Gossip // Story
Ruf schon an, Madonna!
Interview: Marcel Anders
kulturnews: Beth, du sitzt in einer sündhaft teuren Hotelsuite, vor der Tür warten Visagisten, Stylisten, persönliche Assistenten und die versammelte Weltpresse. Was ist das für ein Gefühl, so begehrt zu sein?
Beth Ditto: Es ist irre! Zumal ich nicht weiß, was die hier wollen. Ehrlich: Ich bin nur die Sängerin einer Band, die ein paar Hits hatte. Und die plötzlich alle ganz cool und hip finden, obwohl wir dasselbe machen wie vor zehn Jahren. Damals hat sich niemand für uns interessiert.
kulturnews: Meinst du nicht, dass es in erster Linie mit dir zu tun hat? Schließlich entsprichst du nicht dem Bild des konventionellen Popstars - und hast trotzdem gute Kontakte zur Modewelt.
Ditto: ... und das finde ich fast noch lustiger als den Erfolg in der Musik. Denn ich habe keine Ahnung, was diese Leute an mir finden. Vielleicht halten sie mich für einen Freak und amüsieren sich hinter vorgehaltener Hand über mich. Oder sie sehen etwas in mir, das ein bisschen natürlicher und echter ist als ihr angestammtes Umfeld. Schließlich mache ich keine Diät und entspreche keinen Schönheitsidealen, sondern ich bin ein kleines, dickes, lesbisches Mädchen.
kulturnews: Auch Karl Lagerfeld ist von dir angezogen - weil du das exakte Gegenteil dessen darstellst, wofür er steht?
Ditto: Ich denke schon. Schließlich ist er ein abgemagerter älterer Herr, der sich in viel zu enge Klamotten zwängt und nach einem bestimmten Schema denkt, lebt und arbeitet. Er ist sehr festgefahren in seinen Gewohnheiten. Doch dann kommt jemand wie ich, die aus armen Verhältnissen stammt, aber halt auch Mode, Musik, Make-up und Kunst liebt und einen ganz anderen Blickwinkel hat. Das findet er spannend, das inspiriert ihn.
kulturnews: Also bist du so etwas wie ein Riot Grrl, das den Glitzer und Glamour des Prêt-à-porter unterwandert?
Ditto: Das bin ich wirklich! Ich habe zum Beispiel gerade eine Make-up-Linie für MAC Cosmetics entworfen und dabei einen ganz anderen Ansatz verfolgt als meine Vorgängerinnen. Ich bin nicht so schrill wie Nicki Minaj, aber doch extrem farbenprächtig. Und ich habe versucht, multifunktionale Produkte herzustellen - weil ich als Kind gerade mal Geld für eine Farbe hatte und mich nie entscheiden konnte, welche ich nehmen soll. Jetzt bringe ich Stifte an den Start, die mehrere Farben enthalten und so mehr Abwechslung und Vielfalt bieten.
kulturnews: Ein konsumentenfreundlicher Ansatz, der ja auch für deine Musik gilt ...
Ditto: Ganz genau. Wir machen Dance und Punk, Electronik und Rock oder was auch immer. Wir kombinieren Elemente, die uns faszinieren und machen daraus etwas, das sehr tanzbar ist, aber auch rockt. Das ist auf unserem neuen Album sogar noch ausgefeilter - weil es wirklich klingt, als hätte man Black Sabbath mit Kylie Minogue gekreuzt.
kulturnews: Was hältst du davon, dass sich Madonna mit ihrem neuen Album auf Gossip bezieht?
Ditto: Da frage ich mich: Warum ruft sie mich nicht an?! Hat sie etwa Angst vor mir? Denkt sie, ich könnte ihr die Fans abspenstig machen, oder ist sie zu cool, um sich bei mir zu melden? Ich hätte wahnsinnig gern mit ihr gearbeitet, das wäre ein Riesenspaß geworden. Denn ich bin ein großer Madonna-Fan. Und bei der Dance-EP, die ich letztes Jahr gemacht habe, habe ich mich auch auf sie bezogen. Das hätte also prima gepasst.
kulturnews: Wirst du dich stattdessen um eine Zusammenarbeit mit Black Sabbath bemühen?
Ditto: Nichts lieber als das! Ich habe erst vor ein paar Wochen eine Dokumentation über sie gesehen und war so begeistert, dass ich einen Aufruf über Facebook gestartet habe. Nach dem Motto: Wer möchte eine Black-Sabbath-Coverband mit mir gründen? Es haben sich spontan 50 Leute gemeldet, die alle begeistert von der Idee waren. Aber wer weiß: Vielleicht sollte ich einfach Ozzy anrufen und fragen, ob er auf der nächsten Tour einen Job für mich hat. Ich hätte wahnsinnigen Spaß daran, die Backingvocals für ihn zu übernehmen.
kulturnews: Was dann aber ein eigenes Kapitel in deiner Autobiografie bekommen müsste, oder?
Ditto: Oh Shit, ja! Die müsste ich entsprechend verschieben, worauf sich der Verlag aber nicht einlassen wird. Schließlich sind sie ziemlich genervt von mir. Ich habe zwei Ghostwriterinnen verschliessen, habe ständig Änderungswünsche und ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie.
kulturnews: Weil du schockierende Intimitäten preisgibst?
Ditto: Es sind schon einige Sachen aus meinem Privatleben, die ihnen als strenggläubige Christen kaum gefallen dürften und bei denen ich mir echt Sorgen mache, welchen Schaden ich damit anrichte. Ich möchte nicht dabei sein, wenn die Kirchengemeinde meiner Tante mitbekommt, wie meine ersten lesbischen Erfahrungen aussahen. Das sind Sachen, die meine Familie ernsthaft entzweien könnten - was ich nicht möchte.
kulturnews: Warum tust du es dann?
Ditto: Weil es kein Zurück gibt. Ich habe vor vier Jahren diesen Vertrag unterschrieben, dass ich das mache. Und ich stehe zu meinem Wort. Auch, wenn es weh tut.
kulturnews: Und dein Kinderwunsch? Wann nimmst du den in Angriff?
Ditto: Ich will unbedingt Mutter werden, keine Frage. Meine Freundin und ich reden sehr intensiv darüber, wir meinen das wirklich ernst. Nur: Ich will noch ein paar Jahre warten, weil momentan viel zu viel Stress herrscht und noch gar nicht klar ist, ob das mit dem Erfolg so bleibt. Von daher habe ich mir vorgenommen, bis 37 zu warten. Ich denke, das ist das Vernünftigste.
kulturnews: Das klingt sehr reif und erwachsen ...
Ditto: Na, hör mal, das bin ich auch! Ich bediene ein großes Publikum, ich ernähre ein Dutzend Leute und habe Verantwortung gegenüber unserer Plattenfirma. Ich bin eine verdammte Geschäftsfrau. Aber gleichzeitig liebe ich meinen Job, habe meinen Spaß und genieße alles in vollen Zügen. Ich lebe meinen Traum. Wer kann das schon von sich behaupten?
"A joyful Noise" erscheint am 11. Mai.
Live 8. 5. Berlin
26.04.2012







