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Sebel // Story

Sebel
Foto: Lukas Palik

Schrei nach Liebe

Derbe, ehrlich, direkt: So ist das Ruhrgebiet, und so klingt auch Sebel, der Vollblutrocker aus Wanne-Eickel. Sein Thema: das pralle Leben unterm Grauschleier des Potts.

Interview: Franz X. A. Zipperer

Gefunden in

kulturnews: Sebel, sind der Ruhrpott, seine Bilder von rauchenden Schloten und grauen Industriegebäuden und seine malochenden Menschen inzwischen nicht sogar als Klischee überholt?
Sebel: Vielleicht im glitzernden Spielcasino auf Dortmunds Hohensyburg. Oder im Edelrestaurant in Essens ehemaliger Zeche Zollverein. Aber bei uns in Wanne-Eickel, da gibt es sie noch, die Männer mit der harten Fassade. Die sehr lauten, proletenhaften Typen, die schon mal die Fresse so richtig weit aufreißen, die lärmend fluchen und pöbeln. Freunde von mir arbeiten sogar noch unter Tage. So erlebe ich sie in ihrer kleinen Welt und muss sie in meinen Stücken so beschreiben. Es ist einfach so: Hinter jedem Stück steckt eine wahre Geschichte. Ich bin da nur Chronist. Ich bin, wie ich bin. Ich kann nicht anders.

kulturnews: Aber Fassade bedeutet doch nur, dass etwas dahinter ist ...
Sebel: Da ist nicht nur etwas, da ist sogar ganz viel. Selbst der Liedtitel "Wer soll das alles ficken?" ist ja nichts als Fassade. Dahinter steht doch nichts anderes als ein Schrei nach Liebe - wenn auch in dreisten Worten, aber letztlich voller Charme, Herz und Humor.

kulturnews: Du redest hier vom weichen Kern, der hinter der harten Schale steckt. Sind wir da nicht schon wieder mittendrin im Klischee?
Sebel: Du immer mit deinem Klischee! Hier im Pott ist es einfach noch am Leben, das Klischee. Das Eckkneipenflair beispielsweise. Nur dass der Blaumann heute der ollen zerrissenen Jeans mit Chucks unten dran und dem rotkarierten Hemd oben rum gewichen ist. Aber nach Qualm und eben jener Eckkneipe riechen die Klamotten immer noch. Und über den Durst wird auch immer noch einer getrunken. Ganz nach dem Motto: Einer geht noch. Da wir jedoch im Hier und Jetzt leben, wird aus der obligatorischen Currywurst inzwischen auch schon mal ein Kebab - und aus dem Korn ein Raki.

kulturnews: Die Geschichten der Menschen, von denen du erzählst, sind sorgfältig im Detail, realistisch in der Zeichnung, bedächtig in der Erzählweise - und gebunden an diesen Sehnsuchtsort Ruhrpott. Geht es dabei um die Beschreibung von Heimat? Ein Lied trägt den Begriff ja sogar im Titel.
Sebel: Wie in allen meinen Liedern geht es auch in "Heimat" um starke Gefühle - wie etwa der Verbundenheit zu einem bestimmten Ort, den man seine Heimat nennt, und der einen aufbaut und zurückholt, auch wenn man mal wieder alleine und verlassen ist. Insofern zeige ich schon auf, was Heimat bedeutet. Aber auch das mache ich nicht bewusst und nach Plan. Ich sage ja auch nicht ganz platt: Ich liebe das Ruhrgebiet. Heimat funktioniert da schon weitaus subtiler.

kulturnews: Die Musik, die du den Texten an die Seite stellst, ist ja eher altmodisch und kommt in Altherrenrockart daher ...
Sebel: Na ja, genau so rotzfrech, derb und rau wie die Menschen sind die Texte - und da passt nur der pure Rock’n’Roll. Ehrlich, handgemacht, kantig. Das gute alte Rock’n’Roll-Leben der 70er Jahre: Das will ich wieder in die deutschen Wohnzimmer zurückbringen. Und manchmal, wie beim Stück "Coka Kebab und Kippen", auch ganz reduziert mit einem Banjo, auf dessen Melodie die Stimme mit dem Timbre durchzechter Nächte leicht verschlurft surft.
Interview: Franz X.A. Zipperer

Wie deutsch kann man sein? erscheint Mitte August.

19.07.2012

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