Garbage // Story
Das Ende der Bitterkeit
Von Ellen Stickel
Wie wird sie aussehen? Wird sie reserviert sein oder schnippisch? Vor einem Interview mit Shirley Manson macht man sich so seine Gedanken - auf Plattencovern und Fotos guckt sie schließlich stets undurchdringlich bis grimmig. Doch als die Sängerin hereinkommt, hat sie ein breites Lächeln im Gesicht, die Augen strahlen. So ein Interviewtermin direkt nach dem Mittagessen hat eben sein Gutes. Ein angenehm fester Händedruck, dann drapiert sie sich elegant auf dem Stuhl.
Wenn das Gespräch auf die Band Garbage kommt, denkt man als erstes an Manson, dieses rothaarige Energiebündel mit den leicht vorstehenden, stets tiefschwarz umrandeten Augen. Auch die Interviews zum neuen Album bestreitet sie allein. Dabei gilt Schlagzeuger und Produzent Butch Vig als Kopf der Band. Doch ohne Shirley Manson hätte es vielleicht kein weiteres Garbage-Album gegeben; sie war es, die nach dem Tod ihrer Mutter die Bandkollegen wieder zusammentrommelte - und die schienen nur darauf gewartet zu haben. Nach sieben Jahren war die Zeit reif. 2005 hatte die Band verkündet, für unbestimmte Zeit pausieren zu wollen, die laufende Tour wurde abgebrochen. Differenzen mit der Plattenfirma, hieß es - doch es steckte mehr dahinter: Das Business hatte die Band zermürbt, von innen zerfressen. Manson fasst es mit einem bitteren Zug um den Mund zusammen: "Wir wurden von einem Label ans andere verkauft, die Plattenfirma hatte null Interesse an uns - es war immens frustrierend, das Musikmachen wurde zu einer komplett freudlosen Angelegenheit. Wir dachten nur: Dafür haben wir nicht unterschrieben."
Am Erfolg hatte es zuvor nicht gemangelt. In den 90ern waren Shirley Manson, Butch Vig, Duke Erikson und Steve Marker mit Garbage ständig in den Charts vertreten, Songs wie "I think I’m paranoid", "Queer" oder "The Trick is to keep breathing" wurden zu Alternativehymnen und Sängerin Shirley Manson zum Postergirl einer ganzen Generation. Der Erfolg brachte jede Menge Druck, das Schreiben des Albums "Bleed like me" nannte Manson damals "a pain in the ass". Kurz danach kam die Trennung. "Wir brauchten Zeit, um uns zu erholen und wieder herauszufinden, warum wir eigentlich mal Künstler sein wollten", erinert sich Manson.
Mit "Not your kind of People" liefert Garbage nun ein stimmiges, unglaublich entspanntes Album ab, ein Spiegel seiner Entstehungsgeschichte. "Ich hatte den größten Spaß, den ich jemals im Studio hatte, es war frei und spielerisch", erzählt Manson. "Ich wollte gar nicht, dass es aufhört." Obwohl sie wusste, dass ein Comeback eine heikle Sache ist? Die wenigsten Bands finden schließlich zurück zu alter Form. "Natürlich geht man ein Risiko ein, aber wenn man im Leben nicht bereit ist zu scheitern, bleibt man auf ewig stecken - und es gibt nichts Schlimmeres! Wenn du alt bist, wirst du nicht die Dinge bereuen, die du versucht hast, sondern jene, die du gar nicht erst probiert hast." Und da ist er, dieser Blick, der sagt: Erzähl mir nichts, ich habe schon zu viel erlebt. Shirley Manson hat eine Brustkrebserkrankung überstanden, in einer Fernsehserie mitgespielt, ein Soloalbum geschrieben, das aus Zwist mit der Plattenfirma nie veröffentlicht wurde. Diese Frau steht mitten im Leben. Und so kauft man es ihr auch ab, wenn sie sagt: "Durch die Zeit, die ich ohne die Band verbracht habe, weiß ich, dass ich auf alle Fälle ein interessantes, kreatives Leben haben werde - ob mit oder ohne Erfolg mit diesem Album. Ich habe keine Angst."
Vielleicht liegt es an dieser Gelassenheit, weshalb man das Garbage-Comeback schon jetzt als geglückt bezeichnen kann - ob sich das Album nun gut verkaufen wird oder nicht. Garbage haben eine schwierige Zeit überwunden, sich wieder angenähert, den Spaß an der Musik wiedergefunden. Sie sind zurück. Mit Ausrufezeichen.
"Not your Kind of People" erscheint am 11. Mai.
26.04.2012







