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Bastian Pastewka // Story

Bastian Pastewka

Die Nullhaltung

Verkleidung? War mal. Andere Rollen? Vorbei. Bastian Pastewka spielt nur noch sich selbst, wenn er mit „Pastewka“ auf Sendung geht. Und das Lustige ist: Das reicht! Der Comedian bringt umso mehr zum Lachen, je weniger er tut. Mit U_mag blickt er hinter die Kulissen des Komischen.

Interview: Jürgen Wittner

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U_mag: Herr Pastewka, worüber lacht man gegenwärtig in Deutschland?
Bastian Pastewka: Ich glaube, es gibt keine Trends. Wenn ein Komiker gut ist, stellt sich selten die Frage nach der Qualität seiner Gags. Ich glaube, dass ein großer Teil des Publikums "Hausmeister Krause" genauso gerne sieht wie Harald Schmidt, weil beides eben komisch ist und der Zuschauer schlau genug ist zu wissen, dass das eine derb ist und das andere scharfzüngig.

U_mag: Schmerzt es, schlechte Formate im Fernsehen zu entdecken?
Pastewka: Ja, es gibt Formate, über die ich leider sagen muss, dass sie nicht gut gearbeitet sind. Das nervt mich. Aber ich will hier nicht über Geschmack streiten. Ich mag ja selber verrückte Comedy. Es gibt eine amerikanische Komödie namens "Voll auf die Nüsse!". Der Titel beleidigt meine Intelligenz, aber es ist ein großartiger Film mit Ben Stiller und Vince Vaughn. Mit welcher Intelligenz sie sich in diesem Werk zu Volltrotteln machen, und dies auch noch so konsequent, ist genial. Einen solchen Film fürs Kino hier in Deutschland herzustellen, ist aber ganz, ganz schwer.

U_mag: Warum?
Pastewka: Weil deutsche Kinokomödien immer noch gerne als Blödelfilme gewertet werden oder weil sie niemand wirklich unterstützt. Mit unserer Wallace-Hommage "Der Wixxer" hatten Oliver Kalkofe, Oliver Welke und ich eine Parodie auf ein deutsches Kriminalfilm-Genre der 60er Jahre konzipiert. Als wir damals das Drehbuch schrieben, glaubte niemand an ein Gelingen dieser Idee. Als ein Jahr später dann Bully Herbigs fantastische Komödie "Der Schuh des Manitu", also eine Parodie auf die andere große deutsche Kinoserie der 60er Jahre, auf die Leinwand kam, bekamen wir plötzlich einen Rückenwind, der uns fast an die Wand geblasen hätte. Plötzlich hieß es: Ha, ein Rezept ist gefunden! Die machen das ja schließlich auch! Dabei ist unsere Wixxer-Welt eben doch ganz anders als die von Bully. Ich weiß aber, dass beide Filme ihre Fans haben, weil das geneigte Publikum eben sehr genau unterscheiden kann, im Gegensatz zu einigen so genannten Machern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass z. B. Programmgestalter von Fernsehproduzenten oft die schnellstmögliche Anbiederung an den Zuschauer einkaufen, von dem sie meist annehmen, dass er permanent gerne Ähnliches oder gar Gleiches sieht. Deshalb gibt es nicht nur eine Telenovela, sondern gleich eine ganze Schwemme. Und in meiner Disziplin gibt es Funfreitage. Wenn einmal gelacht wird, lacht man auch von Viertel nach acht bis Mitternacht. Das ist die irrige Annahme.

U_mag: Das ist Comedyoverkill. Die Einschaltquoten aber sind gut ...
Pastewka: Eben! Alles, was ich hier eben sagte, wird von jeder Marktanalyse der Welt ins Gegenteil verkehrt. Die Leute bleiben dran! Sie gucken sich unterschiedliche Stücke an, sie gucken erst "Ladykracher", dann "Hausmeister Krause", dann "Die Camper" und dann "Axel Stein". Das sind ganz verschiedene Stücke, dann gucken sie vielleicht noch "Pastewka", was noch mal ein bisschen anders ist.

U_mag: Verteidigen Sie jetzt das Konzept des Funfreitags?
Pastewka: Ich versuche, es mir zu erklären. Ich hab das Rezept ja auch nicht. Wenn ich alle Gesetzmäßigkeiten für gute Unterhaltung kennen würde, würde ich sie wahrscheinlich permanent anwenden, und auch das wäre schon wieder falsch. Rezepte nutzen sich auch sehr schnell ab.

U_mag: Eine Sendung mit einem von Anfang an falschen Konzept ist für mich die "Schillerstraße".
Pastewka: Ich bin genau anderer Meinung. Die "Schillerstraße"-Macher sind prima und haben ein Superformat in der Hand. Die Basis ist der Theatersport, also komische Improvisationen auf der Bühne, wie sie bundesweit vielerorts stattfinden. Die "Schillerstraße" hat erstmals begriffen, wie man diese Impro-Comedy in eine originäre Form des Fernsehens übersetzt. Vorher hat man irgendwie Theatergruppen gezeigt, die sich von den Zuschauern im Publikum des "Fernsehgarten" Begriffe zuriefen ließen und dann zehn Minuten improvisiert haben. Das war’s. Das war abgefilmte Bühne. Die "Schillerstraße" aber arbeitet mit den technischen Möglichkeiten des Fernsehens und nicht mit denen der Bühne. Ich verehre die Leute, die das machen, alle sehr, speziell Annette Frier und Cordula Stratmann. Und da sind wir auch bei der Frage: Was ist eigentlich mit Comedyfrauen? Ich finde, wenn Annette Frier und Cordula Stratmann
15 Minuten alleine die "Schillerstraße" eröffnen, ist das derzeit einer der besten Momente im deutschen Fernsehen.

U_mag: Sie haben einmal erzählt, ihr eigenes Leben diene als Fundgrube für all die Missgeschicke in der Serie "Pastewka".

"Wir können nichts tun, außer die Leute zum Lachen zu bringen."

Pastewka: Und die Tatsache, dass ich im eigenen Leben nichts mehr erlebe! Das macht die Sache so spannend. Ich habe keine Hobbys mehr, weil mein Beruf mich ausfüllt. Ich habe nicht mehr die Freunde, mit denen ich früher um die Häuser gezogen bin, um auf Partys Frauen erwartungsvoll anzustarren. Ich habe keine besondere Affinität zur Malerei, zur Kunst, zur Musik und muss mich in diesem Alltag, der mich im Grunde nicht interessiert, zurechtfinden. Sicher: Wir haben die Fernsehfigur Pastewka nicht so misanthropisch gehalten, wie sie jetzt vielleicht erscheint, aber die permanente Unlust, sich wirklich auseinanderzusetzen mit vielen Menschen oder Kollegen, die möchte ich in dieser Serie sehr genüsslich ausarbeiten.

U_mag: Dieser Aspekt ist Ihnen wichtiger als Ihre Anreihung von Pannen, die Sie da produzieren?
Pastewka: Ja, absolut! Denn ich weiß, dass aus dieser Nullhaltung auch sehr viel entsteht, nämlich Missverständnisse. Und die sind die Basis unserer Sitcom.

U_mag: Früher haben die Menschen mehr über soziale und politische Missstände gelacht, wenn die auf der Bühne vorgeführt wurden. Heute wird mehr über Individuen gelacht. Wird der Lachende heute sogar im Lachen auf seine Einsamkeit zurückgeworfen?
Pastewka: Die Frage ist, ob die Individualität immer Einsamkeit bedeutet.

U_mag: Ist Politik nicht mehr satisfaktionsfähig?
Pastewka: Ich glaube, Politik ist nicht mehr klar erkennbar. Speziell, seit wir eine Große Koalition haben, in der Widerstände überhaupt keine Rolle mehr spielen. In der fast alles hinter verschlossenen Türen und plötzlich beschlossen wird. Und zwar während einer WM beispielsweise, wo die Menschen gerade beim Public Viewing sind. Und man die Gesundheitsreform, die in dem Moment angeschoben wird, gar nicht mehr überblickt. Da hilft vielleicht das Unterhaltungsfernsehen. Ich glaube, dass sich unheimlich viele Leute manche politischen Erkenntnisse über die Analyse von Harald Schmidt aneignen, anstatt sich durch lange Leitartikel der Zeit zu arbeiten.

U_mag: Aber auch der erreicht die Jungen ja nicht. Und wenn immer mehr junge Menschen Probleme haben, einen gut bezahlten Job zu kriegen, und sich von Praktikum zu Praktikum hangeln: Kann denn Comedy auf eine solche Entwicklung überhaupt nicht reagieren?
Pastewka: Wir können nichts tun, außer die Leute zum Lachen zu bringen. Und sie vielleicht dabei nebenher zu schulen, nah bei sich zu bleiben.

U_mag: In einer "Pastewka"-Folge kommt ein alter Nazi vor, der sich dann auch noch als liebenswürdig herausstellt. Sie werden damit auf subtile Art politisch, obwohl das Geschehen um den Nazi eingebettet ist in eine der üblichen Pannenfolgen Ihrerseits. Werden Sie politisch nur dann, wenn es dramaturgisch ins Script passt?
Pastewka: Ganz am Anfang haben Sie den richtigen Satz gesagt. Es ist der Widerspruch, um den es uns ging. Mein Autor Chris Geletniky liebt alle seine Figuren und lässt sie in den unmöglichsten Momenten aufeinanderprallen, um zu gucken, was passiert. Dazu braucht es Charaktere mit Widerhaken.

U_mag: Ich vermisse, dass Comedy auch mal unmittelbar ans Herz geht. Olli Dittrich erreicht das mit seiner Figur Dittsche ab und an. Das sind dann schlicht tragische Momente. Aber vielleicht sieht man sie so selten, weil da eben nicht alle Zuschauer mitgehen wollen.
Pastewka: Es ist nicht spielentscheidend, welcher Zuschauer wann mitgeht und warum. Aber richtig: Olli Dittrich nimmt sich die Zeit, seinem Dittsche diese Traurigkeit mitzugeben.

U_mag: Ist das eine Herausforderung auch für Sie?
Pastewka: Wir leisten uns durchaus die Momente, in denen Bastian alleine im Regen steht, weil er wieder mal alles vermasselt hat, und einmal kurz zum Himmel schaut. Aber der Charakter sagt sich dann sofort: Weiter geht’s! Unsere Form ist es, die Tragik in einem kleinen Moment auszuspielen, um Bastian im nächsten Moment schon wieder so zu zeigen,
als wäre nichts gewesen. Damit weiß man: Es. Wird. Sich. Nichts. Ändern.

01.10.2006


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