Sibylle Berg // Story
Auf dem sexistischen Misthaufen
Interview: Carsten Schrader und Falk Schreiber
uMag: Frau Berg, ist es ein Zufall, dass "Vielen Dank für das Leben" in dem Jahr erscheint, in dem der Mayakalender dem 21. Dezember eine besondere Bedeutung zuspricht?
Sibylle Berg: Das ist Quatsch. Mayas - who the fuck are the Mayas?
uMag: Leben wir in einer Welt, in der sich die Menschen mehr als je zuvor vor Dingen fürchten, die nicht dem entsprechen, was sie normal nennen?
Berg: Unbedingt. Der Druck, normal zu sein, zeigt sich ja schon am Diagnostikwahn im Kinderalter. ADHS, ADSL, Ritalin und Helme beim Rollerfahren, damit es keine normabweichende Beule gibt. Die Gemeinschaft hat Außenseiter noch nie besonders gemocht, doch heute ist alles Außenseiter geworden, was nicht einem stromlinienförmigen Weltbild entspricht. Vermutlich ist einfach die Selektion der Gruppe härter geworden, seit die Bevölkerung so gewachsen ist. Befeuert durch die Industrie, die wunderbare Umsätze verdient mit dem Versprechen, Menschen zu normierten Wesen zu machen. Wer nicht passt, fliegt raus.
uMag: Wie erklären Sie einem kleinen Kind den Begriff Heteronormativität?
Berg: Ich liebe dieses Wort. Es ist so rund. Die Welt richtet sich an männlichen Parametern aus, man muss männlich, heterosexuell und gesund sein. Und sie ignoriert dabei die Hälfte der Bevölkerung, die weiblich ist, neben den zehn Prozent die homosexuell sind, den Prozenten, die behindert sind und die sonst irgendwie nicht reinpassen. Es regieren wider besseres Wissen immer noch die, die über mehr Muskelkraft verfügen. In Deutschland führen wir immerhin absurde Gespräche über die Quote, aber in den größten Teilen der arabischen Welt finden Frauen in der Regierung überhaupt nicht statt. Solange man irgendeinen Satz mit: "als Frau" beginnt oder beendet, ist die Welt ein sexistischer Misthaufen.
uMag: Ist Geschlecht eine so wichtige Kategorie, dass die gigantische Anzahl von Büchern gerechtfertigt ist, die uns erklären, wie Männer und Frauen so sind?
Berg: Ach, das ist doch sterbenslangweilig.
uMag: Das schlimmste denkbare Outfit für einen Mann?
Berg: Stinken.
uMag: Und für eine Frau?
Berg: Stinken.
uMag: Der Musiker Antony hat zusammen mit ähnlich gesinnten Künstlern einen Zirkel gegründet, der sich "Future Feminists" nennt, weil er davon überzeugt ist, dass wir die Welt nur retten können, wenn wir den Frauen die Verantwortung übertragen. Sagen sie zu, wenn er Sie fragen würde, ob sie bei den "Future Feminists" mitwirken wollen?
Berg: Ach das ist doch auch alles niedlicher Gaga. Ich würde mitmachen, wenn es um wirkliche Macht ginge. Kein Politiker, oder sagen wir, kein Großindustrieller, der eigentlich Politik macht, wird Antonys Spielkram ernst nehmen. Das ist schade , aber so sieht es aus.
uMag: Welche Gründe gibt es, sich zu verlieben?
Berg: Die Evolution, my dear.
uMag: Und welche, es bleiben zu lassen?
Berg: Ich glaube, das funktioniert nur, wenn man wirklich einen an der Waffel hat.
uMag: Gibt es eine Alternative zur romantischen Zweierbeziehung?
Berg: Im Alter, wenn die Hormone weniger nach Paarung drängen, sicher. Lebensgemeinschaften, Ökohöfe, Kommunen, alles ist möglich, nur allein leben halte ich für wenig hilfreich.
uMag: Nachdem es in Foren, die sich mit ihren Kolumnen beschäftigen, gerne mal diskutiert wird, kann man die Frage ja auch mal vor dem Hintergrund ihres neuen Romans stellen: Frau Berg, wie konservativ sind sie?
Berg: Foren? Sie meinen die Orte, an denen Menschen andere Menschen anonym beschimpfen? Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mich dafür interessiere. Konservativ, da wäre zu klären, was sie damit meinen. Wenn es bedeutet, zu versuchen, mit Menschen so umzugehen, wie ich es andersherum wünschte, dann ja, dann ist das so.
19.07.2012







