ich habe eine Judy-Garland-Platte aufgenommen, mit "Prima Donna" eine Oper geschrieben, und selbst wenn ich mit meiner Familie musiziert habe, stand diese Zuschreibung im Mittelpunkt. Mein Leben lang war ich immer der schwule Sohn. Ich bin sehr stolz darauf, und ich liebe die Vorstellung abgöttisch, jederzeit an diesen warmen Ort zurückkehren zu können. Auf der anderen Seite merke ich, dass das Leben wirklich hart ist. Man muss ein bisschen wie ein Soldat sein, um weiterzukommen, ganz besonders, wenn man älter wird und alles nicht mehr so leicht und so schnell ist. Letztlich will ich natürlich auch als der komplexe Mensch gesehen werden, der ich bin.
kulturnews: Eigentlich müsstest du jetzt doch von altersweisen Erkenntnissen und einer neuen Verantwortung sprechen, schließlich bist du Vater geworden.
Wainwright: Ich lerne die Vaterrolle nur sehr langsam, das muss ich zugeben. Momentan ist alles noch sehr stark von Trauer überdeckt, für die ich wohl mehr Zeit benötige als die meisten Menschen. Ich stand meiner Mutter sehr nah, denke noch jeden Tag an sie, und momentan ist für mich noch alles in dieser Wolke gefangen. Vielleicht wird das Vaterdasein mein Leben stärker verändern, wenn meine Tochter älter wird und wir auch verbal miteinander kommunizieren.
kulturnews: Klingt ein bisschen so, als hättest du Angst, es könnte dir nicht gelingen ...
Wainwright: Meine größte Angst ist, dass meine Tochter mich hassen wird und ich nicht in der Lage sein werde, das zu ändern. Da bin ich natürlich sehr geprägt: Ich habe meinen Vater viele Jahre lang gehasst, und manchmal hasse ich ihn noch immer. Aber irgendwann habe ich es geschafft, mich mit meinem Vater so gut es eben geht auszusöhnen. Ich hoffe, das wird meiner Tochter auch gelingen. Sie wird mich ganz sicher wegen bestimmter Dinge hassen, denn sie ist sehr nachtragend. Und ich hoffe, sie kann dann akzeptieren, dass ich auch nur ein Mensch bin.
Out of the Game ist Ende April erschienen.
26.04.2012







