Twin Shadow // Story
Endlich dumm
Von Carsten Schrader
"Wenn es um Musik geht, ist mir Intelligenz nicht wichtig", geht George Lewis Jr. alias Twin Shadow gleich in Abwehrhaltung, "weil schlaue Menschen die Musik nur analysieren, sie aber nicht genießen können." So kennt man den in der Dominikanischen Republik geborenen Musiker: Seit er vor zwei Jahren das Debüt "Forget" veröffentlicht hat, ist er auf der Flucht vor Poptheoretikern, die ihn mit seiner Mixtur aus psychedelischen Flair der 70er, Wavepop der 80er und luftigem Frenchhouse der 90er zum Mitbegründer des Trendgenres Chillwave erklären wollen. "Das war meine Selbstfindungsplatte, und sie klingt nicht so lo-fi, weil das die von mir angestrebte Soundästhetik war, sondern ich hatte einfach kein Budget und wusste damals noch nicht, was ich da eigentlich mache", setzt er nach, und sein monotoner Stimmfall lässt erahnen, wie oft er diesen Satz in den letzten Monaten wiederholt hat.
Dabei hat der New Yorker die Verteidigungspoltereien gar nicht mehr nötig. Schon auf der Tour zu "Forget" konnte er demonstrieren, wie er den schummrigen Sound mit Band im Rücken aufmotzt, und sein zweites Album "Confess" macht jetzt unmissverständlich klar, dass Lewis mittlerweile ganz genau weiß, was er da macht: Deutlich beatlastiger und blitzblank produziert, schreibt er "Pop" so groß es nur geht. Doch so leicht es ihm musikalisch auch gefallen sein mag, ein Album mit zehn Hitsingles abzuliefern, so mühsam hat er an den Texten rumgeschraubt - und da ergibt es dann auch plötzlich wieder Sinn, dass er immer noch mit zu verkopfter Musik hadert. "Bei ,Forget’ habe ich die Texte in einem Rutsch geschrieben, und jedes Wort ist im Endeffekt auch auf der Platte gelandet, aber dieses Mal habe ich ständig meine Notizen weggeworfen und von vorn angefangen, weil ich es einfacher und weniger codiert sagen wollte."
Doch oft sind es keine Liebesschwüre oder andere Nettigkeiten, für die er jedes Wort gedreht und gewendet hat. "I don’t give a damn about your dreams" heißt es in "You call me on", und "Run my Heart" endet mit einem niederschmetternden Resümee: "I’ve been working on making it start again but this isn’t love, I’m just a boy and you’re just a girl, you wanna be the one to believe it, then be the one to believe it." Natürlich hat Lewis den Albumtitel "Confess" wohlüberlegt gewählt: "Ich wollte nicht darüber singen, was fehlt und wonach ich mich sehne, sondern ich wollte eine Beziehung als das bezeichnen, was sie ist: Ja, ich liebe dich, aber das hier haben wir verkackt, das auch, und das auch, und deswegen wird es mit uns niemals funktionieren."
Kann ja sein, dass er sich eine große Last von den Schultern gearbeitet hat, doch um den Adressaten so vieler harter Worte muss man sich doch schon Sorgen machen. "Wenn man lügt, macht man es doch nur kompliziert und für alle Beteiligten sehr viel länger schmerzhaft", verteidigt er seinen Mut zu knallhart ausgesprochenen Tatsachen. "Natürlich kann ich sagen, dass mich momentan sehr viele Dinge beschäftigen und ich mehr Zeit für mich brauche, aber auch dem Gegenüber fällt es sehr viel leichter, mit den Tatsachen klar zu kommen, wenn ich sage: Ich verlasse dich, weil deine Füße stinken, weil du mit jemand anderem gefickt hast oder weil du von mir besessen bist, und ich damit nicht umgehen kann."
Letztendlich ist Lewis’ Wunsch, nicht verkopft zu sein, nicht zuviel zu denken und seine Gefühle klar zu benennen statt sie poetisch zu verschwurbeln, einer eigenen Notlange entsprungen. "Die Tour zur ersten Platte war eine ziemlich harte Zeit für mich. Ich habe sehr viele Drogen genommen, war bei keinem Konzert wirklich nüchtern, und ich hatte viele Begnungen mit Frauen, die ich ausgenutzt und schlecht behandelt habe. Parallel dazu ist mein ganzes bisheriges Leben in die Brüche gegangen. Weil ich nie erreichbar und für niemanden da war, habe ich das Verhältnis zu meinen Freunden und meiner Familie und all meine Beziehungen an die Wand gefahren. Das Befürfnis, darüber offen reden zu können, war der große Antrieb hinter dem neuen Album", sagt er und streitet dabei gleichzeitig ab, dass er all die Opfer für die Musik bereut. "Hinter all den Kämpfen mit ,Confess’ stand einzig und allein der Wunsch, endlich ehrlich und dumm zu sein." Ob die bereffenden Personen das verstehen, ist fraglich. Zumindest bekommen sie aber ihre Stinkefüße mit unglaublich guten Popsongs unter die Nase gerieben.
19.07.2012







