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Bob Dylan // Story

Bob Dylan
Foto: Sony Music

Keine Ahnung

Wer immer noch nach dem Sinn des Lebens sucht, kann aufatmen: Bob Dylan hat ihn im Angebot.

Text: Matthias Wagner

Gefunden in

Es gab mal eine Zeit, da war es ziemlich egal, ob Bob Dylan ein neues Album veröffentlichte oder nicht. In den 80ern, zwischen Pershing II und Postwave, war kein Platz mehr für den Superstar von einst, der die 60er - das wichtigste Jahrzehnt der Popgeschichte - geprägt hatte wie keiner sonst. In den 80ern war der zerzauste, trinkende, nur selten noch musengeküsste Mann aus Minnesota abgewrackt - und hatte nicht mal eine Prämie dafür bekommen.

Als ihn Mitte der 90er auch noch eine lebensbedrohliche Herzerkrankung heimsuchte, waren die Nachrufe schon geschrieben. Doch mitten in dieser Krise veröffentlichte er das gespenstisch gute Album "Time out of Mind"; alles wurde anders und von Album zu Album immer besser, künstlerisch wie kommerziell. Sein letztes, "Modern Times", verkaufte sich millionenfach. Und wenn es heute aus heiterem Himmel heißt, Bob Dylan veröffentliche in vier Wochen ein neues Album, dann herrscht zu Recht wieder Aufregung in den Redaktionen und Feuilletons.

Dylan ist die letzte Ikone aus den 60ern, die heute noch Relevanz hat - ein Fazit, das sein neues Album bestätigt. Es heißt "Together through Life" und hat ein merkwürdiges Cover. Wir sehen ein ineinander verknäultes halbnacktes Liebespaar auf dem Rücksitz eines Wagens, der die linke Spur einer Autobahn befährt. Man kann nicht erkennen, ob es sich um einen Mann und eine Frau oder zwei Männer handelt. Es ist auch nicht wichtig. Interessanter ist das, was fehlt: Dylan selbst.

Von 46 offiziellen Alben unter seinem Namen (ohne Sampler) zeigen nur fünf kein Bild des Künstlers. Zwei davon fallen in sein kurzes Tête-à-tête mit dem Christentum ab 1979; damals gab er sein Ego ab an ein noch größeres. Ebenso viele Dylan-lose Albumcover betreffen die jüngsten drei Platten seit 2006 - eine bemerkenswerte Quote. Gut, er lässt sich immer widerwilliger fotografieren. Dieser Artikel etwa muss mit Bildern illustriert werden, die Jahre alt sind; es gibt einfach keine neueren. Doch es kann auch mit einem neuen Selbstverständnis Dylans zu tun haben, mit seiner zunehmenden Demut gegenüber jenen Musiktraditionen, denen er sich seit dem 1995er "Time out of Mind" immer stärker verpflichtet fühlt.

Als Genius jedenfalls sieht sich Dylan selbst schon lange nicht mehr. In seiner Autobiografie "Chronicles" schaut er staunend zurück auf jenen jungen Mann, der er einst war und der Zugang hatte zu unerhörten Klängen und Versen, die sich dann irgendwann vor ihm verschlossen (und für keinen anderen je wieder öffneten). Das Genie, das einst scheinbar aus dem Nichts die Pop- und Stilrevolution "Like a rolling Stone" schuf, ist längst zu einem bodenständigen Künstler und - im besten Sinne - Kunsthandwerker geworden, der sich glühend vor Interesse hineinwühlt in die Geschichte von Folk, Country, Blues und Swing und Versatzstücke all dieser Stile benutzt, um daraus Flickenkleider für seine Songs zu schneidern.

Das tut Dylan natürlich auch jetzt wieder. Stilistisch ist sein Album ein Mix aus Chicago Blues und Bordercountry. Den prägendsten Sound dafür steuert David Hidalgo von Los Lobos bei, dessen Akkordeon für Texmexflair sorgt. Schon im ersten Stück, "Beyond here lies nothin’", zeigt sich die Essenz von Dylans längst säkularem Weltbild, das spätestens mit seinem Abgesang aufs Paradies, "Ain’t talkin’" vom "Modern Times"-Album, zutage trat. "Oh well, I love you, pretty baby", fängt die alte Schredderstimme an zu singen, "you’re the only love I’ve ever known/... Beyond here lies nothin’/Nothin’ we can call our own."

Diese ganz und gar weltliche Sicht der Dinge, die keine Hoffnung mehr mit einer Jenseitsvorstellung verbindet und sich stattdessen gelassen und sarkastisch mit der elementaren Bedeutung der Zweierbeziehung angefreundet hat, zieht sich durchs ganze Album. Sogar durch Trennungsballaden wie "Life is hard", ein langsamer Schunkler, der einer Verflossenen hinterherjammert und wieder einmal in jenem Bekenntnis mündet, das Dylan nicht müde wird seinen Vergötterern entgegenzuhalten: "I don’t know what’s wrong or right."

Keine Ahnung - das ist Dylans Haltung. Ihren frühen Ursprung muss man in den Traumata der Mitt-60er suchen, als er entsetzt feststellte, dass man ihn für den Messias hielt. Sogar seinen Müll stahl man damals, als könne dessen Exegese mehr verraten über diesen enigmatischen Heiland. Seither will Dylan nichts lieber, als für einen einfachen Menschen gehalten zu werden, dessen Lyrik nichts Doppeldeutiges hat und der auf keine wichtige Frage eine Antwort weiß. In neuen Songs wie dem luftigen Texmexblues "My Wife’s Hometown" bringt er deshalb immer wieder Intellekt und Emotionen gegeneinander in Stellung, als befürchte er, die Welt könne zurückfallen in den Wahn, ihn für einen allwissenden Anführer zu halten: "My love for her is all I know."

Lieder über die Liebe ziehen sich seit Dekaden durch Dylans Werk. Doch noch nie wurde dieses Gefühl mit solch existenzieller Bedeutung aufgeladen wie jetzt. Alles verdichtet sich zu einer simplen (und umso größeren) Antwort auf den Sinn des Lebens: Entscheidend ist das Gegenüber, der vertraute Mensch, der diese sinn- und ziellose Existenz mit einem teilt. Einen solchen Menschen zu finden ist das Mindeste, was man erreichen muss im Leben - und zugleich das Höchste, was man überhaupt erreichen kann. Um dieses Suchen, Finden und Scheitern daran geht es in den neuen Songs, auch musikalisch: Manchmal spielen Hidalgos Akkordeon und Mike Campbells Gitarre minutenlang das gleiche Riff, sie winden sich dabei girlandenförmig ineinander. Das ist eine starke instrumentale Metapher für die Liebe - und vielleicht der beschwingteste Moment seit "If not for you" vom 1970er-Album "New Morning".

In diesem Monat wird er 68. Da ist man normalerweise in Rente oder taumelt als Comebackzombie durch die Clubs, um noch ein wenig schale Nostalgie abzuschöpfen. Doch weder Bob Dylans Alben noch seine Tourneen haben etwas von jenem Odeur aus Angst und Verzweiflung, das Oldienächten anhaftet.

Nein, Dylan ist nicht tot. Er riecht nicht mal schlecht.

Rezension "Together through Life":

Das Album "Together through life" ist seit Ende April 2009 erhältlich.
Zur Rezension >>


Videoclip:



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29.04.2009

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