Keane // Story
Weicheier
Interview: Carsten Schrader
kulturnews: Tom, euer neues Album klingt so, als müsstet ihr nichts mehr beweisen. Ihr traut euch sogar wieder Pianoballaden. Mit romantischen und sehr eingängigen Songs seid ihr berühmt geworden, aber sie haben euch auch ein Image verpasst, vor dem ihr viele Jahre auf der Flucht wart, oder?
Tom Chaplin: Wir haben gelernt, dass es immer Leute geben wird, die uns als Weicheier dissen, selbst wenn wir mit harten Elektrobeats arbeiten. Vielleicht war es diese Erkenntnis, durch die wir uns befreit haben. Wir müssen nicht mehr rebellieren. Auf dieser Platte orientieren wir uns nur noch an dem, was uns selbst gefällt. Wir haben viele treue Fans, die uns das nötige Selbstvertrauen dafür geben. Da sind die Kritiker egal, die sich eh nicht überzeugen lassen.
kulturnews: Dann bereust du aus heutiger Sicht das letzte Album "Perfect Symmetry", auf dem ihr viel mit Elektrobeats experimentiert und euch auch stark an den 80ern orientiert habt?
Chaplin: Auf gar keinen Fall! Denn ich sehe Keane als eine Band, die niemals auf der Stelle tritt und sich beständig weiterentwickelt. Wenn uns in den letzten Jahren mitunter das Selbstbewusstsein abhanden gekommen ist und wir zu sehr allen gefallen wollten, heißt das ja nicht, dass es ideal gewesen wäre, auf Nummer sicher zu gehen und unser Debüt "Hopes and Fears" bis in alle Ewigkeit in leichten Variationen zu wiederholen. Wenn wir uns jetzt mit "Strangeland" auf unsere Anfänge besinnen, dann ist das für mich nur spannend, weil wir all das, was in der Zwischenzeit passiert ist, mit einbeziehen.
kulturnews: In den Texten verarbeitet ihr viele Jugenderinnerungen. Inwiefern hat der Blick zurück mit eurem neuen Optimismus zu tun?
Chaplin: Ich sehe die Texte als eine Rückvergewisserung, was wir erreicht haben. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns alles schönreden. Auf der neuen Platte sind ja auch dunkle Songs wie etwa die Single "Disconnect". Aber selbst bei diesem Song finde ich zwischen den Zeilen eine Art schwarzen Humor, so dass unser Optimismus nicht getrübt wird. Lange Zeit konnten wir die positiven Momente nicht mehr wahrnehmen, die wir mit Keane hatten, weil wir zu sehr damit beschäftigt waren, gegen uns selbst zu kämpfen.
kulturnews: Spielst du damit auch auf deine Drogenprobleme an?
Chaplin: Wir mussten alle damit fertig werden, plötzlich berühmt zu sein und ein ganz anderes Leben zu führen. Meine Reaktion war sicherlich am extremsten, und sie hat die Band vor eine Zerreißprobe gestellt. Im Nachhinein hat es uns als Band noch mehr zusammengeschweißt, dass wir das gemeinsam durchgestanden haben. Es hat mir gezeigt, dass ich mit den besten Freunden der Welt in einer Band spiele.
kulturnews: Inzwischen führt ihr ja alle ein sehr gesetztes Leben ...
Chaplin: Du spielst darauf an, dass ich im letzten Jahr geheiratet habe, oder? Stimmt schon, bei uns allen läuft das Leben mehr und mehr in festgelegten Strukturen. Tim ist zum zweiten Mal Vater geworden. Auch das ist sicher ein Grund, warum "Strangeland" meiner Meinung nach so gut geworden ist. Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen. Letztlich haben wir vier Jahre an diesem Album gearbeitet. Ich habe herausgefunden, dass ich mich zurückziehen können muss, wenn ich das Bedürfnis habe, einfach nur der private Tom zu sein. Uns allen war es egal, wann der strategisch beste Zeitpunkt ist, um mit einem neuen Album zurückzukommen. Wir haben einzig und allein auf das Ergebnis geachtet, und da Tims eigenes Studio endlich fertig war, konnten wir auch ohne finanziellen Druck so lange rumbasteln, wie wir wollten. Vielleicht sind wir erwachsen geworden, und vielleicht ist das auch der Grund, warum wir mit den Texten an vielen Stellen in unsere Jugend zurückkehren.
kulturnews: Gleichzeitig präsentiert ihr ja mit Jesse Quin am Bass auch ein neues Bandmitglied.
Chaplin: Jesse ist kein Fremder, er war ja bereits auf der Tour zur letzten Platte mit uns unterwegs, und irgendwann war es einfach nur natürlich, ihn als festes Bandmitglied zu integrieren. Er hat das Bandgefüge gestärkt, denn zu dritt ist eine Band immer fragiler und anfälliger für Streitereien als zu viert, und die neue Platte hat sehr von seinen Ideen profitiert. Kann gut sein, dass er auch Tims Nostalgie in den Texten befeuert hat. Jetzt weiß er auch, wie es sich angefühlt hätte, gemeinsam mit uns in einem Kaff wie Battle aufzuwachsen und sich an der Uferpromenade von Bexhill-on-Sea ein Leben zu erträumen. Jetzt erzählt er auch all das, was bei den unzähligen Abenden im Pub bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist.
"Strangeland" ist ab 4. 5. im Handel
26.04.2012







