Citizens! // Story
Diss und das
Interview: Carsten Schrader
kulturnews: Tom, in diesen Tagen feiert Britpop 20-jähriges Jubiläum. Wer oder was aus dieser Zeit hat auch heute noch Gültigkeit?
Tom Burke: Blur, denn die haben richtig gute Popmusik gemacht und sich dabei weiterentwickelt. Vermutlich ist aber die Fehde zwischen Blur und Oasis der prägnanteste Einfluss von Britpop auf die Musikszene. Fälschlicherweise meint bis heute so ziemlich jede junge Band, um Erfolg zu haben, gehört es zwingend dazu, auf die Konkurrenz einzudreschen.
kulturnews: Ach, du selbst hast doch auch die Aufmerksamkeit auf eure Band gelenkt, indem du in jedem Interview erklärt hast, ihr wollt mit Citizens! den Pop von David Guetta und anderen seelenlosen Fließbandmusikern zurückerobern.
Burke: Erwischt, wobei ich die momentane Radiomusik zu wenig ernst nehme, um mir mit diesen Bemerkungen einen öffentlichkeitswirksamen Diss anhängen zu lassen. Ich spreche nur aus, was jeder denkt, der noch einen letzten Rest Hirn zur Verfügung hat.
kulturnews: Ganz generell ist heutzutage die Musikszene in London aber weit weniger spannend als zur goldenen Zeit des Britpop, oder?
Burke: Ach was, an den Rändern gibt es viele spannende Bands wie Factory Floor, Trailer Trash Tracys oder Theme Park. Nur der vermeintliche Konsensgeschmack geht immer mehr vor die Hunde. Und es ist sicherlich ein Vorteil, dass es jetzt keine Massenbewegung wie Britpop mehr gibt. Bands können sich nicht mehr in einer Szene verstecken und müssen zeigen, ob sie etwas Neues abliefern können.
kulturnews: Ihr habt euch mit dem Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos allerdings auch den Protagonisten der zweiten Britpopwelle als Produzenten geholt.
Burke: Genau, und das war eine wichtige Entscheidung in unserem Kampf für gute Popmusik. Man darf seiner Band nicht anlasten, dass sie von unzähligen Bands kopiert wurde. Was Franz Ferdinand damals gemacht haben, war unglaublich innovativ, und Alex hat auch uns immer wieder angespornt, mutig zu sein und Entscheidungen zu überdenken.
kulturnews: Eine Freiheit, die ihr nicht zuletzt auch deswegen hattet, weil ihr nicht zu einer großen Plattenfirma gegangen seid, sondern beim Indielabel Kitsuné unterschrieben habt, oder?
Burke: Wir haben gemerkt, wie die Musikszene tickt, als wir uns mit verschiedenen Produzenten getroffen haben, die vor allem für die großen Plattenfirmen arbeiten. Sie hatten alle eine lange Liste mit Dingen, die wir bei unserem Album berücksichtigen sollten. Und sie alle haben mit der Krise der Industrie argumentiert, wegen der man stärker als je zuvor auf Massentauglichkeit achten müsse.
13.-15. 7. // Melt! Gräfenhainichen
24.05.2012







