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Foto: Emi Music UK

Öfter mal off

Ultravox-Sänger Midge Ure hat eine widersprüchliche Beziehung zu moderner Technik – aber gute Ideen, wenn sie mal ausfällt.

Interview: Dagmar Leischow

Gefunden in

kulturnews: Mr. Ure, vor zwei Jahren waren Sie mit Ultravox auf Reuniontour, nun folgt mit "Brilliant" eine Comeback-CD. Wollen Sie etwa wieder in die Top Ten? Midge Ure: Mir sind die Charts nicht mehr so wichtig. Was sich da tut, finde ich total irritierend. Einerseits wird eine Single bereits etliche Wochen vor der Veröffentlichung im Radio gespielt. Auf der anderen Seite können die Fans sie bei uns in England gar nicht als physischen Tonträger erstehen, glaube ich. Es gibt nur noch die Möglichkeit, ein bestimmtes Lied bei iTunes oder anderswo herunterzuladen. Trotzdem kommt es irgendwie in die Singlecharts. Wie das funktioniert ist mir ein Rätsel.

kulturnews: Immerhin werden Alben auch in Großbritannien noch ganz regulär in den Geschäften verkauft. Ure: Schon. Bloß sind die Absatzzahlen extrem gesungen. Selbst bei einer Nummer-eins-Scheibe bleiben sie erschreckend gering. Deswegen sehe ich ein Album nur als eine Art Appetitanreger. Er soll die Leute in die Konzerte locken.

kulturnews: Frustriert Sie das? Ure: Ach was! Für die meisten Musiker sind eh die Shows das Allergrößte. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bono. "Du musst uns live sehen", sagt er. "Das ist das, was U2 wirklich ausmacht." Damit lag er völlig richtig.

kulturnews: Mit anderen Worten: Die CD hat ihre Bedeutung verloren? Ure: Vergegenwärtigen Sie sich doch mal, wie Jugendliche heutzutage Musik hören: Sie picken die Songs raus, die ihnen gefallen. Dabei ist ein Album ein Gesamtkunstwerk, mit dem man sich eigentlich in der vom Künstler vorgegebenen Reihenfolge beschäftigen sollte. Von der ersten bis zur letzten Nummer.

kulturnews: Machen Sie das denn selbst immer? Ure: Ja. Wobei ... ich lege keine Platten mehr auf. Meine alte Vinylsammlung habe ich aus reiner Sentimentalität behalten. Inzwischen lade ich mir alles aus dem Internet herunter, natürlich legal und gegen Bezahlung. Es ist einfach praktischer für mich, Musik auf meinem Laptop oder meinem iPhone zu haben. Dann kann ich auch unterwegs jederzeit auf meine Lieblingsalben zugreifen.

kulturnews: Wenn Ihnen die Gesamtaufnahme so heilig ist, reden Sie bestimmt nicht gern über einzelne Titel ... Ure: Im Interview sehe ich das nicht so eng. Fragen Sie ruhig.

kulturnews: Im Song "Contact" setzen Sie sich durchaus kritisch mit modernen Kommunikationswegen auseinander. Ure: Die Initialzündung für dieses Stück war George Orwells Roman "1984" - Sie wissen schon, dieses "Big Brother is watching you"-Ding. Ich will der Welt begreiflich machen, dass wir Menschen selbst am schlimmsten sind. Zu Hause laben wir uns vor der Flimmerkiste am Elend anderer. Es bereitet uns Freude, in sogenannten Realityshows die Wut oder den Schmerz der Kandidaten zu beobachten. Fernseher, Computer und Smartphone haben für viele längst eine höhere Daseinsberechtigung als echte zwischenmenschliche Kontakte. Da bewegt sich unsere Gesellschaft definitiv in die falsche Richtung.

kulturnews: Weil sie sich zu sehr von moderner Technologie vereinnahmen lässt? Ure: Ich predige nicht, dass wir den technischen Fortschritt komplett verbannen müssen. Aber ein Urlaub mit meiner Familie in Kanada hat mir schon zu denken gegeben. Als eines Abends der Strom ausgefallen ist, waren meine Töchter richtig verzweifelt. Sie konnten nicht fernsehen, deshalb wussten nichts mit sich anzufangen. Ich habe ihnen schließlich vorgeschlagen, bei Kerzenschein Spiele zu spielen.

kulturnews: Wie ist diese Idee angekommen? Ure: Die Mädchen waren zunächst wenig begeistert. Aber davon sollten sich Eltern nicht beirren lassen. Sonst sind ihre Kinder irgendwann überhaupt nicht mehr in Lage, ein vernünftiges Gespräch zu führen. Womöglich enden sie dann wie der Protagonist aus "Contact": Er starrt auf sein Mobiltelefon und wartet vergeblich auf eine Nachricht. Wer sollte ihm auch simsen? Er hat ja keine Freunde mehr.

"Brilliant" ist seit Ende Mai erhältlich.

24.05.2012


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