Melody Gardot // Story
Die heißkalte Frau
Interview: Steffen Rüth
kulturnews: Melody, es gibt das Gerücht, deine gesamte Habe passe in drei Koffer und du habest keinen festen Wohnsitz ...
Melody Gardot: Das ist kein Gerücht, das ist mein Leben. Ich war nie sehr sesshaft, und seitdem ich diesen Beruf mache, bin ich es erst recht nicht mehr. Ich brauche die Gewissheit, dass ich einfach weitergehen kann, wenn ich möchte. Und wohin ich möchte.
kulturnews: Du bist inzwischen sehr erfolgreich und verdienst viel Geld mit deiner Musik. Interessiert dich das?
Gardot: Eine komplizierte Frage. Als ich zum Beispiel in Deutschland eine Platinauszeichnung für mein letztes Album bekam, wusste ich gar nicht wohin damit. In den Koffer passen diese Sachen nicht. Also lagere ich sie bei Freunden und Familienmitglieder, die freuen sich. Als man mir sagte, ich hätte jetzt eine Million Dollar verdien", verstand ich das auch nicht, so viel Geld habe ich noch nie gesehen und kann mir nichts darunter vorstellen. Dann sagte der Mann vom Label, ich hätte doppelt so viele Alben verkauft wie eine sehr bekannte Künstlerin. Ich war sprachlos und bekam außer einem "Echt? Wow!" nichts heraus.
kulturnews: Du stammst aus New Jersey und hast in Phildelphia studiert. Wo ist dein Zuhause?
Gardot: Dort, wo ich bin. Ich habe dieses Leben ziemlich perfektioniert. Die Welt ist meine Heimat, meistens fliege ich zwischen den Tourabschnitten zum wärmsten Ort, der gerade in der Nähe ist. Pausen habe ich ja sowieso nur wenig, ein fester Wohnsitz lohnt da nicht. Ich versuche mir neue Orte immer zu erschließen, neugierig und aufgeschlossen zu sein.
kulturnews: Was fällt dir hier zu Berlin ein?
Gardot: Oh, als ich zum ersten Mal in Berlin war, bin ich gleich zur Mauer marschiert. Ich fand es sehr verwirrend, dort all diese Strandbars zu sehen, die lachenden, trinkenden Menschen. Ich dachte immer, dieser Ort, an dem so viele Menschen starben, ist eine Stätte der Trauer und der Ruhe. Und dann das! Es sah aus wie ein billiges Touristenvergnügen. Aber dann kam ich zu dem Schluss, dass ihr die Erinnerung an etwas Schreckliches nehmt und etwas Schönes daraus macht.
kulturnews: Nach deinem letzten Album "My one and only Thrill" und der sehr langen Tournee bist du einfach abgetaucht. Nun singst du auf deinem dritten Werk Portugiesisch und Spanisch, fast das halbe Album ist nicht auf Englisch. Auch stilistisch wendest du dich stärker dem Salsa und dem Samba zu. Warum?
Gardot: Ich bin eines Morgens aufgewacht und habe beschlossen, nach Portugal zu gehen. Ich brauchte dringend eine Pause vom ständigen Touren, gleichzeitig wollte ich als Seele und als Mensch nicht aufhören zu arbeiten. Sechs Monate habe ich dann in Lissabon gelebt, ganz alleine, nur manchmal kamen Freunde vorbei. Ich hatte eine kleine Wohnung am Hafen, habe gelernt und die Kultur aufgesagt, insbesondere den Fado. Ich habe mir beigebracht, wie man die portugiesische Gitarre spielt, denn ich wollte auch Fado singen. Doch dazu reichen meine Sprachkenntnisse nicht, denn wer Fado singt, muss Portugiesisch auf poetische Weise beherrschen.
kulturnews: Immerhin singst du "Mira" oder "Lisboa" auf Portugiesisch.
Gardot: Die Songs, die ich geschrieben habe, passten zum Land, also wollte ich auch meine Gefühle passend zu den Songs ausdrücken. Was das Lernen angeht, war ich sehr ehrgeizig. Jetzt kann ich locker ohne Englisch überleben. Wir Musiker haben die Sorte Ohren, die uns wie Papageien alles wiederholen lassen, was wir hören. Oft habe ich stundenlang in meinem kleinen Viertel in der Bar gesessen und den Menschen gelauscht. Anfangs habe ich noch jeden Abend meinen Koffer gepackt, weil ich es so gewohnt war und nicht stillhalten konnte. Nach einem halben Jahr in Lissabon bin ich dann nach Rio weitergezogen und habe angefangen, an dem Album zu arbeiten. Ich war aber auch noch in Argentinien und in Uruguay.
kulturnews: Viele neue Lieder handeln vom Verlassen, vom Gehen, vom Verändern von Zuständen.
Gardot: Oh ja. Die Portugiesen nennen dieses Gefühl "Saudade". Es ist dieses Gefühl des Abschieds, verbunden mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ich kann dieses Gefühl nachempfinden, ich war immer gut im Weitergehen. Manchmal ist es wichtig, eine Tür im Leben zu verschließen - und den Schlüssel gut aufzubewahren.
kulturnews: Ticken die Brasilianer ähnlich wie die Portugiesen?
Gardot: Nein, ganz anders. Portugiesen sind sehr viel reservierter und gesetzter, die Brasilianer sind echt so wie ihr Karneval: Party geht denen über alles. Auch die Dialekte sind sehr unterschiedlich, der brasilianische ist weichter und verspielter.
kulturnews: Hast du selbst Karneval gefeiert?
Gardot: Aus sicherer Entfernung ... Mittendrin zu sein, das war mir zu laut, aber angucken fand ich super.
kulturnews: Hattest du Freude an den nackten Körpern?
Gardot: So viel Fleisch ist für eine Amerikanerin sehr seltsam, aber nicht für mich, denn ich habe einen freien Geist. Ich bin gerne nackt und halte den Körper für das Schönste, was wir haben.
kulturnews: Präsentierst du dich deshalb fast unbekleidet auf dem Cover des neues Albums?
Gardot: Ja, das Foto ist ein Resultat meiner sechs Monate in Südamerika. Das Bild war sehr wichtig für mich. Ich fühle mich in meinem Körper wieder wohl, auch das ist eine Folge der Reise und meiner Erlebnisse. Vorher war das lange nicht der Fall, was an meiner Geschichte liegt.
kulturnews: Du hattest mit 19 einen schweren Fahrradunfall, die Folgen waren ähnlich wie bei einem Schlaganfall.
Gardot: Exakt. Ich musste alles wieder neu lernen, bin bis heute sehr lichtempfindlich und gehe am Stock. Da der Unfall meinen Körper so schwer beschädigt hatte, musste ich erst wieder lernen, mich wie eine Frau zu fühlen, eine Frau zu sein. Vor einigen Jahren hätte ich mir nie erträumen können, einmal Nacktfotos zu machen.
kulturnews: Du liegst drapiert auf einem schwarzen Felsen. Wo habt ihr die Aufnahmen gemacht?
Gardot: Das verrate ich nicht. Aber es war arschkalt und hat geregnet. Ich lag stundenlang dort so herum, mit Gänsehaut - aber in einer Art Zen-Zustand. Ich fühlte mich glücklich gestrandet.
"The Absence" ist Ende Mai erschienen.
Tour
3. 7. München
7. 7. Stuttgart
12. 7. Freiburg
24.05.2012







