SPOT-Festival // Story
Dynamische Dänendinger
Von Carsten Schrader

SCHULTZ AND FOREVER
Jonathan Schultz ist gerade mal 17, und er hat noch keine Ahnung, wen er mit seinem Projekt Schultz And Forever alles zum Weinen bringen kann.
uMag: Jonathan, warum sollte man deine Musik unbedingt antesten?
Jonathan Schultz: Ha, jetzt soll ich Geschichten erzählen, die so spektakulär sind, dass man meine Bekanntschaft machen will und dafür all die anderen, unzähligen Musikdates im Netz ausschlägt. Ich versuche es mal, indem ich einfach ganz unaufgeregt und ehrlich antworte: Vielleicht kenne ich ja ein paar recht gute Geschichten und weiß auch Melodien dazu, die berühren.
uMag: Anscheinend, denn die dänische Singer/Songwriter-Szene mischst du gerade ziemlich auf ...
Schultz: Es läuft ganz gut, und ich habe die Möglichkeit, viele Konzerte zu spielen. Aber sind Singer/Songwriter nicht viel zu glatte Typen, die versuchen Konsens zu sein, indem sie niemandem weh tun? Ich trete zwar oft allein mit meiner Akustikgitarre auf, aber ich gebe auch Konzerte im Bandformat. Ach, Genres sind generell kacke.
uMag: Ein Label hast du aber noch nicht, oder?
Schultz: Es gab zwar schon ein paar Angebote, aber ich will es lieber langsam angehen lassen, um nicht einen übereilig unterschriebenen Vertrag zu bereuen. Mich reizen auch luxuriöse Studios nicht. Gerade habe ich eine EP aufgenommen, die auch bei Bandcamp veröffentlicht wurde. Diese drei Songs habe ich zuhause in meinem Zimmer aufgenommen, und wenn man genau darauf achtet, kann man hören, wie meine Mutter im Haus rumpoltert. Das ist mir aber auch wichtig: Musik darf nicht frei von Störungen sein.
uMag: Du wohnst noch bei deinen Eltern?
Schultz: Wir wohnen auf dem Land, etwa 40 Kilometer außerhalb von Kopenhagen. Eigentlich wäre es gut, noch ein Jahr bei meinen Eltern zu bleiben, bis ich meinen Schulabschluss gemacht habe. Aber ich schaue mir schon ständig Wohnungen in Kopenhagen an.
uMag: Gibt es Vergleiche, die du immer wieder zu hören bekommst?
Schultz: Sobald ich Falsett singe, ist von Bon Iver die Rede. Ansonsten werde ich immer mit Tallest Man On Earth verglichen, was wohl an meiner tiefen Stimme, aber auch an der Tatsache liegt, dass man mich selten ohne Zigarette sieht.
uMag: Verrätst du uMag ein Geheimnis über dich?
Schultz: Den Text von "Falling", dem Titelstück meiner EP, habe ich improvisiert, wodurch er ziemlich ehrlich und intim ausgefallen ist. Als ich mir die Aufnahme das erste Mal angehört habe, musste ich weinen. Bis dahin hatte ich es mit meiner Musik nur geschafft, meine Mutter zum Weinen zu bringen.

CARLIS
Auch Dänemark hat seinen Nerdnachwuchs: Carlis war eigentlich Schlagzeuger in einer Rockband, aber Kraftwerk und deutsche Krautrockbands weckten vor zwei Jahren in ihm den Wunsch, sich stärker über die Musik auszudrücken und mit Elektro anzufangen. Inzwischen hat er mit "Eskimos on Lava" seine erste Single veröffentlicht, doch seinen Außenseiterstatus will er trotzdem nicht aufgeben: "Als ich angefangen habe, kannte ich mich in der Szene nicht aus und war komplett frei: Jetzt weiß ich ein bisschen Bescheid und mache immer genau das Gegenteil von dem, was gerade angesagt ist", sagt der sympathische Blondschopf und grinst trotzig. So schleppt er zu seinen DJ-Sets immer jede Menge Krimskrams wie Disketten oder alte Gitarreneffektgeräte an, mit denen er die Klanglandschaften ein wenig gegen den Strich bürstet. Und nachdem er seinen Schulabschluss in diesem Sommer endlich in der Tasche hat, will er sich vollends der Musik widmen, neue Labelkontakte aufbauen und in Clubs außerhalb Dänemarks spielen. Doch sein allergrößter Wunsch, der ist natürlich wieder leicht nerdy: Er will die Musik für einen Skateboardfilm machen.

ORANGE EXTENDED
Sie sind gerade mal zwischen 16 und 18 Jahre, haben sich im Internat kennengelernt - und sie sind so funky, wie man das dänischen Jungs nie und nimmer zugetraut hätte. Aber frag mal Teenies, warum man ausgerechnet ihre Band auschecken sollte: "Wir sind noch so jung, man kann mitverfolgen, wie wir immer besser und größer werden. Wir haben unseren ganz und gar eigenen Sound, weil wir traditionellen Funk mit so unterschiedlichen Einflüssen wie Indierock, Elektro und sogar Jazz kombinieren. Vor allem aber spielen wir so unglaublich energiegeladene Konzerte." Und das Überraschende daran ist: Sie haben mit allem recht. Auf ihrer Facebookseite kann man sich jetzt die Ergebnisse ihres ersten Studiowochenendes anhören. Doch wer wissen will, wie gut Orange Extended wirklich sind, der geht zu einem ihrer Konzerte.

KRISTINA RENÉE
Auf ’ne Zigarette mit Kristina Renée? Funktioniert dann, wenn man Musik will, die nicht schön klingt und man das Gefühl hat, schon wieder viel zu lange auf das neue Portishead-Album zu warten. Kristina Renée schreibt ihre Songs in bester Singer/Songwriter-Manier auf der Gitarre und verbarrikadiert sich dann im Studio, um mit elektronischer Überarbeitung einen eigenen Sound zu finden. Doch am allerbesten preist sie sich natürlich selbst an: "Im letzten Winter war ich bei einem Konzert von Antony & The Johnsons, das war so depressiv und schmerzhaft - es war mein bester Moment des ganzen Jahres."

THE ECHO VAMPER
"Wir mögen eure Musik, aber ...": Das britisch-dänische Duo The Echo Vamper hat diesen Satz ein paar Mal zu oft gehört. Iza Mortag Freund und James Brook wollen keine Kompromisse eingehen, und so haben sie ihr für den internationalen Markt bestimmtes Album im Alleingang komponiert, produziert und gemischt. Natürlich ist krachiger Rock, der sich auf die alten Bluestraditionen beruft und auch von den verschiedenen Wave-Spielarten der 80er gehört hat, noch absetzbar. Auch Theatralik und ausgefallene Outfits kann man zu Markte tragen - nur wird es eben schwierig, wenn dahinter nicht Marketingstrategie, sondern Selbstbefreiung und das Sprengen von Konventionen stehen. Echo Vamper, wir mögen eure Musik. Punkt.

AGE OF GIANTS
Wenn zwei 14-Jährige eine Strokes-Coverband gründen, vermutet man dahinter einen Vorwand für die ersten Alkoholexzesse - aber man geht nicht davon aus, das sich daraus etwas entwickelt, was musikalisch interessant sein könnte. Doch Aske Lyck Pedersen und Zacharias Baden hat es nach dem Internat gemeinsam in die dänische Hauptstadt verschlagen, und heute sind Age Of Giants Kopenhagens beste Band auf der Suche nach einem Plattenvertrag. Die ersten Auftritte der beiden haben schnell gezeigt, dass die Möglichkeiten mit elektronischem Schlagzeugersatz doch ziemlich beschränkt sind, und so haben sie nach und nach weitere Mitstreiter gesucht. Als Quintett veröffentlichten sie im letzten Jahr die Online-EP "Mellow Fruitfullness", und Songs wie "Ghosts" lassen bereits erahnen, wozu Age Of Giants heute fähig sind: Sphärischer Indierock, der nie in Progschmalz abgleitet, sondern immer wieder eine Popmelodie sucht, die direkt ans Herz geht. Vielleicht liegt es an ihrer Strokes-Vergangenheit, dass die beiden Köpfe der Band sich heute mit Referenzen sehr schwer tun und partout keine Namen nennen wollen. Pedersen und Baden sprechen lieber von einem Grundgefühl, das Genregrenzen überschreitet und sich dann mehrfach codiert in den Songs von Age Of Giants wiederfindet. Als dann schließlich doch ein Name fällt, ist es gleichzeitig ein Outing: "Momentan höre ich ständig Drake", gesteht Baden - und bereut das auch sofort wieder. "Verdammt, jetzt checken uns nur uMag-Leser aus, die auf HipHop stehen, in dem es um Geld, Autos und Girls geht." Das negative Bild unserer Leser sehen wir ihm mal einfach nach.

ALTMODISCH
Altmodisch haben eine Tendenz zum Stalkertum, und ganz besonders der deutsche Labelchef Thomas Morr sollte sich in acht nehmen. Schließlich hat das Quintett aus Kopenhagen nicht umsonst diesen Bandnamen gewählt: Soundtechnisch orientieren sie sich am Indietronica-Genre, das von den Weilheimer Bands The Notwist, Lali Puna und Ms. John Soda um die Jahrtausendwende auf Morr Music definiert wurde. In der Tat klingt der Indieansatz mit zurückhaltender, pluckernder Elektronik nach einer längst vergangenen Ära, doch nachdem in Dänemark mit "Watches fall asleep" bereits das zweite Album von Altmodisch gefeiert wurde, sind sich die Fünf sicher, dass auch Deutschland reif für ein Revival ist. Stellt euch also darauf ein, wenn ihr einem von ihnen begegnet, wird er euch folgende Frage stellen: "Sag mal, du hast nicht zufällig die Telefonnnummer von Thomas Morr?"

MØ
Das aktuelle Grimes-Album "Visions" wurde vor ein paar Monaten überall abgefeiert und wird zum Jahresende natürlich auch in jeder wichtigen Bestenliste auftauchen. Doch wenn alles gut läuft, bekommt die Kanadierin Claire Boucher im Herbst eine ernst zu nehmende Konkurrentin aus Dänemark: Derzeit laufen die Verhandlungen über eine weltweite Veröffentlichung des Debütalbums von Mø. Auf Vermittlung ihrer Artschool-Lehrerin war die 23-jährige Kopenhagenerin gerade in New York, um zusammen mit JD Samson von Le Tigre die Songs des Erstlings zu schreiben. Und Boucher kann sich auf Youtube schon mal das Video zur Vorabsingle "Maiden" anschauen, um klar zu kriegen, was da auf sie zukommt: Ihre toughe, als Frontfrau einer Elektropunkband geschulte Seite lebt Mø mit Rapgesang und harten Beats aus, doch immer wieder hält sie mit Zerbrechlichkeit und großen melancholischen Popgesten dagegen. Wir sind gespannt auf das Duell.
19.07.2012







