Fun // Story
Nur Fliegen sind schöner
Interview: Dagmar Leischow
kulturnews: Nate, eure Single "We are young" hat es bis auf Platz eins der US-Charts geschafft und wird ständig im Radio gespielt. Könnt ihr dieses Lied allmählich nicht mehr hören? Nate
Ruess: Im Gegenteil: Wir sind total glücklich über diesen völlig unerwarteten Erfolg. Hey, mit so einem unkonventionellen Song die breite Masse zu begeistern, ist doch der absolute Wahnsinn!
kulturnews: Erinnerst du dich noch daran, wann du dieses Stück geschrieben hast?
Ruess: Na klar. Beim Autofahren habe ich plötzlich "Tonight ... we are young" gesungen. Einfach so. Das könnte ich vielleicht mal in irgendeine Nummer einbauen, dachte ich mir. Deshalb habe ich diese Zeile auf meinem iPhone festgehalten. Damals war mir allerdings noch nicht bewusst, dass sie das Zeug zum Refrain hat.
kulturnews: ... oder euch sogar berühmt machen würde ...
Ruess: Seit ich mit 21 bei einem Label rausgeworfen wurde, hatte ich sogar jede Hoffnung begraben, je einen Hit zu landen zu können.
kulturnews: Damals hast du bei The Format gesungen. Wieso bist du dann zu Fun gewechselt?
Ruess: Bei The Format sind wir an einen Punkt gekommen, wo keiner mehr Lust auf die Band hatte. Darum haben wir uns aufgelöst. Ich ließ ohne mit der Wimper zu zucken alles hinter mir und wollte eine neue Gruppe gründen, und zwar mit Andrew Dost und Jack Antonoff. Die beiden sind wirklich großartige Musiker.
kulturnews: Du wiederum spielst kein Instrument, giltst aber als Hauptsongschreiber. Wie geht das?
Ruess: Ich habe eine für Außenstehende unvorstellbare Technik. Jedes Lied entsteht in meinem Kopf. Ich schildere Andrew und Jack dann meine Vorstellungen möglichst präzise, damit sie sie musikalisch umsetzen können.
kulturnews: Was hat denn euer Produzent Jeff Bhasker zu dieser Vorgehensweise gesagt?
Ruess: Er hatte kein Problem damit. Seine Hauptanliegen war es, uns ein bisschen auszubremsen. Wenn wir bei einem Titel etliche Gitarrenakkorde übereinanderschichten wollten, wurde er energisch: "Ihr beschränkt euch auf ein Riff, das den Leuten ewig in Erinnerung bleibt!" Anfangs haben wir uns mit seinen Anweisungen verdammt schwer getan. Aber seltsam: Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran und haben unsere Songs tatsächlich vereinfacht. Davon haben sie letztlich profitiert.
kulturnews: Trotzdem: Eine Zusammenarbeit von Fun und Bhasker ist nicht unbedingt naheliegend. Schließlich produziert er sonst Rapper oder Soulsänger.
Ruess: Stimmt. Wir dagegen haben uns mit unserem Debütalbum "Aim and Ignite" eher in Richtung Indierockpop bewegt. Ich hätte es aber total absurd gefunden, das mit unserer zweiten CD zu wiederholen. Deswegen habe ich nach neuen Einflüssen gesucht und HipHop für mich entdeckt. Erstaunlicherweise war Jeff für all meine Lieblingsscheiben verantwortlich, darum wollte ich ihn an Bord holen. Unsere Plattenfirma fand meine Idee, HipHop-Elemente zu integrieren, zwar erst nicht so toll, aber ich war mir immer sicher: Das ist der richtige Weg.
kulturnews: Obwohl dein Gesang ja überhaupt nichts mit Rap zu tun hat.
Ruess: Ich bin nun mal kein Rapper, mir fehlt der nötige Flow. Wer auf diesem Gebiet souverän sein will, muss wahrscheinlich schon als Jugendlicher in die Szene eintauchen.
kulturnews: Mit Eminem kannst du dich definitiv nicht messen, dafür klingst du manchmal wie Freddy Mercury ...
Ruess: Danke! Ich bin Queen-Fan, Freddy Mercury ist für mich einer der größten Sänger, die das Musikgeschäft je hervorgebracht hat. Dennoch habe ich nie versucht, ihn zu imitieren, ehrlich.
kulturnews: Weil du von Haus aus nicht so divenhaft bist?
Ruess: Ich bin eher introvertiert und schare privat nicht ständig Leute um mich. Wenn ich zu Hause bin, kann es passieren, dass ich den ganzen Tag kein Wort sage.
kulturnews: Du scheinst ein sehr genaues Bild von dir zu haben, oder?
Ruess: Schön wär's ... Ich bin seit Jahren auf der Suche nach meinem wahren Ich, darüber lässt das Lied "Some Nights" keinen Zweifel. Ich neige zum Pessimismus, oft schwanke ich zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.
kulturnews: Das Stück "One Foot" gehört zur düsteren Sorte. Du wünscht dir weder ein neues Leben noch eine neue Liebe, sondern bloß einen besseren Ort zum Sterben ...
Ruess: ... und vergiss nicht: Ich muss obendrein für meine Sünden bezahlen ...! Im Ernst: Ich habe mich sehr intensiv mit Religionen auseinandergesetzt. Wenn sie jemandem Kraft und Vertrauen geben, können sie durchaus etwas Wunderbares sein. Nur: Wieso neigen sie dazu, Menschen mit strikten Regeln unter Druck zu setzen? Das finde ich echt bedenklich, was "One Foot" hoffentlich begreiflich macht.
kulturnews: Du hast also mit Gott nichts am Hut?
Ruess: Sagen wir’s so: Ich möchte etwas tun, weil ich es für richtig halte, nicht weil irgendeine Religion es mir vorschreibt. Selbstbestimmung ist unabdingbar - ohne die Zwänge einer Kirche. Das unterscheidet mich wohl von der Generation meiner Eltern und Großeltern.
kulturnews: Apropos Eltern: Wie gehen dein Vater und deine Mutter damit um, dass du in "We are young" Drogen ins Spiel bringst?
Ruess: Das hat sie nicht weiter beunruhigt. Sie wissen, wie viel Wert ich darauf lege, einen klaren Kopf zu behalten. Darum dröhne ich mich nicht zu. Meine Freunde tun das übrigens auch nicht, obwohl ich in diesem Lied behaupte, sie seien in meinem Bad high geworden. Das war bloß ein Witz!
kulturnews: Hat Janelle Monáe darüber gelacht, als du sie als Duettpartnerin für diesen Titel gewinnen wolltest?
Ruess: Keine Ahnung, wir waren nicht zusammen im Studio. Sie hat ihren Part in England eingesungen und uns dann zugeschickt. Kennengelernt haben wir uns erst während einer gemeinsamen Tournee.
kulturnews: Und? Wie war dein erster Eindruck?
Ruess: Janelle wirkte extrem cool und futuristisch. Wie von einem anderen Stern.
"Some Nights" ist seit kurzem auf dem Markt.
kulturnews präsentiert
14. 9. Baden-Baden, SWR3 New Pop Festival
21. 9. Hamburg, Reeperbahn Festival
28. 9. Berlin, Postbahnhof
12. 10. Köln, Gloria
13. 10. München, Theaterfabrik
17. 10. Frankfurt, Batschkapp
21.06.2012







