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Benyamin Nuss // Story

Benyamin Nuss
Foto: Deutsche Grammophon/UMG

Alles außer Bach

Der junge Pianist Benyamin Nuss hat Großes vor: Er will der Youtube-Generation Klassik unterjubeln.

Interview: Dagmar Leischow

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So also sieht der neue Stern am Pianistenhimmel aus: dunkle Haare, dunkle Augen, legere Kleidung, jungenhafter Typ. Zur Begrüßung lächelt Benyamin Nuss - und wirkt so viel sympathischer als der coole Typ mit der Tolle, zu dem er auf den Covern seiner CDs stilisiert wird. Schnell zeigt sich während des Interviews in einem Osnabrücker Hotel, dass der 23-Jährige mit den Poserfotos, die sein erstes Album "Benyamin Nuss plays Uematsu" zierten, selber nicht so richtig glücklich ist. "Das bin ich gar nicht wirklich", klagt er. "Andererseits haben die Bilder natürlich zur Videospielmusik gepasst."

Weil er ein leidenschaftlicher Computerzocker ist, spielte Nuss nämlich auf seinem Solodebüt ein ungewöhnliches Repertoire ein: Stücke, die der japanische Videospielkomponist Nubuo Uematsu für den Verkaufsschlager "Final Fantasy" schrieb. Ein Versuch, sich als Enfant terrible in der eher konservativen Klassikszene zu etablieren? Nein, der Sohn des Posaunisten Ludwig Nuss und einer Englischlehrerin aus Singapur hat eine völlig andere Philosophie. "Die Werke von Bach oder Beethoven wurden doch schon x-mal aufgenommen", sagt er. "Zum Teil waren die Interpretationen so genial, dass ich mich frage, wie man überhaupt noch etwas verbessern könnte. Ich möchte den Menschen neue und unbekanntere Musik nahebringen."

Das zieht er auch auf seinem zweiten Album "Exotica" konsequent durch. Rund eine Stunde lang führt er durch Kompositionen von Villa-Lobos, Ginastera, Milhaud oder Balakirew. "Die meisten habe ich mir eigens für diese CD erarbeitet", sagt er. Bis auf die drei "Estampes" von Debussy; mit ihnen ist Nuss quasi aufgewachsen. "Ich habe früher ganz viel Jazz gehört. Erst durch Debussy fand ich zur Klassik, weil es bei ihm etliche Jazzakkorde gibt." Der französische Impressionist führte ihn dann über Ravel zu den Romantikern - auch heute noch zählen Liszt, Rachmaninow und Chopin zu seinen Favoriten.

Der junge Pianist aus Aachen ist jedenfalls keiner, der Musik auf die leichte Schulter nimmt. Er hat nicht nur diverse Wettbewerbe gewonnen, sondern auch Meisterkurse bei Ragna Schirmer oder Anatol Ugorski belegt. Heute übt er täglich bis zu sieben Stunden und studiert bei Ilja Scheps an der Musikhochschule Köln. "Er ist ein großartiger Lehrer", schwärmt er vom Vater der Starpianistin Olga Scheps, "weil er das richtige Gespür für seine Schüler hat. Übertriebene Höhenflüge bremst er aus. Dafür baut er diejenigen auf, die zu wenig Selbstvertrauen haben."

Solche Sätze sagt Nuss mit Bedacht. Er redet leise, und man spürt: Nuss ist noch kein routinierter Medienstar. Mit rührender Ernsthaftigkeit erklärt er, das Wort Crossover überhaupt nicht zu mögen. "Für mich existieren bloß zwei Kategorien: improvisierte und nichtimprovisierte Musik." Gleichwohl scheut er sich nicht, in seinen Eigenkompositionen Klassik, Jazz und teils sogar Pop zu verquicken. "Das Komponieren", erklärt er, "hilft mir, andere Komponisten besser zu verstehen. Außerdem möchte ich der Nachwelt etwas hinterlassen." Deshalb finden sich auf "Exotica" auch zwei Nuss-Originale: ein seiner japanischen Freundin Kanae gewidmetes Präludium und die "Elegie für Fukushima". "Die Elegie war anfangs einfach nur ein Trauermarsch, zu dem mich der japanische Komponist Hamauzu inspiriert hat", erzählt Nuss. "Als dann das Ausmaß der Katastrophe von Fukushima bekannt wurde, habe ich das Stück nachträglich umbenannt." Er spielt es gefühlvoll und sensibel, mit einer feinen Tongebung, die sein Können zeigt.

So will er vor allem Altersgenossen zu seinen Auftritten locken. "Klar, auf Youtube kann man sich inzwischen alles anschauen", konzediert er. "Aber ein Konzert im Saal mitzuerleben ist etwas völlig anderes - weil da Emotionen entstehen, die auf dem Bildschirm gar nicht spürbar sind."

"Exotica" ist seit kurzem im Handel.

21.06.2012

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