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Helen Walsh // Story

Helen Walsh
Foto: Jenny Lewis

Niemals flauschig

Beim stark autobiografisch gefärbten Roman „Millie“ war der Skandal vorhersehbar: Eine 19-jährige Studentin fickt und drogt sich durch Liverpools Clubszene. Aber warum regen sich jetzt auch alle über Helen Walshs neues Buch auf, in dem eine junge Mutter nach der Geburt mit Schlafmangel und Depressionen kämpft?

Interview: Carsten Schrader

Gefunden in

uMag: Helen, was soll die ganze Empörung über "Ich will schlafen". So ungewöhnlich sind die Gedanken deiner Heldin ja nun auch nicht.
Helen Walsh: Es ist überhaupt kein Problem, wenn Literatur psychische Erkrankungen thematisiert. Essstörungen sind derzeit ja ein richtiges Modethema, das hohes Ansehen genießt. Problematisch wird es nur, wenn im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen kleine Kinder und Babys ins Spiel kommen. Im England waren es wieder Frauen aus der Mittelschicht, die mich am stärksten kritisiert haben. Für sie ist die Mutterschaft wie ein Vertrag, und laut dem hat man den Zustand nach der Geburt zu ertragen, ohne darüber zu sprechen. Sie argumentieren, als hätte es niemals Feminismus gegeben.

uMag: Problematisch könnte auch sein, dass du nicht das vermeintlich angemessene Vokabular der Mutter-Kind-Bücher übernimmst, sondern mit deutlichen, harten Worten schreibst.
Walsh: Als Mutter werde ich gezwungen, die Identität einer Mutter anzunehmen. Aber ich weigere mich, nur noch rosafarbene, flauschige Wörter zu verwenden. Bevor das Buch in England erschienen ist, habe ich einen Zeitungsartikel über Pornografie geschrieben und bekam prompt Ärger von meiner Verlegerin. Sie meinte, ich könne nicht über Pornografie schreiben, wenn ich kurz darauf ein Buch veröffentliche, das sich mit meinem Mutterdasein beschäftigt. Da hatte ich verstanden: Als Mutter muss ich meine bisherige Identität löschen.

uMag: Es ist erstaunlich, dass du sehr stark von Feministinnen angefeindet wirst.
Walsh: In England ist der dominierende feministische Diskurs wieder in den 70ern angekommen. Es gibt so viele schlaue Denkerinnen, aber sie werden von den Mainstream-Feministinnen niedergebrüllt, die weiter gegen Pornos kämpfen wollen. Und ich habe mit meinen Büchern ganz ähnliche Probleme, da viele Altfeministinnen in der Literaturkritik arbeiten. Sie meinen, sie kritisieren meine Bücher von links, dabei kann ich mir kaum einen konservativeren als ihren geistigen Standort vorstellen.


Helen Walsh liest aus "Ich will schlafen":
23. 5. Hamburg
24. 5. Berlin

26.04.2012

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