Julia Marcell // Story
Die Macht der Bilder
Interview: Sinah Vonderweiden & Matthias Wagner
kulturnews: Julia, du trittst neuerdings weniger als Songwriterin am Klavier auf, sondern setzt mehr auf Beats, Bass und Elektronik. Wie begegnest du der Gefahr, dass darunter die emotionale Ausdruckskraft deiner Musik leiden könnte?
Julia Marcell: Darüber denke ich gar nicht nach. Ich mache, was sich gerade richtig und interessant anfühlt. Und das ist die einzige Methode, wie ich das, was ich ausdrücken möchte, in einem Song auch ausdrücken kann. Jedes Lied verkörpert ein anderes Gefühl, eine andere Stimmung; die Verwendung unterschiedlicher Instrumente ist da hilfreich. Sie sind aber nichts weiter als Werkzeuge. Und warum sollten etwa Beats im Gegensatz zu reduzierten akustischen Arrangements einen Song in emotionaler Hinsicht weniger kraftvoll machen? Das ist ein Fehlschluss.
kulturnews: Manche erinnert dein aktueller Sound an Björk. Fühlst du dich davon geschmeichelt - oder reagierst du auch schon mal sauer auf diesen Vergleich?
Marcell: Beides ... Mit Björk verglichen zu werden, ist das größte Kompliment, das man mir machen kann. Sie ist eine fantastische Künstlerin und erweitert unablässig die Grenzen des Pop und versorgt die Welt der Musik mit so viel Hingabe und Talent. Ich bin total hingerissen von ihrer Arbeit. Manchmal nervt mich der Vergleich mit ihr trotzdem, weil ich natürlich lieber wegen meiner eigenen Arbeit wahrgenommen werden möchte. Aber das kostet Zeit, das weiß ich, und ich habe noch viel zu tun, bevor es so weit ist.
kulturnews: Du bist nicht nur Musikerin, sondern hast auch visuelle Kunst studiert und früher als Filmschaffende gearbeitet. Ist dir die Verknüpfung von Musik und Video deshalb wichtiger als anderen Musikern? Immerhin ist die Bedeutung von Clips seit dem Untergang des Musikfernsehens stark geschwunden.
Marcell: Das Visuelle ist mir wichtig, ich bin ein großer Fan des Videos als Kunstform. Die Bilder, mit denen du deine Musik unterlegst, müssen aber nicht auf diese Funktion begrenzt sein. Unsere Kultur ist visueller als je zuvor, und von Künstlern wird erwartet, dass sie ebenfalls visueller denken als je zuvor - was ich sehr mag!
kulturnews: Deine englischsprachigen Songs klingen international, man kann sie keinem bestimmten Land zuordnen. Den Refrain von "Echo" singst du nun ausnahmsweise auf Polnisch. Klingt nach aufkeimendem Heimweh ...
Marcell: Vielleicht nicht unbedingt nach Heimweh; ich reise ja ziemlich oft nach Polen. Aber seit ich in Berlin lebe, sehe ich die Kultur, in der ich aufwuchs, mit anderen Augen - und das gibt mir die Freiheit, diesem Aspekt meiner Musik nachzuspüren. Das Polnische hat allerdings eine andere Sprachmelodie, und ich brauche schon einen guten Anlass dafür. Normalerweise passt das Englische einfach besser zu meinen Songs.
kulturnews: Bist du eigentlich eine ähnlich skrupellose Herzensbrecherin wie die Icherzählerin in diesem Song ...?
Marcell: Hm, was für eine extrem schwere Frage ... (lächelt)
kulturnews: Deine Wahlheimat Berlin ist Pleite, aber noch immer ein kultureller Hotspot. Wann wird die europäische Künstlerkarawane weiterziehen - und wo ihre Zelte neu aufschlagen? Spricht etwas gegen Warschau?
Marcell: Dubai! Wir werden alle in Dubai enden. Ich meine: Schau’s dir nur mal an.
kulturnews präsentiert
17. 9. Köln, Studio 672
18. 9. Berlin, Festsaal Kreuzberg
19. 9. Hamburg, Kulturhaus 73
20. 9. München, Kranhalle
21. 9. Dresden, Filmtheater Schauburg
19.07.2012







