Steven Sloane // Story
Der Ruhri aus L. A.
Interview: Matthias Wagner
Mitarbeit: Sinah Vonderweiden
kulturnews: Herr Sloane, Ruhrgebiet und Hochkultur sind traditionell nicht gerade Zwillingsgeschwister. Wie arbeitet es sich als Orchesterleiter in einer Region, die so proletarisch geprägt ist wie keine andere in Deutschland?
Sloane: Gegenfrage: Was genau verstehen Sie unter "Hoch"kultur? Wie kulturbewusst die Ruhrgebietsmenschen sind, zeigt nicht nur die bloße Dichte der Konzertsäle, Theater, Opernhäuser, Ballette und Museen, der freien Bühnen, Initiativen und Galerien, die man hier findet und die sich mit jeder anderen Metropole messen kann. Für mich ist es immer wieder schön und aufregend zu sehen, wie gerade die Leute, denen gerne klischeeartig das Verständnis für Kultur abgesprochen wird, Bildung und Kultur Hochschätzung entgegenbringen - vielleicht weil sie besser als viele andere wissen und verstanden haben, welchen Wert Kultur auch für die ganz persönliche Perspektive und Entwicklung hat. Natürlich muss man sich hier manchmal auch sehr direkte Fragen zu seiner Arbeit gefallen lassen, aber ich behaupte mal, dass gute Kunst das aushält.
kulturnews: Die Menschen an Rhein und Ruhr lieben den Fußball traditionell mehr als Fidelio. Wie lange haben Sie als Amerikaner damals gebraucht, um diese Prioritätensetzung verstehen und nachempfinden zu können?
Sloane: Keine zwei Sekunden. Ich bin selbst großer Sportfan, spiele so oft es geht Basketball und lasse mir wegen des Sportteils an jeden Ort der Welt meine USA Today nachschicken.
kulturnews: Gibt es eigentlich Gemeinsamkeiten zwischen der großen Oper im Konzertsaal und der im Stadion?
Sloane: Sagen wir mal so: Im besten Falle ist die Begeisterung für das Geschehen auf der "Bühne" die gleiche. Es ist allerdings zu hoffen, dass die Menschen im Konzertsaal keine Fangesänge anstimmen ...
kulturnews: Käme auf einen Versuch an ... Nachdem Sie vorher bereits in Israel oder den USA gearbeitet hatten, sind Sie seit 1994 Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker. Was motiviert Sie, diesem Orchester, dieser Stadt, dieser Region weiterhin treu zu bleiben?
Sloane: Das Ruhrgebiet gehört zu den lebendigsten, vielfältigsten, tolerantesten und buntesten Gegenden, die ich bisher kennenlernen konnte. Nicht erst durch meine Tätigkeit bei der Kulturhauptstadt RUHR.2010 bin ich absolut überzeugter Ruhri. Und dann gibt es hier noch dieses wache, interessierte und risikobereite Publikum, für das zu arbeiten einfach ein Glück ist. Bochum ist meine Stadt, hier fühle ich mich zu Hause, vom ersten warmherzigen "Please welcome Mr. Sloane" zu Beginn meiner Arbeit bis heute, wenn mich beim Einkaufen Menschen auf das letzte Symphoniekonzert ansprechen. Und die Bochumer Symphoniker? Wir haben gemeinsam in den letzten Jahren unglaublich viel erreicht, Einladungen zum Lincoln Center Festival nach New York mit Zimmermanns Oper "Die Soldaten" oder Konzerte mit Herbert Grönemeyer werden hier mit der gleichen Begeisterung und dem gleichen Ernst gespielt wie kleine Kammerkonzerte oder Schulbesuche. Es macht einfach Riesenspaß, mit diesen Musikern zu arbeiten! Davon abgesehen steht ein ganz großes Ziel ja noch aus: Unser Musikzentrum wird in den nächsten Jahren entstehen und will mit Leben gefüllt werden - dafür kämpfen wir Bochumer schon sehr lange, und darauf freue ich mich sehr.
kulturnews: Sie haben oft betont, Kultur sei kein Luxusgut, sondern sollte für jedermann zugänglich sein. In Zeiten der Finanzkrise und knapper staatlicher Mittel ist diese Haltung besonders heikel. Weshalb sollte es in Sachen Subventionen der Kultur besser gehen als der Kohle?
Sloane: Weil es zur Kultur keine Alternative gibt - im Gegensatz zur Kohle. Und kalt wird es ohne Kultur auch.
kulturnews: In ihrer Heimat USA werden kulturelle Projekte in der Regel nicht staatlich gefördert, sondern müssen sich auf dem Entertainmentmarkt selbstständig behaupten. Was würde mit den Bochumer Symphonikern, mit der klassischen Musik generell passieren, wenn das in Deutschland genauso wäre?
Sloane: Den klassischen Kulturinstitutionen würde es sicher schlechter ergehen - zumindest so lange sich nichts an der Steuergesetzgebung in Deutschland ändert, um es ein wenig attraktiver zu machen, sich privat oder als Unternehmen zu engagieren. Davon abgesehen ist aber der Vergleich mit den USA eher schwierig, denn die Haltung dort ist eine grundsätzlich andere: Traditionell wird dort viel stärker eine Verpflichtung empfunden, dem Gemeinwesen etwas vom eigenen Erfolg zurückzugeben, es gilt als selbstverständlich, sich finanziell im sozialen oder kulturellen Bereich zu engagieren. Tatsächlich bildet aber die Freiheit, die den Kulturschaffenden durch öffentliche Gelder besonders in Deutschland geschenkt ist, die Grundlage für eine Weiterentwicklung der Kunst, für Projekte und Experimente auch jenseits des Mainstreams - die dann übrigens irgendwann gern auch in Amerika aufgenommen werden.
kulturnews: Für den Bau des Musikzentrums Bochum haben Sie in einer beispiellosen Kampagne, die Sie sogar in die Harald-Schmidt-Show führte, fast die Hälfte der Baukosten von privaten Förderern eingetrieben, eine überaus beeindruckende Quote. Sind das hauptsächlich Spender oder doch eher Investoren?
Sloane: Das ist nur eines der wirklich bemerkenswerten Dinge rund um unser Projekt: Niemand unserer Förderer hat Gegenleistungen für sein finanzielles Engagement gewünscht oder gar gefordert, obwohl wir natürlich einige Vorschläge dazu vorbereitet haben. Im Gegenteil: Viele haben sogar zusätzlich ein erhebliches Maß an ganz praktischem Engagement geleistet, in privaten Netzwerken, bei der Organisation von Stiftungsveranstaltungen, bei unseren Gesprächen mit Politik und Wirtschaft. Solche echten Mäzene - denn um solche handelt es sich, im Gegensatz zu Sponsoren - zu finden, ist ein echter Glücksfall, den ich anfangs nicht zu träumen gewagt habe. Ein wenig bestätigt das auch meine Antwort auf Ihre erste Frage, nicht wahr ...?
kulturnews: Mit welchem Killerargument haben Sie denn die Förderer von einem Engagement überzeugt? Vielleicht können Ihre Kollegen in anderen deutschen Metropolen etwas lernen ...
Sloane: Das "Killerargument" sind wir: die Musiker, die Kulturschaffenden, unsere Ideen, unser Projekt, unsere Begeisterung für unsere Sache, unser Engagement für die Stadt und die Menschen, die mit uns hier leben. Nur wenn man überzeugend lebt, was man "promotet", kann man auf ebenso überzeugte Unterstützer rechnen.
kulturnews: Sie haben den Ehrgeiz, klassische Musik auch Menschen nahezubringen, die man damit normalerweise nicht erreicht; auch ein Auftritt in einem Gefängnis käme für Sie in Frage. Als Johnny Cash das damals in San Quentin machte, spielte er Songs, welche die Situation der Häftlinge widerspiegelten. Was würden Sie denn aufführen - Verdis "Nabucco" mit dem berühmten Gefangenenchor oder doch eher etwas, das die Situation komplett vergessen macht?
Sloane: Für Johnny Cash war die direkte Reaktion auf das Publikum mit selbstgeschriebenen Texten sehr viel einfacher als für uns mit klassischen Kompositionen, die ja nur vermeintlich das Thema berühren - bei Verdis Chor handelt es sich z. B. um unschuldig versklavte Kriegsgefangene und nicht um echte schwere Jungs. Denen Freiheitshymnen vorzutragen ist dann eher seltsam ... Aber das Thema Singen ist gut - die Vorstellung, mit diesem besonderen Publikum für die Dauer eines Konzertes eine Art Männergesangsverein zu bilden, fände ich als Ausgangspunkt für programmatische Erwägungen wirklich reizvoll.
Steven Sloane (*1958) studierte an der University of California in Los Angeles und war Schüler namhafter Dirigenten wie Eugene Ormandy. 1981 zog der US-Amerikaner, der mit der Bratschistin Tabea Zimmermann verheiratet ist, nach Israel, wo er die wichtigsten Orchester dirigierte. Sloane ist ein international gefragter Gastdirigent und Festivalleiter. Seit 1994 prägt er als Generalmusikdirektor die Bochumer Symphoniker und entwickelte das Orchester zu einem der führenden in Europa. 2009 erhielt er den Ehrentitel "Bürger des Ruhrgebiets". Das in Bochum geplante Konzerthaus geht wesentlich auf Sloanes Initiative zurück.
Die Bochumer Symphoniker wurden in der Ära von Steven Sloane zweimal mit der Auszeichnung "Das beste Konzertprogramm" bedacht. Das Orchester tourt weltweit und erhielt bereits eine Grammy-Nominierung. Bis 2015 soll es ein eigenes Konzerthaus bekommen.
19.07.2012







