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Schneewittchen // Story

Schneewittchen
Foto: Ralf Mohr

Ball pompös

Schneewittchen siedeln irgendwo zwischen Rammstein, Rosenstolz, The Cure und Nina Hagen. In einer Hinsicht aber toppen Marianne Iser und Thomas Duda sie alle – und zwar gleich in doppelter Ausführung.

Interview: Michael Fuchs-Gamböck

Gefunden in

kulturnews: Schneewittchen sind nicht nur für schrille Songs aus Chanson-, Pop- und Hardrockelementen bekannt, sondern vor allem für ihre schrillen Auftritte in der Öffentlichkeit. Wie wichtig ist euch der Imageaspekt?
Marianne Iser: Der ist unter Garantie immens wichtig - obwohl wir uns auf der Bühne keine großen Gedanken über das Image machen. Da ist nichts sonderlich geplant - das muss auch nicht sein, da ich unter Dauerstrom stehe, eine äußerst extrovertierte Person bin, absolut darstellungssüchtig.

kulturnews: Deshalb zeigst du dich auf der Bühne auch regelmäßig oben ohne ...
Iser: Klar - wenn ich die Titten auspacke, springt der Funke so richtig über, jedes Mal aufs Neue! Das ist jetzt seit sechs Jahren fester Bestandteil unserer Show, den Möpsen freien Lauf zu lassen.

kulturnews: Hat das was mit einer exhibitionistischen Ader zu tun?
Iser: Auch - vor allem aber mit Selbstbewusstsein. In dem Moment, wo ich meine Dinger raushole, hat das nichts mit frauenverachtendem "Tutti Frutti" zu tun. Stattdessen bin ich die taffe Übermutti, eine Amazone mit äußerst präsenter Weiblichkeit. Diese Tittenaktion darf man nicht mit plumpem Sex gleichsetzen, sondern als Demonstration erotischer Stärke ansehen.

kulturnews: Der erotische Aspekt ist euch also nicht gerade unwichtig.
Iser: Erotik ist eine tolle Sache, wenn man spielerisch damit umzugehen weiß. Übrigens, da wir oft darauf angesprochen werden: Mit S/M haben wir nichts am Hut. Aber wir gehen mit dem Feld "Schmerz im Alltag" sehr bewusst in etlichen Texten um. Eigentlich mögen wir Schmerz nicht, aber ihn zu leugnen geht auch nicht, dafür ist er zu präsent. Daher beschäftigen wir uns damit.

kulturnews: Man hat immer das Gefühl, dass ihr all das Drama und das Theatralische eurer Lieder nicht komplett ernst nehmt, richtig?
Thomas Duda: Da ist stets ein fettes Augenzwinkern dabei. Und viel Ironie. Wenn wir nicht ironisch wären, würden wir den Wahnsinn der Realität, diese sich immer noch mehr selbst zerstörende Menschheit, unmöglich aushalten können.

kulturnews: Wobei ihr nicht ausschließlich zynisch durch die Welt geht - was man schon daran erkennt, dass ihr stark engagiert seid, soziale Einrichtungen aktiv und finanziell unterstützt ...
Iser: Das tun wir, weil wir bei all der grassierenden Unmenschlichkeit dennoch zutiefst an den humanistischen Gedanken glauben. Die Welt mag übel sein, doch jeder Einzelne kann dazu beitragen, sie ein bisschen besser zu machen.

kulturnews: Eure Texte hingegen sind nicht selten düster.
Duda: Das müssen sie sein, weil das Dasein so spannend wie furchterregend ist. Dieses eigentliche Paradox versuchen wir in unseren Versen zu vermitteln. Es gibt ja immer weniger Konstanten in der Moderne. Vieles Liebgewonnene bröselt weg. Das beklemmt uns - obwohl es auch aufregend ist, weil dadurch Platz für Neuland geschaffen wird. Aus dieser Ambivalenz heraus komponieren wir.

kulturnews: Und dann gibt es auch noch die unüberschaubare Kitschkomponente ...
Duda: Den Ausdruck verwenden wir nicht im Zusammenhang mit unserer Arbeit. Dafür liebend gerne den Begriff "Schlager", weil der viel mit intelligentem Klischee zu tun hat. Wir übertreten gerne die Grenzen der Peinlichkeit, weil wir uns dadurch weniger peinlich als vielmehr authentisch fühlen. Also: Wir reimen voller Inbrunst "Herz" auf "Schmerz". Dadurch wird die Welt so herrlich einfach! Außerdem lieben wir Pathos. Und dieses Drama wollen wir mehr und mehr nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Alltag ausleben.

kulturnews: Seid ihr eigentlich privat ein Paar?
Iser: Ich glaube schon ... Aber frag mich bitte nicht, welche Art von Paar wir sind. Auf alle Fälle können wir beide uns richtig gut leiden.


"Keine Sekunde Schweigen" ist seit Ende August im Handel.

30.08.2012


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