The Parlotones // Story
Reise ohne Kompass
Interview: Steffen Rüth
kulturnews: Kahn, wem hat die Fußball-WM 2010 mehr gebracht - eurem Heimatland Südafrika oder den Parlotones?
Kahn Morbee: Für unser Land war die WM eine sehr große Sache. Vorher gab es viele Kritiker, und speziell international dominierte die Ansicht, dass alle Gäste des Landes erschossen und überfallen würden. Das passierte dann nicht, und die Welt hat gesehen, dass wir nicht mehr im Busch leben, sondern ein modernes Land sind.
kulturnews: Der offizielle WM-Song der ARD stammte von euch und hieß "Come back as Heroes", zudem seid ihr beim Eröffnungskonzert mit Weltstars wie Shakira aufgetreten. Die 2007 veröffentlichte Platte "A World next Door to yours" ist in eurer Heimat das meistverkaufte Rockalbum des Jahrzehnts, "Beautiful" war ein internationaler Radiohit. Wo steht ihr jetzt eigentlich mit eurem ersten Nach-WM-Album "Journey through the Shadows" - seid ihr endgültig Rockhelden oder noch immer südafrikanische Underdogs?
Morbee: Die harte Arbeit geht weiter, wir sind glücklich und zufrieden mit kleinen Fortschritten. Wir hatten nie die Vision, das Eröffnungskonzert zu spielen und am nächsten Tag Yachten zu kaufen. Unser Ehrgeiz ist es, eine weltweit anerkannte, internationale Rockband zu sein. Das neue Album ist das erste, das weltweit gleichzeitig veröffentlicht wird, das ist toll. Aber wir sind nicht gierig.
kulturnews: Ihr habt Ende des vergangenen Jahres in Kapstadt und Johannesburg eure ersten Stadiokonzerte absolviert - als Vorband von Coldplay.
Morbee: Das war auch so eine zweischneidige Sache. Wir sind große Fans von Coldplay, haben ähnliche Einflüsse, und das waren mit je 60 000 Menschen die gigantischsten Shows, die wir je gespielt haben. Nur: Bevor uns Coldplay fragten, hatten wir den Grundsatz, in Südafrika niemals als Vorband zu spielen. Denn so sehen die Südafrikaner, wie unterlegen und minderwertig wir sind. Coldplay stecken Millionen in ihre Produktion, in Feuerwerk, blinkende Armbändchen und alle möglichen Effekte. Wir sind einfach mit unseren Instrumenten und Verstärkern auf die Bühne gegangen und haben wie immer unsere Lieder gespielt.
kulturnews: Ist es eigentlich leichter oder schwerer, in Südafrika Fuß zu fassen als etwa in England?
Morbee: Die Infrastruktur bei uns ist viel bescheidener, es gibt weniger Plattenfirmen, weniger Auftrittsmöglichkeiten, aber auch weniger Konkurrenz. Man sticht also früh heraus. Aber dann ist es sehr schwierig, ins Radio zu kommen. Der nationale Anteil südafrikanischer Musik im Radio ist gering, und er muss auf elf verschiedene Sprachen aufgeteilt werden. Dazu kommt, dass wir mit unserer Musik nicht so sehr innerhalb Südafrikas konkurrieren, sondern mit der ganzen Welt.
kulturnews: Wieso das?
Morbee: Wenn jemand melodischen Gitarrenrock mag, dann kann er überall auf der Erde auswählen zwischen - sagen wir - Coldplay, U2, Muse, Killers, Parlotones. Sobald du internationale Musik in englischer Sprache machst, interessiert es die Hörer nicht mehr, aus welchem Land du kommst. Diese ganzen Herausforderungen geben uns andererseits den Biss und die Arbeitseinstellung, mit der wir seit der Bandgründung 1998 schon so viel erreicht haben.
kulturnews: Auf eurem Album gibt es zwar auch melancholische Lieder, der Großteil jedoch ist hymnisch und feiert in Text und Melodie das Leben. Kann man Lebensfreude als Konzept der Parlotones bezeichnen?
Morbee: Absolut! Deshalb auch der Titel. Unser Leben ist eine Reise durch die Ungewissheit, und genau das ist auch das Schöne daran. Wir machen Fehler, es gibt keinen Kompass, wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Wäre alles vorhersehbar, würde das Leben kein Spaß mehr machen, es wäre wie ein Buch, bei dem man zuerst das Ende liest.
"Journey through the Shadows" ist seit Anfang Mai erhältlich.
26.04.2012







